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  • Internationaler Sportgerichtshof

Viele neue Schlupflöcher

Die halbierte Strafe für Russlands Sportbetrug schockt Sportler und Antidopingkämpfer.

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 4 Min.

Fußball-WM 2022 in Katar. Die russische Auswahl steht Arm in Arm auf dem Spielfeld. In roten Shirts mit dem Namen »Russia« auf dem Rücken, weiße Hosen, blaue Stutzen. Aus den Stadionlautsprechern kommt kein Ton, aber die Mannschaft, Tausende Russland-Fahnen schwenkende Fans auf den Rängen sowie Staatspräsident Wladimir Putin in der Edel-Loge singen lauthals die eigene Hymne. Geht nicht? Hat der Internationale Sportgerichtshof Cas doch diese Woche ausgeschlossen? Geht sehr wohl - den vielen neuen Schlupflöchern sei Dank!

In den ersten Stunden nach Verkündung des Richterspruchs am Donnerstag hatten die Überschriften in unzähligen Internetartikeln noch suggeriert, dass Russlands Sport hart getroffen sei, schließlich wurde er für zwei Jahre von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften ausgeschlossen. Doch wer das ursprüngliche Urteil der Weltantidoping-Agentur Wada samt den zugrunde liegenden Fakten kennt und danach die Erklärung des Cas genauer liest, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass Russland mit zwei blauen Augen davongekommen ist. Wer das nicht glaubt, muss nur lesen, wie Michail Buchanow, Chef der russischen Antidoping-Agentur Rusada, das Cas-Urteil einschätzte: »Es ist ein Sieg für Russland.«

Einen Freispruch haben die Russen nach dem größten Dopingskandal der Sportgeschichte freilich nicht erhalten. Sie müssen der Wada etwas mehr als eine Million Euro zahlen. Ihre Fahne darf bei Weltmeisterschaften und Olympia bis Ende 2022 nicht gehisst, die Hymne nicht offiziell abgespielt werden. Regierungsvertreter dürfen nicht in die Stadien und russische Sportler nur als »Neutrale Athleten« antreten. Das alles stand aber schon im Wada-Urteil, das den Russen diese Strafen für vier Jahre auferlegt hatte. Der Cas hat es nun kräftig ausgehöhlt.

Da wäre zunächst die Fahne: Der neue Richterspruch besagt, dass kein Veranstalter bestraft werden könne, sollte er nichts gegen Fans unternehmen, die russische Fahnen ins Stadion bringen. Außerdem dürfen Athleten wieder Uniformen in den Farben der Flagge tragen. Und was ist mit der Hymne? Wenn in der noch unveröffentlichten Urteilsbegründung nichts anderes steht, wird kein Sportler bestraft, wenn er die Hymne auf dem Podium selbst singt, so wie es die Eishockey-Olympiasieger 2018 in Pyeongchang taten. Die waren übrigens auch mit dem Aufdruck »Olympic Athlete from Russia« klar als Russen erkennbar gewesen. Das sollte sich nach dem Willen der Wada nicht wiederholen, doch der Cas erlaubt den Landesnamen wieder auf Trikots, so lange er nicht größer ist als der Zusatz »Neutraler Athlet«.

Die Athleteninitiative Global Athlete reagierte geschockt: »Diese Entscheidung schlägt sauberen Athleten erneut ins Gesicht. Dass russische Sportler als ›Neutrale Athleten aus Russland‹ starten dürfen ist eine Farce und verhöhnt das System. Russland wurde nicht verbannt, sondern nur umbenannt.« Tatjana Pokrowskaja, Nationaltrainerin der Synchronschwimmerinnen, fasste es treffend zusammen: »Wenn unsere Sportler oben auf dem Podium stehen, wird jeder wissen, dass es Russen sind. Und wahrscheinlich werden einige Athleten auch die Hymne singen.«

Selbst die Sperre für Regierungsmitglieder bis hinauf zu Präsident Putin wurde aufgeweicht. Wenn das Gastgeberland ihn oder andere Minister einlädt, dürfen sie in die Arenen rein. Katars Emir Tamim bin Hamad al-Thani und Putin haben sich in den vergangenen Jahren oft getroffen und dabei nicht nur über Investments in Russland, sondern auch über die Fußball-WM 2022 gesprochen. Eine Einladung des Emirs an Putin käme also keineswegs überraschend.

Theoretisch könnten die Sanktionen noch verlängert werden. Schließlich sollen die Russen dabei helfen, die manipulierten Daten des Moskauer Dopingkontrolllabors wiederzufinden. Doch schon in den vergangenen Jahren hatten die Rusada und Russlands Sportministerium argumentiert, dass alles nur Fehler eines übereifrigen Systemadministrators gewesen und die Daten leider für immer gelöscht seien. An dieser Art von Mitarbeit dürfte sich nach dem jetzigen Urteil nichts ändern.

Die Wada versuchte, in einer ersten Reaktion einen salomonischen Mittelweg zu gehen: »Die Richter sind unserer Einschätzung gefolgt, dass russische Autoritäten dreist und illegal Daten manipuliert haben, um einen institutionalisierten Dopingplan zu vertuschen«, sagte Wada-Präsident Witold Banka. »Dennoch sind wir enttäuscht, dass der Cas nicht all unsere Konsequenzen für vier Jahre mitgetragen hat. Es sind trotzdem noch die härtesten Sanktionen, die je einem Land für Dopingvergehen auferlegt wurden.«

Viele Einzelsportler wurden für nur eine positive Probe schon länger bestraft. Russland dagegen kommt glimpflich davon, obwohl massenhaft gedopt wurde, Hunderte positive Fälle vertuscht, tausendfach Daten manipuliert und irreführende Beweise gelegt wurden. »Das war eine vom Staat unterstützte Verschwörung gegen die Werte des Sports. Sie raubte sauberen Athleten die Hoffnung auf Medaillen und die Gelegenheit, Karrieren aufzubauen«, schrieb die Vorsitzende der britischen Antidoping-Behörde, Nicole Sapstead. »Ein schwerwiegenderer Regelverstoß ist nur schwer vorstellbar, daher verstehe ich die Halbierung der Strafe nicht.«

Russlands Sportfunktionäre feierten hingegen, dass jene Sportler, die nie des Dopings überführt worden sind, nun wieder starten können. Dabei sind die keineswegs alle sauber. Bislang hatte für ein Startverbot gereicht, wenn Ermittler bewiesen, dass deren Proben vernichtet oder ihre Daten manipuliert wurden. Das hat der Cas nun offenbar ebenfalls gekippt. Ein System, das genau darauf ausgelegt war, Betrug zu vertuschen und Doper zu schützen, wird damit belohnt.

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