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Gute Aussichten, schlechte Aussichten

Die unterschiedliche Lage in den Betrieben der Metallbranche macht die beginnende Tarifrunde schwierig

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 4 Min.

In der Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie mit knapp vier Millionen Beschäftigten haben in diesen Tagen die ersten regionalen Verhandlungen zwischen der IG Metall und den Gesamtmetall-Unternehmerverbänden begonnen. Den Anfang machte am Montag Norddeutschland mit Nordwest-Niedersachsen, Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Am Mittwoch folgte Nordrhein-Westfalen.

Das Forderungspaket, mit dem die Gewerkschaft in die Tarifrunde zieht, enthält mehrere Kernpunkte. So soll eine kollektive Arbeitszeitverkürzung mit Teillohnausgleich Arbeitsplätze vor allem in wirtschaftlich angeschlagenen Betrieben sichern. Für die Einkommenserhöhung fordert die IG Metall zum Ausgleich von Inflation und Reallohnverlust ein Volumen von vier Prozent: Das soll je nach betrieblicher Lage auch zur Finanzierung eines möglichen Teillohnausgleichs dienen, falls eine Arbeitszeitverkürzung etwa in Gestalt einer Vier-Tage-Woche vereinbart wird. Zudem sollen betriebliche Zukunftstarifverträge mit konkreten Zusagen zur Bewältigung der anstehenden Transformation der Autobranche speziell dort zum Tragen kommen, wo der Übergang vom Verbrennungs- zum Elektromotor viele Jobs gefährdet. Hier drängen die Gewerkschafter auf konkrete Zusagen etwa zu Weiterbeschäftigung, Qualifizierung, Investition und Produktion.

In früheren Tarifrunden fungierte Baden-Württemberg mit seinen kampfstarken Großbetrieben der Fahrzeug- und Maschinenbaubranche oftmals als »Pilotbezirk«. Die dortigen Abschlüsse wurden dann bundesweit übernommen. Ob diesmal wieder in Stuttgart die Weichen für den Rest der Republik gestellt werden, ließ IG-Metall-Bezirkschef Roman Zitzelsberger bei einem Pressegespräch am Mittwoch kurz vor der ersten Verhandlungsrunde mit der Südwestmetall-Spitze offen. »Wir stehen generell Gewehr bei Fuß«, so der Gewerkschafter auf nd-Anfrage. Es könne aber auch sein, dass es »nicht einen Piloten gibt, der alles vorab regelt«. Schließlich bestünden im Südwesten in einigen Bereichen bereits Regelungen, die andere Bezirke erst einmal erreichen müssten, meinte Zitzelsberger.

Laut Tariffahrplan soll nach den Auftaktgesprächen und einer Winterpause ab Mitte Januar intensiv über die Details verhandelt werden. Nach dem Ende der Friedenspflicht wären ab März Warnstreiks möglich, falls bis dahin kein Abschluss zustande kommt. Auch wenn er eine Verhandlungslösung bevorzuge, sei man an der Basis auf einen Arbeitskampf unter Corona-Bedingungen vorbereitet. »Wir werden im Januar und Februar sehr eng mit den Belegschaften kommunizieren und in Workshops die Durchführung von Arbeitskämpfen unter strengsten Hygienevorschriften anvisieren«, so Zitzelsberger. Der Metaller sieht sich durch das Ergebnis einer breiten Befragung von Beschäftigten und Betriebsräten seines Bezirks bestätigt. Demnach ist ein spürbares Lohnplus für drei Viertel und die Option einer Vier-Tage-Woche für zwei Drittel der Befragten wichtig oder sehr wichtig.

Die wirtschaftliche Ausgangslage ist indes auch im Südwesten höchst unterschiedlich. Ein Teil der Unternehmen erholt sich derzeit wieder von dem tiefen Einbruch im Frühjahrs-Lockdown, der die deutsche Wirtschaft 2020 um rund sieben Prozent schrumpfen ließ. Andere Firmen sind von Insolvenz bedroht, planen weiter Kurzarbeit, verlagern die Produktion nach Osteuropa oder nutzen die Krise für aggressive Sparprogramme. Längst wurden vielerorts Leiharbeiter und befristet Beschäftigte auf die Straße gesetzt.

Auch die Umfrage zeichnet ein uneinheitliches Bild. So beurteilen 55 Prozent der Befragten die Lage im eigenen Betrieb als »normal, gut oder sehr gut«, während 45 Prozent die Aussichten als »schlecht oder sehr schlecht« beschreiben. Im Juli hatten noch 59 Prozent die Lage als schlecht eingeschätzt. Ob sich die »Aufhellung« stabilisiert, bleibt abzuwarten. So berichtet die Hälfte der Befragten, dass auch im neuen Jahr Kurzarbeit anstehe. Zudem schätzt jeder Fünfte das langfristige Überleben des Betriebs als »kritisch oder sehr kritisch« ein. Fast drei Viertel melden betriebliche Sparmaßnahmen. Macherorts ist die Ausdifferenzierung laut Zitzelsberger so stark, dass unter dem Dach ein und derselben Firma in der einen Abteilung Kurzarbeit angemeldet wurde und in einer anderen Abteilung Mehrarbeit und Sonderschichten anfallen.

Auch die Belange des Nachwuchses sollen in der Tarifrunde verstärkt zum Tragen kommen. Hier wollen die Gewerkschafter für Azubis und dual Studierende nach Ausbildungsabschluss eine Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis erreichen. Jeder dritte Auszubildende und zwei Drittel aller dual Studierenden müssen laut Umfrage derzeit die Fahrtkosten selbst finanzieren. Daher brennt dem Nachwuchs ein verbindlicher Anspruch auf Fahrgeld und Wohngeldzuschuss auf den Nägeln. Auch in dieser Tarifrunde geht es also um viele Details jenseits einer einfachen Lohnerhöhung.

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