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Projektleiter fürs über die Runden kommen

Teil 4 unserer Serie über Menschen in Berufen, die die Coronakrise besonders trifft

  • Von Tim Zülch
  • Lesedauer: 3 Min.
Dany Rau bekam 20 Mark für seinen ersten Job im Veranstaltungsbusiness – das war 1982. Mittlerweile organisiert er Tourneen von Musikern wie Max Herre und anderen. Anders als sonst, verbringt er momentan viel Zeit in seiner Friedrichshainer Wohnung. 
Dany Rau bekam 20 Mark für seinen ersten Job im Veranstaltungsbusiness – das war 1982. Mittlerweile organisiert er Tourneen von Musikern wie Max Herre und anderen. Anders als sonst, verbringt er momentan viel Zeit in seiner Friedrichshainer Wohnung. 

Schreibtisch, Notebook, Handy, Fax und ein paar Ordner im Regal. Viel mehr gehört - außer seinem Kopf - nicht zu seinem Unternehmen. Dany Rau ist selbstständiger Projekt- und Produktionsleiter. Ob Parteitag, Messen oder Konzerttourneen: Zu »normalen Zeiten« hält er bei bis zu 100 Veranstaltungen jährlich die Fäden zusammen. Er kümmert sich um den Kontakt zu Booking-Agenturen, Technikausstattern, den Technikern vor Ort, und, und, und. Rau steht nicht im Rampenlicht, aber große Veranstaltungen würden ohne ihn im Chaos enden. »Mein Ziel ist, dass alles läuft und man gar nicht merkt, dass ich da bin«, sagt er.

Dany Rau sitzt auf einem weißen Sofa in seiner Friedrichshainer Wohnung. »Seit März hatte ich nur zwei Veranstaltungen, dann gebe ich alle paar Monate Seminare für Fortbildungseinrichtungen« - sein Blick wandert zum Schreibtisch, als suche er noch etwas. Dann sagt er: »Tja, das war’s«.

Die Perspektiven sind nicht besser geworden. Große Veranstaltungen werden auf absehbare Zeit nicht stattfinden. Ebenso absehbar ist, dass Technik-Verleihfirmen aufgeben und Veranstaltungsorte schließen werden. Die vielen Einzelkämpfer*innen der Branche wurschteln sich durch, wenn sie nicht ganz umgestiegen sind. »Ein Kollege von mir arbeitet gerade als Hausmeister, ein anderer räumt im Supermarkt Regale ein.«

Rau selbst versucht, die »Novemberhilfen« des Bundes und gleichzeitig Hartz IV zu beantragen. Damit ist er vollauf beschäftigt - glücklicherweise könnte man sagen. Ein vereinfachtes Verfahren zur Hartz-IV-Beantragung sollte es für Soloselbstständige geben, so wurde es versprochen. Auch das Schonvermögen wurde deutlich erhöht. Doch davon wusste der Sachbearbeiter im Jobcenter nichts, Raus Antrag wurde abgelehnt. Der Sachbearbeiter sagte: »Sie sind ja reich.« Rau entgegnete: »Das ist meine Altersvorsorge.« Keine Chance. Rau hat nun Widerspruch gegen die Ablehnung eingelegt. Die Bundesförderung, die er im März bekommen hatte, musste er bereits großteils Teil zurückzahlen, weil er - wie die meisten Soloselbstständigen - kaum Betriebskosten hat. Währenddessen schwindet seine Altersvorsorge, die er derzeit nutzt, um über die Runden zu kommen. »Airlines, die Autoindustrie oder Reiseveranstalter bekommen Millionen, doch uns wird es echt schwer gemacht«, ärgert er sich.

Geld ist nicht alles, was ihn bedrückt, wenn er sagt: »Mir geht es echt beschissen, das ist eine Katastrophe«. Für Leute wie Rau ist sein Job sein Leben. Wenn der wegbricht wird es auch mental schwierig. »Letztens fing einer meiner Kollegen einfach an zu weinen. Auf Facebook schrieb eine Kollegin wenig später, sie könne nichts mehr essen wegen der ganzen Belastung.«

Den Kopf in den Sand stecken ist nicht Raus Art. Er hat sich für ein Coaching zur Berufsneuorientierung angemeldet und ist in der »Interessengemeinschaft der selbständigen Dienstleisterinnen und Dienstleister in der Veranstaltungswirtschaft« aktiv. So etwas hält ihn »am Laufen«, sorgt dafür, dass er nicht den Optimismus verliert. Denn er ist sich sicher: »Es wird auch wieder Veranstaltungen geben. Wenn nicht, verarmen wir geistig.« Er denkt ein paar Sekunden nach und sagt: »Ich befürchte mittlerweile, dass ich 2022, wenn es wieder losgeht, die ganzen Leute die ich brauche, gar nicht mehr wiederfinde, weil die mittlerweile aufgegeben haben«.

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