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Cannabis, Köter, Corona

Danksagung und Publikumsbeschimpfung - wofür unsere Leser*innen sich dieses Jahr interessiert haben

  • Von Fabian Hillebrand
  • Lesedauer: 7 Min.

2020 hat sich angefühlt, als wenn man über die Straße gehen will, sorgsam nach links und rechts guckt, und in dem Moment der Straßenüberquerung wird man von einem U-Boot überrollt. Mit einem pinken Elefanten drauf. Wir haben dieses verrückte Jahr journalistisch begleitet. Diese 10 Texte haben unsere Leser*innen dabei am meisten interessiert.

Platz 1: Gras am Kiosk provoziert

Sie, liebe Leser*innen, stehen bei uns im Mittelpunkt jeder Redaktionskonferenz. Immer wieder fragen wir uns, was sie eigentlich interessiert und mit welchen Themen wir sie informieren aber auch begeistern können. Welchen Text Sie in der Zeitung lesen, darüber können wir meist nur spekulieren. Im Netz bildet sich klar ab, welche Texte am meisten gelesen wurden. Das ist hilfreich - aber manchmal auch trügerisch. So ist dies keineswegs eine Zusammenstellung der besten Texte, dafür müssen sie schon die Zeitung abonnieren, sondern nur eine der meistgeklicktesten. Was manche ältere Kolleg*innen manchmal zu der Feststellung treibt: Wir können uns doch nicht nur am Internet orientieren, die wollen doch eh nur über Sex und Drogen lesen. Nun, für den ersten Text in diesem Best-Off der meistgelesenen Texte auf http://neues-deutschland.de stimmt das. Zumindest ein bisschen. Unser NRW-Korrespondent Sebastian Weiermann hat zwei junge Männer getroffen, die sich auf den Verkauf von Nutzhanf verlegt haben. Sie sind Teil einer Branche, deren Ende bevorsteht. Schuld daran ist der Boom von CBD. Danke, Sebastian! Deine spannende Reportage aus Wuppertal ist unser meistgelesener Text im Jahr 2020. Aber nächstes Jahr setzt du bitte noch einen drauf. Und schreibst mehr über Sex. Und über illegale Drogen. Oder am besten über beides zusammen.

Platz 2: Lasst uns die Köter abschaffen

Und dann gibt es da diesen einen Text, der jedes Jahr wieder hoch kommt und uns Erwähnungen im Focus sowie im Hundemagazin eingebracht hat. Man kann sich geniale Analysen aus den Fingern saugen, Interviews mit den interessantesten Personen überhaupt führen, die Machenschaften der Mächtigen aufdecken und doch: Auch am Ende des Jahres 2020 haben sich wieder mehr Leser*innen für Katharina Schwirkus flammendes Plädoyer gegen Haustiere, im besonderen Hunde, interessiert. Schon letztes Jahr ist dieser kongeniale Text erschienen, der sich mit der Klimabilanz der süßen Knufftiere beschäftigt. Und seitdem werden wütende Youtuber nicht müde, unsere geschätzte Kollegin zu beschimpfen, es Leserbriefschreiber*innen nicht langweilig, ihre Haustiere in Schutz zu nehmen und Hundemagazine es nicht peinlich, Gegendarstellungen abzudrucken. Auch 2020 landet dieser Artikel damit noch in den Top 3 der meistgelesenen Artikel und ganz bestimmt ist es derjenige, über den sich die Menschen am meisten aufgeregt haben. Frei nach Brecht: Man kann sich einen Deutschen ohne Arme und ohne Beine vorstellen, aber nicht ohne Hund.

Platz 3: Notruf aus dem Danni

Weiermann, again. In den Aufzählungen unserer meistgelesenen Artikel ist dieser Autor immer mindestens doppelt vertreten. Aber gleich zweimal in den Top 3? Hätten wir nicht schon eine Namesänderung hinter uns, wir müssten uns wohl in Weiermann.aktuell umbenennen. Seit wir dem eigentlich eher an Fußball, Hunden (ja, es ist eines der drängesten Themen bei uns) und spektakulären wuppertaler Balkonaussichten interessierten Korrespondenten einmal zur Klimabewegung in den Wald geschickt haben, kommt er nicht mehr raus. Ob Dannenröder Wald oder Hambacher Forst, die Weiermann meist nur noch Hambi oder Danni nennt, wenn Aktivisten auf irgendwelche Bäume klettern, klettert er hinterher. Bestimmt auch im Jahr 2021.

Platz 4: Drosten blamiert die Bild in nur einem Tweet

Ein Thema hat dieses Jahr die Berichterstattung und unseren Arbeitsalltag geprägt. In diesem Best-Off hat es das dicke C dennoch nur auf Platz 4 geschafft. Drosten blamierte die Bild, und das in nur einem Tweet – Robert Meyer hat es aufgeschrieben. Aus Videokonferenzen mit dem Kollegen weiß man, dass der ein ziemlicher Christian Drosten-Ultra ist – steht sogar auf seiner Kaffeetasse. Ist das eigentlich noch objektiver Journalismus? Wir sagen: Ganz bestimmt, liebe Leser*innen. Und lassen sie sich bitte von der BILD nichts anderes einreden! Hätte Robert in der DDR studiert, hätte er sich übrigens ganz bestimmt der Physik gewidmet.

