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Traurige Pointe

Ist Lisa Eckhart noch Satire oder schon Hetze? In Deutschland wächst der Antisemitismus und die Juden in den Gemeinden werden weniger

  • Von Karsten Krampitz
  • Lesedauer: 7 Min.

Wann überhaupt ist ein Witz antisemitisch? Darüber wird seit geraumer Zeit gestritten am Beispiel Lisa Eckhart, der in Leipzig wohnenden Kabarettistin aus Österreich, die außerdem als Schriftstellerin in Erscheinung tritt und neuerdings sogar als Literaturkritikerin. Ihre Einladung ins »Literarische Quartett« des ZDF sorgte jüngst für heftigen Protest. Maxim Biller schrieb in der »Süddeutschen Zeitung«, Lisa Eckhardt sei mit ihrem Bühnenprogramm im »Nazi-Domina-Look« eine Antisemitin und habe in der Literatursendung, dem Lebenswerk des Shoa-Überlebenden Marcel Reich-Ranicki, nichts verloren.

Kurzer Rückblick: Mit einigem Zeitverzug geriet in diesem Jahr ein TV-Ausschnitt zum Skandal, indem Eckhart meinte, man möge Juden wie Harvey Weinstein als Wiedergutmachung das Belästigen von Frauen erlauben, weil mit Geld ja nichts gutzumachen sei. O-Ton Eckhart: »Jetzt plötzlich kommt heraus, den Juden geht’s wirklich nicht ums Geld. Denen geht’s um die Weiber, und deswegen brauchen sie das Geld.« - Ist das noch Satire oder schon Hetze? Ihre Apologeten reden von fiktionaler Rollenprosa, von uneigentlichem Sprechen. Lisa Eckhart wäre die advocata diaboli, die uns unsere moralische Verlogenheit aufzeigt. Tatsächlich? Beim »Bayernslam« 2016 in Bayreuth erheiterte Lisa Eckhart ihr Publikum mit der Preisfrage, wer wohl die folgende Liedzeile geschrieben habe: »DJ Ötzi oder Joseph Goebbels? Ich schenk’ dir einen Stern, der deinen Namen trägt.« Funktioniert der Witz auch ohne sechs Millionen tote Juden? Lisa Eckhart geht über Leichen.

Vielleicht ist das Problem gar nicht so sehr Lisa Eckhart, die sich zu inszenieren weiß und inszeniert wird: als Opfer einer üblen Cancel Culture. Lisa Lasselsberger, so ihr bürgerlicher Name, ist nur eine Unterhaltungskünstlerin ohne Haltung. Das Problem ist ihr Publikum. Menschen gehen ins Kabarett, nicht weil sie aufgeklärt oder belehrt werden wollen, sondern um lachend Bestätigung zu finden für ihre Vorurteile, als würden sie meinen: ›Die Juden sollen mal endlich Ruhe geben. Irgendwann muss auch Schluss sein mit dem Schuldkult. Wir lachen doch über alles und jeden, warum nicht auch über Juden? Jerry Seinfeld, Mel Brooks oder Krusty, den Clown etc., die erzählen auch Judenwitze!‹ - Nur eben über sich selbst.

Im Nebel antisemitischer Zoten tummeln sich längst auch andere: Chris Tall, was für ein Komiker, lädt schon mal zur »Chris-Tall-Nacht«. Ingmar Stadelmann, dem der RBB eine eigene Abendshow gegeben hat, schwärmt davon, dass man »Mein Kampf« inzwischen bei Amazon bestellen und mit gelben Sternen bewerten kann.

Wenn ein Geschehen sehr lange her ist, dann sagen die Leute oft, dass es »nicht mehr wahr« ist. Vielleicht liegt das Dritte Reich einfach zu lange zurück?

