Werbung

Auf dem Hitlergruß ausgerutscht

Wer ACAB sagt, meint: Es sind nicht Einzelne, die mit falschem Verhalten den Ruf der restlichen Polizist*innen beschmutzen, sondern es geht um die reguläre Rolle der Polizei

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.

Vergangene Woche habe ich in meiner Kolumne »Lösch dich aus dem Internet, Polizeipresse!« gefordert, dass das Land Berlin seiner Polizei das scharfe Schießen via Twitter untersagt. Im Präsidium kam das wohl an, denn kurzerhand demonstrierte man dort aufs Neue, wie dringlich diese Forderung ist: Als wolle man sich darüber lustig machen, dass die Öffentlichkeit relativ hilflos vor beinahe täglich eintrudelnden Nachrichten über neue Nazi-Einzelfälle in Uniform steht, posteten die Berliner Kolleg*innen am Sonntag eine natürlich überhaupt nicht so gemeinte »88« - der Nazi-Zahlencode für »Heil Hitler«. Really?

Den 13. Dezember, den 13.12. also, nutzten linke Gruppen, um auf Polizeigewalt oder die fragwürdige Rolle der Behörden im kapitalistischen Patriarchat aufmerksam zu machen. Der Zahlencode »1312« steht in der Szene für »ACAB« und damit für »All Cops Are Bastards«, orientiert an der jeweiligen Platzierung der Buchstaben im Alphabet. Die Message: Es sind nicht einzelne Beamte, die mit falschem Verhalten den Ruf der restlichen Polizist*innen beschmutzten - vielmehr zielt es auf die reguläre Rolle der Polizei in einer sich auf Gewalt, Herrschaft und Unterdrückung stützenden Gesellschaft, als Arschloch aufzutreten.

Während sich in Leipzig-Connewitz zum Anlass mal wieder zünftig geprügelt wurde und die Polizei nach Auftauchen entsprechender Videobelege nun wegen Körperverletzung auch gegen sich selbst ermitteln soll, verlegten die Berliner Kolleg*innen ihre Aktivitäten anlässlich des Tages coronakonform ins Internet. Auf Twitter postete der offizielle Account der Berliner Polizei ein Bild einer Cola- und einer Bierflasche, jeweils mit einer Handschelle behängt. Dazu der Text: »Wir wünschen allen einen besinnlichen 3. Advent. Er fällt in diesem Jahr auf den 1312 - zur Feier des Tages haben wir mal was mit unseren «Achten» dekoriert. Passt gut auf euch auf und bleibt gesund, liebe Kolleginnen und Kollegen da draußen.«

Zwei Achten, also »88«, als Antwort auf Linke und ihre Wut auf die Polizei? Das fragten auch viele Nutzer*innen empört. Ebenso »empört« zeigten sich wiederum die PR-Cops hinter ihren Computern und antworteten, gewohnt witzelnd: »88? Echt jetzt?« und: »Wir lassen uns am 1312 nicht die Laune vermiesen und schenken solchen Vergleichen keine Be8ung.«

Doch das besagte Bild mit der Cola- und der Bierflasche ist bewusst gewählt. Denn »ACAB« könnte genauso gut für »Acht Cola, acht Bier!« stehen und einen harmlosen Bestellvorgang codieren. Zumindest ist das in Szenekreisen ein beliebtes Schmankerl, auf das man sich nach dem ACAB-Rumgeprolle zurückziehen kann, sollte es wider Erwarten doch Ärger geben. Das wissen natürlich auch Polizist*innen im ganzen Land, und es dürfte so manches Mal für nicht unwesentlichen Frust sorgen, von irgendwelchen verpickelten Halbstarken grinsend diese Lügengeschichte aufgetischt zu bekommen.

Die zwei Flaschen stehen also für eine verschlüsselte Botschaft in der Botschaft, die sich darauf bezieht, etwas zu sagen, was einem niemand nachweisen kann. Und genau das tun die Beamten als Reaktion auf die erwartbare Empörung von links: Sie wollen es völlig absurd finden, dass man ihnen eine Doppeldeutigkeit mit dem Hitlergruß unterstellen könnte. Dabei wissen die Social-Media-Beamten genauso wie die gesamte Öffentlichkeit, dass in internen Chats von Polizist*innen nicht nur rassistische Äußerungen, sondern eben auch Hitler-Bildchen und andere NS-Kennzeichen ausgetauscht werden - dass es also mitnichten absurd ist, im Jahr 2020 zu glauben, dass einige Polizist*innen einander mit gestrecktem Arm grüßen könnten.

Wer auf »ACAB« uneinsichtig mit »Heil Hitler« antwortet, weil er das für eine irgendwie vergleichbare Grenzüberschreitung hält, hat ein Problem - ein Naziproblem. Dabei sollte egal sein, wie witzig oder angemessen man die wievielte Ironieebene in der Aktion findet. Die Frage ist, ob wir das mit unseren Steuermitteln auch noch in Form eigenständiger Polizei-Medien finanzieren sollten. Ich hab ehrlich gesagt keinen Bock mehr auf den Scheiß.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung