Vietnamesische Gemeinden entwickeln sich selbst

Nguyen Thi Huong über die Vorteile der Selbstverwaltung auf lokaler Ebene

  • Lesedauer: 3 Min.
Mit dem agrarökologischen Anbau halten die Kleinbäuerinnen und -bauern ihre Felder frei von Ackergiften.
Mit dem agrarökologischen Anbau halten die Kleinbäuerinnen und -bauern ihre Felder frei von Ackergiften.

Viele Deutsche nehmen Vietnam als einen stark zentralisierten Staat wahr, in dem politische Entscheidungen häufig von oben herab und ohne wirkliche Mitsprache der Bevölkerung getroffen werden. Wie kommt es da, dass die Dorfbewohner*innen in der Gemeinde Tan Loi selbst bestimmen dürfen, welche Entwicklungsprojekte umgesetzt werden?
Nguyen Thi Huong: Tatsächlich waren die Entscheidungsprozesse in Vietnam lange Zeit ausschließlich von einem Top-Down-Ansatz geprägt. In den vergangenen Jahren hat die Regierung jedoch eine Reihe von Richtlinien und Verordnungen erlassen, mit denen die Beteiligungsmöglichkeiten der lokalen Bevölkerung verbessert werden. Aber bis diese landesweit umgesetzt werden, wird es noch einige Zeit dauern. Denn um sich überhaupt beteiligen zu können, müssen die Menschen erst mal entsprechende Fähigkeiten erwerben. Unser Projekt hilft ihnen dabei.

Die Dorfbewohner*innen entscheiden, welche Projekte am dringendsten benötigt werden, und setzen diese dann selbst um. Was sind die Vorteile dieses Community-Management-Ansatzes?
Die Dorfbewohner*innen wissen selbst am besten, was ihre Probleme sind und wie diese gelöst werden können. Wenn sie die Gelder zudem selbst verwalten, haben sie ein Eigeninteresse, die Kosten möglichst gering zu halten. So werden vorhandene Ressourcen bestmöglich genutzt. Außerdem erwerben die Dorfbewohner*innen im Rahmen des Prozesses viele nützliche Fähigkeiten: Sie lernen zu priorisieren, Entscheidungen zu treffen, Aktivitätenpläne zu erstellen und umzusetzen. Auch der Zusammenhalt untereinander wird verbessert. Letztlich werden ihr Verantwortungsbewusstsein und ihr Selbstvertrauen gestärkt. Sie fühlen sich wertgeschätzt und versuchen ihr Bestes, die ihnen zugewiesenen Aufgaben zu erledigen.

Partizipative Entscheidungsprozesse sind aufwendig und brauchen Zeit. Wie habt ihr die lokalen Regierungsvertreter*innen vom Community-Management-Ansatz überzeugen können?
Wir haben natürlich auf die Verordnungen der Zentralregierung verwiesen und erklärt, wie ihre Umsetzung durch den Community-Management-Ansatz unterstützt wird. Zudem laden wir die lokalen Regierungsvertreter*innen ein, an einzelnen Projektmaßnahmen teilzunehmen. Sie wissen hierdurch besser über die Bedürfnisse und Stärken der Menschen vor Ort Bescheid und sehen, wie sie lokale Ressourcen bei der Entwicklung und Umsetzung von Entwicklungsmaßnahmen besser nutzen können. Entscheidend aber ist, dass sie selbst merken, wie sich ihre Beziehung zu den Dorfbewohner*innen verbessert und es viel weniger Anlass für Beschwerden gibt. Das stärkt ihr Vertrauen, dass es richtig ist, staatliche Gelder an die Bevölkerung zu übertragen.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Einführung des Ansatzes in Tan Loi?
Vor allem die Frauen waren anfangs sehr schüchtern und nicht daran gewöhnt, ihre Stimme zu erheben. Wir haben nicht lockergelassen und sie immer wieder ermutigt, sich zu beteiligen und sogar Schlüsselrollen zu übernehmen.

Was wünschst du dir für die Zeit, wenn das Projekt vorbei ist?
Ich wünsche mir, dass der Community-Management-Ansatz weiter angewendet wird und wir die Möglichkeit bekommen, ihn auch auf andere Gemeinden auszudehnen.

Nguyen Thi Huong ist Mitarbeiterin der Nichtregierungsorganisation DWC, die sich der Förderung von Frauen und Kindern verschrieben hat.

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