Statistische Täuschung

Die traurige Pointe dabei ist die, dass es jene Menschen hierzulande, auf deren Kosten solche Witze gehen, womöglich bald nicht mehr geben wird. Das neue jüdische Leben, das in den Medien bejubelt wird, ist eine statistische Täuschung: Als Stephan B. vor über einem Jahr an Jom Kippur in der Synagoge in Halle einen Terroranschlag verüben wollte, war er zum Glück außerstande, die Tür einzutreten. In seinem Hass ermordete er draußen zwei nichtjüdische Menschen. Bemerkenswert: In der Synagoge hielten sich zur Tatzeit 50 Menschen auf, darunter 25 US-amerikanische Juden, die zu Gast waren. Soweit bekannt, nahmen also am Gottesdienst lediglich zwanzig Gemeindemitglieder teil, von offiziell 537. Jom Kippur, das jüdische Versöhnungsfest, ist der höchste jüdische Feiertag, vergleichbar mit Weihnachten, an dem die Kirchen voll sind mit Leuten, die sonst nie zum Gottesdienst kommen. Mit Blick auf Halle stellt sich die Frage: Wieviele beten denn sonst in der Synagoge? Zwei Menschen? Drei?

Der Mordanschlag von Halle ist derzeit auch Gegenstand der Online-Ausstellung »Drachen Burgen Juden Hass - jüdisches Leben in ostdeutschen Realitäten«, ein multimediales Kunstprojekt von Sebastian Jung. Der 1987 in Jena geborene Künstler will in formalen Experimenten der Frage nachgehen, wie eine reale Bedrohung sichtbar gemacht werden kann, »ohne eine Geschichte von passiven Opfern zu erzählen und die eigene Rolle als nicht-jüdischer Deutscher auszublenden«. Zudem lässt er in einem »Think Tank« Persönlichkeiten des jüdischen Lebens zu Wort kommen, u.a. Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, die in der Wendezeit als Mitarbeiterin am Zentralen Runden Tisch mitverantwortlich war für den »Aufruf zur Aufnahme sowjetischer Juden in der DDR«, der nach einigen Mühen eine gesamtdeutsche Umsetzung fand. Ihr Resümee dazu: »Etwa 200 000 jüdische Kontingentflüchtlinge wanderten auf diese Weise nach Deutschland ein. Ohne sie gäbe es in Ostdeutschland kein jüdisches Leben mehr.« Wenn es doch so wäre. Walter Rothschild, der noch vor Jahren in Halle als Gemeinderabbiner tätig war, wiederholt, was manche in der Gemeinde sagen: »Wir haben Juden erwartet, und es sind Russen gekommen.« Die allerwenigsten hätten Hebräisch-Kenntnisse gehabt oder einen gelebten religiösen Bezug zum Judentum. Daran habe sich nicht viel geändert. Wer in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion wirklich Jude sein wollte, der sei nach Israel gegangen.

Die Pyramide steht auf dem Kopf

Laut Statistik waren im Jahr 2019 von den 537 Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde in Halle 82 älter als 80 Jahre, während es nur sieben Kinder im Alter bis zu drei Jahren gab. Bundesweit hat es im selben Jahr in den Jüdischen Gemeinden 94 771 Mitgliedern gegeben, bei insgesamt nur 245 Geburten, davon 3 in Sachsen-Anhalt, wohingegen 2726 Mitglieder der Jüdischen Gemeinden verstorben sind, davon 63 in Sachsen-Anhalt. Diese Zahlen sprechen für sich. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. in Frankfurt am Main verzichtet in der Mitgliederstatistik auf die sonst übliche grafische Darstellung in Form einer Alterspyramide. Denn eine solche würde das Unglück noch deutlicher werden lassen: Die Pyramide stünde komplett verkehrt herum, auf dem Kopf. In der Jüdischen Gemeinde in Deutschland ist die Zahl der Todesfälle gegenwärtig elfmal höher als die Geburtenzahl; im Bundesland Sachsen-Anhalt sogar einundzwanzigmal höher. Diese Entwicklung wird nicht zu stoppen sein. Schon gar nicht in Ostdeutschland, wo die Menschen, wie es der evangelische Theologe Wolf Krötke sagt, vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Hier haben nicht mal Sekten eine Chance, geschweige eine Religion wie das Judentum, mit seinen komplizierten Riten und Regeln.