Platz 5: Diese Rettung ist ein Armutszeugnis

Hätte es einen solidarischen Lockdown geben können? Hätten die Hilfen der Bundesregierung besser verteilt werden können und nicht nur denen Geld gegeben werden, die eh schon darauf sitzen? Berthold Selinger ist Konzertveranstalter und Autor und beklagt, dass die Konzertszene am Abgrund steht. Trotzdem würde die Regierung nur die großen Veranstaltungskonzerne unterstützen. Ein kulturpolitisches Armutszeugnis.

Platz 6: Bekannte Big-Data-Firma will Corona-App umsetzen

Daniel Lücking ist zwar der Experte in der Redaktion für Sicherheits- und Militärthemen. Sonst merkt man ihm seine Vergangenheit bei der Bundeswehr in der Redaktion von nd.aktuell aber kaum an. Nur eine gewisse Zackigkeit hat er sich bewahrt. Und so war »nd« das erste deutsche Medium, das über Gespräche zwischen Frankreich, Deutschland, Österreich und der Schweiz mit dem Unternehmen »Palantir« berichtete. Es ging um die Entwicklung der Corona-Warn-App und dass ausgerechnet eine Firma, die eng mit der CIA verbandelt war, diese entwickeln sollte, war ein kleiner Skandal. Zum Glück ging es über Gespräche nicht hinaus und am Ende haben wir eine gute App bekommen. Die Lücking weiter kritisch begleitet hat. Danke Daniel. Und jetzt weitermachen! Marsch, Marsch!

Platz 7: Jebsen entmündigt sein Publikum

Der zweite Artikel in den Top-10, der nicht aus diesem Jahr kommt. Er ist sogar noch älter als die schwirkusssche Hundeschelte – und datiert auf das Jahr 2017. Die Kollegen Elsa Koester und Sebastian Bähr haben damals ein Interview mit Felix Schilk geführt. Im Fokus: Ken Jebsen und seine antisemitischen Äußerungen. Die Umstände, die es bedingen, dass dieser Text 2020 wieder so viele Leser*innen fand, mögen besorgniserregend sein. Die Analyse bleibt zeitlos stark.

Platz 8: Bis zu 1200 Euro für alle

Als Sozialpolitik-Redakteurin hat man es insofern schwer, als dass es die eigenen Artikel oft nicht auf die große Bühne schaffen. Völlig zu Unrecht, zeigen sich die Missstände in der Gesellschaft hier doch am aller deutlichsten – und das nicht erst seit der Corona-Pandemie. Umso besser, dass es dieser Artikel zum Bedingungslosen Grundeinkommen unter die zehn meistgelesenen Texte des Jahres geschafft hat. Wenn sie aber denken, sie lesen hier gemütlich einen leicht daher kommenden »Top-10«-Artikel, liegen sie falsch. Das hier ist auch Publikumsschelte. Lesen Sie mehr Sozialpolitik. Lesen Sie mehr Lisa Ecke. Es lohnt sich.

Platz 9: Jetzt sterben die Menschen alleine

»Wissen Sie, was am schlimmsten ist?«, fragt mich die junge Ärztin, die in einem Krankenhaus in Piacenza, mitten in der »roten Zone« in Norditalien arbeitet. »Für mich ist das schlimmste, dass die Menschen jetzt alleine sterben.« So beginnt der Artikel aus dem März, in dem unsere Italien-Korrespondentin Anna Maldini über die verheerenden Zustände in Norditalien berichtete. Es war wohl die größte Aufgabe für uns als Medium, trotz Schutzmaßnahmen und Ausgangssperren das Leid und die Zerstörung der Pandemie begreifbar zu machen. Nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt. Anna Maldini ist das in diesem bewegenden Text gelungen.

Platz 10: Lasst sie ertrinken

Am Anfang der Corona-Pandemie bekam ich früh morgens ein Schreiben zugespielt, dessen Inhalt ich kaum fassen konnte. Das Bundesinnenministerium bat darin private Seenotrettungsorganisationen, ihre Arbeit im Mittelmeer einzustellen. Angesichts der »aktuell schwierigen Lage« sollten keine Fahrten mehr aufgenommen und bereits in See gestochene Schiffe zurückgerufen werden. Man hätte die mutigen Seenotretter ja auch mit allem nötigen Ausstatten können, mit Corona-Tests und zusätzlichen Schiffen, mit medizinischem Personal und Ausbildern. Stattdessen forderte man sie auf, die Menschen ertrinken zu lassen. Ein wirklich ungeheurer Vorgang, mit dem dieser Jahresrückblick endet. Zuletzt bleibt nur noch zu sagen: Vielen Dank für ihr Interesse. Und helfen sie uns, den Mächtigen weiter auf die Finger zu schauen. 2020 war hart - 2021 wird noch härter. Bleiben Sie uns gewogen!

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