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Von Skandalen zu Kreditausfällen

Die Finanzmärkte haben die Coronakrise bisher gut verkraftet. Doch was wird 2021 mit den Banken?

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 5 Min.

Vor einem Jahr wurde an den Börsen der Welt noch Trübsal geblasen. Dann kam Corona. Gerade von diesem Schock erholten sich die Aktienkurse erstaunlich schnell. Von nahe 8000 Punkten im März-Tief kletterte etwa der deutsche Leitindex Dax auf über 13 000 Punkte. Während die Wirtschaft zu kollabieren droht, boomen die Börsen. Auch im zweiten Lockdown ab Oktober hielten die Börsen nur kurz den Atem an - nach Weihnachten wurde sogar ein Allzeithoch erreicht....

Allerdings sind Aktienkurse labile Zukunftswerte. Das schnelle Eingreifen der Politik und der internationalen Notenbanken mit Hilfspaketen hatte schon im Mai wieder für Optimismus an den Börsen gesorgt. Ausgerechnet in den von der Pandemie besonders stark getroffenen USA markierten Indizes schon damals neue Höchststände. Vor allem Technikwerte kannten kein Halten, schließlich gehören Amazon oder Facebook zu den Siegern der Krise.

Auch zeigte sich, dass nur bestimmte Teile der Wirtschaft von Corona hart getroffen wurden: Gastronomie, Einzelhandel, Luftfahrt und Tourismus. Ihr Anteil an der Volkswirtschaft liegt hierzulande unter zehn Prozent. Gleichzeitig gewann der Versandhandel noch mehr Umsatz, Gleiches gilt für Anbieter von Videokonferenzen oder Verwalter riesiger Datenmengen in der Cloud. Und die großen Dax-Konzerne entwickelten sich im dritten Quartal deutlich besser und steigerten sowohl Umsatz als auch Gewinn kräftig.

Ein starkes Schlussquartal verhalf auch dem weltweiten Markt der Aktienemissionen zu neuen Höhenflügen: Börsenneulinge sammelten so viel Geld ein wie zuletzt 2010. Weltweit haben im zu Ende gehenden Jahr insgesamt 1322 Unternehmen den Schritt aufs Parkett gewagt - 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Emissionsvolumen stieg laut der Wirtschaftsberatung EY sogar um 26 Prozent auf rund 250 Milliarden Euro, wovon besonders die USA und China profitierten.

Während sich die Kapitalmärkte »in Feierlaune« (Landesbank Baden-Württemberg) befinden, sitzt der Manager Markus Braun in der JVA Augsburg ein. Der einstige Vorstandsvorsitzende der Wirecard AG wurde lange von Politik und Prominenz hofiert, schien es doch sein Zahlungsdienstleister mit den US-Internetgiganten aufnehmen zu können. Die Firma, die gerade mal 5000 Menschen beschäftigte, wurde zum Star im elitären Dax. Doch nach dem Bekanntwerden falscher Bilanzen platzte die Blase: 1,9 Milliarden Euro blieben verschwunden, der frühere Vorstand Jan Marsalek tauchte ab.

Die Monsterwelle, die der Wirecard-Skandal auslöste, könnte indes erst 2021 ihre volle Wucht entfalten. Kritiker werfen der deutschen Behörde Bafin und der Europäischen Zentralbank (EZB) mangelnde Aufsicht vor. Der zuständige Finanzminister, SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz, könnte ausgerechnet im Bundestagswahljahr überrollt werden. Zumal ein weiterer Finanzskandal ihm gefährlich werden könnte. In Hamburg verstummen nicht die Stimmen, die ihm bei unlauteren Cum-Ex-Aktiendeals der Warburg Bank falsches Verhalten vorwerfen. Die dortige Finanzbehörde hatte, als Scholz Erster Bürgermeister war, auf 47 Millionen Euro Steuernachzahlung verzichtet. Während seiner Amtszeit traf sich Scholz wiederholt mit Vorständen der Bank. Zu seinen Aufgaben habe es gehört, mit Wirtschaftsvertretern der Stadt im regelmäßigen Austausch zu stehen, verteidigt sich Scholz, ohne zu überzeugen.

Alte Geschichten holten 2020 auch den neuen Chef der schweizerischen Großbank UBS, Ralph Hamers, ein. Ein Geldwäschefall beim niederländischen Finanzkonzern ING, den Hamers davor leitete, schien durch einen teuren Vergleich mit den Finanzbehörden zwar beigelegt. Doch nun hat ein Berufungsgericht Ermittlungen gegen einen der wichtigsten europäischen Banker angeordnet. Begründung: Vorstände dürften nach schweren Missständen in ihren Unternehmen nicht einfach ungeschoren davonkommen.

Wie beim Doping im Sport stellt sich die Frage, ob die gehäufte Zahl solcher Fälle an einer zunehmenden Verrohung der kapitalen Sitten liegt. Oder bringen verbesserte Transparenz durch Regulierung und Medien mehr Fälle ans Licht?

Nachhaltiger als Skandale und Skandälchen könnte die Finanzmärkte zudem eine Insolvenzwelle erschüttern. Staatshilfen und ausgesetzte Insolvenzpflichten haben in vielen Ländern Unternehmen wohl nur vorübergehend vor der Pleite bewahrt. Die Zeitbombe tickt. Oder wird es nur ein Silvesterböller? Die Vermutungen in Wissenschaft und Finanzaufsicht gehen weit auseinander.

Eine Insolvenzwelle in der Realwirtschaft könnte Banken hart treffen. Auch hier macht Corona den Unterschied: Der Anteil notleidender Kredite am Gesamtvolumen beträgt in Deutschland gerademal 1,2 Prozent - in Italien aber 6,3 und in Griechenland sogar 30,9 Prozent. Damit es nicht zu einer Eurokrise wie vor zehn Jahren kommt, empfehlen die Aufsichtsbehörden den Banken und Versicherungen, auf Dividendenzahlungen und kostspielige Boni für Spitzenmanager zu verzichten. Um die Lage zu entspannen, dürfte die EZB ihre extrem lockere Geldpolitik im kommenden Jahr fortsetzen.

Kurz vor dem Jahreswechsel legte die EU-Kommission einen Aktionsplan zum Umgang mit Kreditausfällen vor, auch eine »vorsorgliche Rekapitalisierung« durch öffentliche Mittel soll nun wieder möglich sein. Gleichzeitig warnte Brüssel vor einem schnellen Ende nationaler Hilfsprogramme. Die Initiative Finance Watch sieht darin das Wiederaufleben der staatlichen Bankenrettung. »Wir haben uns in zwölf Jahren von einem ›Nie wieder‹ nach dem Schock der Finanzkrise zu einem ›Es ist unsere Pflicht‹ im Zuge der Covid-19-Krise bewegt.«

Anleger folgen beim Kauf oder Verkauf von Wertpapieren hauptsächlich ihren Erwartungen - und die sind für weite Bereiche der Weltwirtschaft positiv. Die meisten Ökonomen erwarten für das kommende Jahr ein rasantes Wachstum. Solche Prognosen basieren auf der Erwartung breit verfügbarer Corona-Impfstoffe. Inzwischen werden tatsächlich die ersten Menschen geimpft. Und beim Brexit endete eine weitere Hängepartie zu einem Ende. Daraus, so ein Branchendienst, schöpfen Anleger für 2021 »Mut«.

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