In Frankfurt am Main oder Berlin wird es auch in Zukunft jüdisches Leben geben. In diesen Städten haben schon vor den Neunzigerjahren Jüdische Gemeinden existiert. Nicht so im Beitrittsgebiet, wo vor der Maueröffnung noch 300 Menschen jüdischen Glaubens lebten. In zehn, vielleicht erst in fünfzehn Jahren werden die Jüdischen Gemeinden in Ostdeutschland schließen. Walter Rothschild sagt: »Übrigbleiben wird ein Geschäftsführer, gut bezahlt, mit Dienstauto. Die Gemeinden sind ja Körperschaften des öffentlichen Rechts, und jemand muss den Schlüssel zum Friedhof haben.«

Konvertiten

Bei den Gedenkfeiern wird aber immer jemand von der Jüdischen Gemeinde zugegen sein. Wofür gibt es Konvertiten? Leute wie Stephan J. Kramer, ehemals langjähriger Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Der heutige Präsident des Verfassungsschutzes in Thüringen war früher Mitglied der CDU, später der FDP und trat dann der SPD bei, wohingegen er die Religion nur einmal tauschte. - Die Frage, wie sich jüdische Identität definiert, wäre ein Thema für sich, auch fürs Kabarett. Ebenso die Frage, ob man wie aus einer Partei auch aus der deutschen Geschichte austreten kann, etwa durch Konversion zum Judentum.

Im Rahmen des Gedenkens an das Novemberpogrom 1938 war vor Jahren einmal der Rabbiner und Universitätsprofessor Walter Homolka Ehrengast der Linkspartei im Thüringer Landtag, auch er ein Konvertit. Das ist doch mal ein guter Witz: Ein Deutscher, der früher einmal Pfarrer werden wollte, dann die Religion gewechselt hat, aber immer noch Deutscher ist, mit christlich-bayrischen Wurzeln, dieser Mann nimmt die betroffenen Blicke seiner Landsleute entgegen, für die sechs Millionen Opfer der Shoa.

Hin und wieder erzählt Walter Homolka eine andere Geschichte: Seine Mutter sei jüdischer Herkunft gewesen. Eine Aussage, die bei Wikipedia lediglich mit einem Artikel aus den »Potsdamer Neuesten Nachrichten« belegt wird. Für einen Historiker ist das keine Quelle. Wenn dem so ist, warum musste Homolka dann konvertieren?

Die Wieder-Gutmachung hat 75 Jahre nach Kriegsende Gestalt angenommen: Die Deutschen schaffen sich ihre eigenen Juden. Eines Tages wird es hierzulande normal sein, dass bei einer Stolperstein-Verlegung ein Proselyt das Grußwort hält; ein Nachfahre der Täter spricht für die Nachfahren der Opfer.

In Berlin sind die Konvertiten schon heute sehr aktiv: Eine Dame, die bei Rabbi Rothschild Jüdisch-Unterricht genommen hat, organisiert hier schon mal einen Kippa-Flashmob in Neukölln. Und zwar, wie das Foto im »Tagesspiegel« zeigt, mit schwarzer Lockenperücke und gemalten Sommersprossen, so wie die Juden halt ausschauen. Gut 20 Polizisten hatten alle Hände voll zu tun, acht Israel-Freunde zu schützen. Es musste doch unbedingt Neukölln sein; Pankow kann jeder. In der Jüdischen Gemeinde, sagt Rabbi Rothschild, gebe es ein geflügeltes Wort: »Wie heißt in Berlin das Gegenteil von Arisierung? - Wiederjudmachung«.

https://drachenburgenjudenhass.de

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