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Keller allein im Haus

Kolumne

Mit Prognosen für 2021 sollte man sich derzeit zurückhalten. Zumindest, was die Fragen betrifft, die wichtiger sind als die Mini-Tragödien, die der Fußball so aufführt. Für das Geschehen in Frankfurt sind Prognosen allerdings gestattet. Impfmittel gegen Mauscheleien und Vetternwirtschaft gibt es nicht; selbst wenn es sie gäbe, würde die Immunisierung wohl nicht allzu lange anhalten. Und die Vorhersage, dass der Machtkampf zwischen DFB-Präsident Fritz Keller und seinem Generalsekretär Friedrich Curtius in den nächsten Wochen eskalieren wird, ist als Prognose so gewagt wie der Satz »Morgen ist auch wieder ein Tag«.

Auffallend ist allerdings, wie ausführlich derzeit über die Frontverläufe zwischen den Heckenschützen bei DFL und DFB berichtet wird. Dabei könnte die interessantere Frage sein, ob hinter den Scharmützeln nicht ein ernstzunehmender Konflikt steht, den die eine Seite aufklären und die andere unter den Teppich kehren will.

Keller kam jedenfalls von außen zum DFB, was eine große Chance hätte sein können, wäre der Verband nicht in seinem tiefsten Innern reformunwilliger als der Vatikan. Keller springen derzeit viele Funktionäre der ungleich mächtigeren DFL bei - was ihm intern sicher nicht nützt. Dass die DFL-Granden das tun, dürfte zum einen damit zu tun haben, dass der stringent organisierte Profifußball in den vergangenen Jahren häufig die Hände über dem Kopf zusammenschlagen musste ob des dilettantischen Krisenmanagements beim DFB. Zum anderen fiele die Unterstützung für Keller gewiss weniger offensichtlich aus, wenn die DFL-Oberen in den vergangenen 17 Monaten den Eindruck gewonnen hätten, dass Keller wirklich etwas an der Statik des deutschen Fußballs ändern will. Die beruht bekanntlich darauf, dass der Profifußball mit Milliarden gemästet wird und Zehntausende Ehrenamtliche an der Basis in regelmäßigen Abständen Plakate aufhängen dürfen, auf denen steht, sie seien »Helden« oder »echte Profis«. Vom Präsidenten Keller droht der DFL keine Gefahr, und das nicht nur, weil er in seinem eigenen Laden vor Herkulesaufgaben steht.

Was die DFL allerdings geritten hat, ausgerechnet Peter Peters abzustellen, um Keller beiseite zu springen, bleibt ihr Geheimnis. War der Mann nicht verantwortlich für das Wirtschaften beim am schlechtesten und am intransparentesten geführten Verein im deutschen Fußball? Bei Schalke 04, das auf Tabellenplatz 18 die Zeche für das zahlt, was Fleisch-Baron Tönnies und sein treuer Knappe Peters dort über Jahrzehnte angerichtet haben? Auf Schalke - selbst auf Schalke - wurde Peters übrigens vor einigen Monaten aus dem Organigramm entfernt. Dass er auf dem Ticket von DFL und DFB immer noch schlaue Reden halten darf, spricht Bände.

Zurück zu Keller. Der mag weder zum diplomatischen Dienst noch als Dozent für Rhetorikkurse taugen. Doch im Gegensatz zu den meisten Funktionären in seiner Entourage beim DFB hat er etwas Wesentliches begriffen: Nämlich, dass der Vertrauensverlust, den eine abgehobene Nationalmannschaft und eine dubiose Funktionärskaste zu verantworten haben, keine Schicksalsschläge sind, die sich irgendwann von selbst in Wohlgefallen und erneuten Fanmeilen auflösen. Keller weiß, dass die Skandale aufgeklärt werden müssen, wenn der DFB zumindest die Chance haben will, mittelfristig sein Image wieder aufzubessern.

Das allerdings scheint derzeit auch denjenigen Menschen zu missfallen, die Keller Mitte vergangenen Jahres nach Frankfurt gelotst haben - und mit deutlich weniger Kompetenzen ausstatteten, als sie Kellers Vorgänger Grindel hatte. Gut möglich, dass einige Herren, die bereits 2006 amtierten, in den vergangenen Monaten gemerkt haben, dass Keller zwar ihren internationalen Ambitionen nicht im Wege stehen würde - dass er sich aber durchaus dafür interessiert, was im Untergeschoss des eigenen Hauses noch so lagert.

Seit einigen Wochen häufen sich jedenfalls - nicht nur in »Bild« - die Texte über den angeblich so tumben DFB-Präsidenten. Über die Sommermärchen-Korruption wird seither deutlich weniger gesprochen. Und das, obwohl doch gerade erst die Verquickung zwischen dem DFB, dem Kirch-Imperium und der Agentur von Günter Netzer ausrecherchiert wurde. Wem das wohl gerade nützt? Keller jedenfalls ganz sicher nicht.

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