Eine starke Süd-Süd-Partnerschaft

Das vier Länder im Südlichen Afrika umfassende Netzwerk entwickelt sich auf Augenhöhe

  • Von Katja Neuendorf, sodi
  • Lesedauer: 5 Min.
Die Küche des Umweltzentrums von NaDEET in Namibia kocht für ganze Schulklassen mit Sonnenenergie.
Die Küche des Umweltzentrums von NaDEET in Namibia kocht für ganze Schulklassen mit Sonnenenergie.

»Ich bin sehr froh, mit der Agentur für soziale Arbeit in Pietermaritzburg (PACSA) Teil des neuen länderübergreifenden Projekts zu sein. Wir wollen gemeinsam ein starkes Netzwerk aufbauen, unser Wissen teilen und so den Kampf gegen den Klimawandel, der das Südliche Afrika langsam zerstört, gestärkt angehen«, sagt Michael Malinga, Koordinator von PACSA.

Sommer 2019: Fachweiterbildung zu Agrarökologie in Südafrika
Sommer 2019: Fachweiterbildung zu Agrarökologie in Südafrika

Im Mai 2019 trafen sich in Namibia erstmals 15 Vertreter*innen der vier Partnerorganisationen von SODI aus dem Südlichen Afrika. Die namibische Umweltorganisation EduVentures hatte als Gastgeber zum Kennenlernen eingeladen. Vorher gesehen hatten sich die Teilnehmer noch nie, aber die vier Organisationen haben ein gemeinsames Ziel: Das agrarökologisch orientierte Surplus People Project (SPP) und PACSA aus Südafrika, der Verein für Solidarität und Entwicklung durch Selbsthilfe (ASDA) aus Mosambik sowie EduVentures aus Namibia möchten mit ökologischen Lösungen Menschen eine sichere Zukunft ermöglichen. »Die Idee einer Online-Plattform zum praktischen Wissensaustausch über Umwelt und Landwirtschaft erlaubt uns eine Strategie gegen einen gemeinsamen Feind, der nicht an Grenzen halt macht«, sagt Felisberto Baûque Agraringenieur von ASDA. Für gute Verständigung war schnell gesorgt, denn EduVentures-Mitarbeiter Fernando Filipe kommt ursprünglich aus Angola und konnte so den Kolleg*innen von ASDA während des Treffens über die Sprachbarriere helfen, denn sie sprechen vornehmlich die Landessprache Portugiesisch und nicht so gut Englisch wie die anderen.

Workshops zu agrarökologischer Landnutzung verbessern die Ernteerträge.
Workshops zu agrarökologischer Landnutzung verbessern die Ernteerträge.

ASDA hat jahrelange Erfahrung mit der Projektarbeit zu ökologischen Anbaumethoden und der Stärkung von kleinbäuerlichen Rechten. EduVentures wiederum sind Spezialisten auf dem Gebiet pädagogischer Methoden, um Schüler*innen für Umweltschutz zu begeistern. PACSA und SPP organisieren Kampagnen für Ernährungssouveränität, Klimagerechtigkeit und unterstützen landwirtschaftliche Transformationsprozesse von Gemeinden. Alle haben wiederum in ihrer Arbeit und auch in ihrem Alltag Erfahrungen mit Dürren, Fluten oder Viehverlust und Ernteausfällen, den unübersehbaren Folgen des Klimawandels, an dessen Ende oft Hunger und Mangelernährung für kleinbäuerliche Familien stehen.

EduVentures bringt Umweltbildung an die Schulen – mit Wissen und Witz.
EduVentures bringt Umweltbildung an die Schulen – mit Wissen und Witz.

»Als wir uns nach dem Kennenlernen im Klaren darüber waren, wo die Stärken jeder Organisation liegen und was wir voneinander lernen können, schmiedeten wir unsere Zukunftsvision, die auch über das Projektende 2022 bestehen soll«, sagt Sophia Nuuyuni, Umweltpädagogin von EduVentures. Fragt man Sophia, was eine starke Süd-Süd-Partnerschaft ausmacht, hebt sie Zusammenarbeit auf Augenhöhe und gegenseitigen Respekt hervor.

Aus der Zukunftsvision auf dem Papier wurde schnell eine Arbeit im Feld. ASDA, die in Mosambik ein Umweltzentrum aufbauen, besuchten EduVentures 2019 erneut für zwei Wochen und reisten mit dem EduMobile, einem zum Klassenzimmer umgebauten Lkw, zu den entlegensten Schulen Namibias. »Das Umweltbildungszentrum vom Namib Desert Environmental Education Trust (NaDEET) am Rande der Namib-Wüste, inspirierte uns besonders mit seiner Bauweise«, sagt Felisberto Baúque. »Durch 100 Prozent Versorgung mit Photovoltaik, eine Solarküche und Wassersparkonzepte zeigt das Zentrum, dass Nachhaltigkeit machbar ist.«

Auch der Gegenbesuch ließ nicht lange auf sich warten. Corris Kaapehi, langjähriger Mitarbeiter bei EduVentures, reiste im Herbst 2019 das erste Mal nach Mosambik. »Es ist beeindruckend, wie unterschiedlich wir sind und wie viel wir doch gemeinsam haben.«

Während des Besuchs wurde nicht nur das Umweltzentrum weiter geplant, es wurden auch Bildungsstrategien für das gemeinsame digitale Lernmodul wurden verfeinert. »Ein ganz besonderer Schritt war das Treffen mit Professor*innen der Universität Maputo. Mit einer Diskussion machten wir den ersten Schritt, um auch in Mosambik Umweltbildung in die Lehrer*innenausbildung aufzunehmen«, sagt Corris Kaapehi. Das Modul basiert auf bereits in früheren Projekten mit SODI entwickelten Fortbildungen von EduVentures, die jetzt lokal angepasst werden.

Das Umweltbildungszentrum in Boane, knapp 50 Kilometer südöstlich der mosambikanischen Hauptstadt Maputo, ist mittlerweile fertiggestellt, erste Umweltclubs mit Schüler*innen wurden gegründet und Erwachsenen ökologische Anbaumethoden vermittelt.

Parallel dazu werden PACSA und EduVentures unter Nutzung ihrer Erfahrungen eine Broschüre zu Umwelt und Agrarökologie voranbringen. »Die mehrsprachige Broschüre wird Agrarökologie mit lokalem indigenen Wissen verbinden und den Kleinbäuerinnen und -bauern helfen, ihre Ernten auch bei zunehmenden extremen Wetterereignissen zu sichern. Natürlich sammeln alle vier Organisationen dafür Wissen und Daten bei den Menschen ihrer Projektregion, doch die Corona-Pandemie hat 2020 alles etwas schwieriger gemacht«, bedauert Corris Kaapehi. Umso bedeutender ist in diesem Jahr die digitale Austauschplattform, die innerhalb des Projektes entwickelt wird.

»Am Ende unseres intensiven Austauschs soll ein Lernmodul für Agrarökologie stehen, das wir alle anwenden können und das auch bei der angestrebten Etablierung von Umweltbildung in die Lehrpläne aller drei Länder integriert werden soll«, sagt Sophia Nuuyuni. Besonders die Erfahrungen von PACSA und SPP aus Südafrika zu agrarökologischem Anbau sind hier bedeutsam. Im Sommer 2019 reisten Kolleg*innen von EduVentures zu einer Fachweiterbildung nach Südafrika. »Wir besuchten mit PACSA auch Bauern und Bäuerinnen aus ihrer Projektregion, um mit ihnen zu reden und um unsere Unterrichtsmaterialien wirklich an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten«, sagt Corris Kaapehi.

Die Vorzüge der Online-Kommunikation wussten in diesem Jahr nicht nur unsere Partner, sondern auch wir von SODI aus Berlin zu schätzen. Bei virtuellen Meetings teilten die Partner auch ihre Sorgen und Schwierigkeiten angesichts von Covid-19 untereinander und mit SODI.

Eigentlich wollte man in diesem Jahr die Demonstrationsfelder von SPP in Südafrika besuchen. »Bei einem Agrarökologie-Workshop sollten alle über regionalspezifische Landnutzungssysteme referieren. Wir wollten so unser Lernmodul optimieren«, sagt Harry May von SPP bei Kapstadt. Bei den Überlegungen zur Agrarökologie sei allen Organisationen auch die Gleichberechtigung der Frauen sehr wichtig, erklärt er. »Agrarökologie sehen wir als soziale Bewegung und als solidarische Lebensräume.« Wegen Corona muss das Treffen auf Anfang 2021 verschoben werden. Mit nun fertigen Hygiene- und Abstandskonzepten für ihre Arbeit und mit dem Sommer auf der Südhalbkugel sind alle Organisationen optimistisch, was den nächsten Termin angeht. Ein Fazit in der Halbzeit des Projekts zieht Sophia Nuuyuni für uns: »Wir konnten schon jetzt viel voneinander lernen! Man spürt, wie das Netzwerk zusammenwächst. Wir überlegen bereits, ob wir eine fünfte Organisation aus Angola mit an Bord holen.«

Starke Süd-Süd-Partnerschaften, die lokale Antworten auf globale Herausforderungen finden, sind ein nachhaltiger Weg. Mit einem ganzheitlichen Ansatz aus der Verankerung von Umweltbildung im Schulsystem, transnationalem Wissenstransfer und nicht zuletzt der Stärkung von kleinbäuerlichen Familien durch Agrarökologie und souveräne Saatgutquellen entsteht eine echte Alternative für viele soziale und ökologische Probleme in Landwirtschafts- und Ernährungssystemen im Zeitalter der Klimakrise.

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