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»Dümmstes Wort: Urlaub«

Kulturmarktforschung 2020: Das nd-Feuilleton empfiehlt Konsumprodukte des Jahres oder rät davon ab. Die Bestenliste, inklusive Trump

  • Lesedauer: 8 Min.
Das nd-Feuilleton-Ressort: Bahareh Ebrahimi, Jakob Hayner, Christof Meueler, Samuela Nickel, Christin Odoj, Karlen Vesper
Das nd-Feuilleton-Ressort: Bahareh Ebrahimi, Jakob Hayner, Christof Meueler, Samuela Nickel, Christin Odoj, Karlen Vesper

Bahareh Ebrahimi

Virolog*in des Jahres:

Dummerweise ich selbst!

Trost des Jahres:

Anfang 2020 habe ich mir zum ersten Mal ein BVG-Jahresticket gekauft. Damit habe ich mich selbst verarscht. Denn kurz danach kam Corona. Nach einigen Malen Fahrt im Berliner Untergrund ist mir der Spaß vergangen. Das Jahresticket legte ich für immer zur Seite und begann, zur Redaktion zu laufen. Fast eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Irgendwann wurde es zu meinem Trost, alle Wege zu Fuß zu gehen.

Bester abgesagter Urlaub:

Kein Urlaub, sondern Reise: Ich hatte vor, mit meinem Vater dieses Jahr zu seinem 60. Geburtstag eine Reise zu machen. Er ist im Frühling 60 geworden. Und seitdem in Selbstisolation.

Bestes Zuhause-Getränk:

Kein besonders ausgesprochenes Getränk, dafür aber bestes selbstgemachtes Essen: Mushroom Stroganoff.

Bestes Theaterstück:

Leider waren Emojis alles, was ich dieses Jahr erlebt habe.

Bester Film:

»Vater - Otac« vom serbischen Regisseur Srđan Golubović.

Bestes Buch:

»Nachtwach Berlin« von Ingo van Aaren und David Wagner: Wenn man müde von belehrenden Sachbüchern der Twitter-Promis und nervigen Romanen, die von lauter Kreatives-Schreiben-Elementen wimmeln, den literarischen Genuss eher in nächtlichen Gesprächen mit einer Schildkröte wiederfindet.

Schlimmste TV-Serie:

Das TV an sich, vermutlich genauso schlimm wie die Jahre zuvor.

Dümmstes Wort:

»Systemrelevant«. Wer bestimmt, was »systemrelevant« ist? Richtig: das System selbst.

Jakob Hayner

Trump des Jahres:

Zu viele. Der Kapitalismus ist so im Arsch, dass Asozialität zum ersten Gebot wird. Kaum verwunderlich.

Trost des Jahres:

So, wie es ist, bleibt es nicht. Ob das allerdings ein Trost ist …

Bester abgesagter Urlaub:

Keiner. Empfehle Urlaub auf dem Tempelhofer Feld in Berlin: Sonnencreme, Klappliege, Wolfgang-Herrndorf-Werkausgabe, Kühltasche (gefüllt) - fast wie am Meer.

Bestes Zuhause-Getränk:

Exorbitanter Verbrauch an »Kopfentspannungstee« aus der Drogerie (hilft kaum). Bester Whiskey ab Dämmerung (egal welche): »Mortlach Single Malt 12 Years«.

Bestes Theaterstück:

Von der Dramaturgie wäre jeder »Coronagipfel« erwähnenswert. Im echten Theater war Claudia Bauers »Meister und Margarita« am Schauspiel Leipzig am eindrücklichsten, zudem noch im vollen Saal - am 7. März. So gut sah man selten, warum das Böse auf die Bühne gehört.

Bester Film:

Fürs mit Bildern und Tönen verdroschen werden »Tenet«. Für die schönste Tanzszene »Milla meets Moses«. Für ungeschminkte Sozialkritik »Sorry we missed you«. Fürs Aufklärerische »Vergiftete Wahrheit«. Für Witz und Überraschungen »Knives Out«. Für die Kamera »1917«. Fürs Verkopfte »Undine«.

Bestes Buch:

»Was ist Sex?« von Alenka Zupančič bei den Sachbüchern. Als wären Karl Marx und Sigmund Freud zu Gast bei Doktor Sommer. Für Belletristik ein Klassiker: »Der Zauberberg«. Lungenleiden, Liegekur, nervöses Fiebermessen und am Ende der große Knall, aktueller geht‘s ja kaum.

Schlimmste TV-Serie:

Habe nur »Sex Education« Staffel 2 geschaut - leider großartig.

Dümmstes Wort:

Viele. Erwachsenensprache auf dem Rückzug. Man kann allerdings in einer Gesellschaft, die einer zurückgebliebenen Produktionsweise wie der kapitalistischen frönt, kaum einen aufgeklärten Gebrauch der Produktivkraft Sprache erwarten.

Christof Meueler

Trump des Jahres:

Thomas Kemmerich, Ministerpräsident für einen Monat.

Virolog*in des Jahres:

Der Schriftsteller Uli Hannemann, der im Juni in der »Taz« mein Corona-Grundgefühl auf den Punkt brachte: »Seit März habe ich jetzt bestimmt schon zum achten Mal Corona. Einmal hatte ich 37,3 Grad Fieber, dreimal Halskratzen, und den Rest weiß ich nicht mehr - ich glaube jedoch, es war schlimm. Ich habe es zwar jedes Mal heil überstanden, aber fragt mich bitte nicht, wie: Die Falten auf meiner Stirn sind noch tiefer geworden, die Haare grauer.«

Trost des Jahres:

Wanderungen durch das vielerorts menschenleere Brandenburg.

Bester abgesagter Urlaub:

Norditalien (Sommer).

Bestes Zuhause-Getränk:

»Julia«, sehr bekömmlicher tschechischer Grappa.

Beste Theaterstücke:

Die US-Präsidentschaftswahlen. Und Jürgen Klinsmann als Kurzzeit-Trainer von Hertha BSC.

Bester Film:

»1917« von Sam Mendes.

Bestes Buch:

»Serpentinen« von Bov Bjerg.

Schlimmste TV-Serie:

Leider hat »Ozark« die beste diesjährige Netflix-Serie, die brutalsten Cliffhanger seit »24«. Kaum auszuhalten.

Dümmstes Wort:

»Genau«.

Christin Odoj

Trump des Jahres:

Karl-Heinz Rummenigge. Alles, was dieser Mann sagt, ist grundfalsch, borniert und dumm. »Was wäre eigentlich passiert, wenn es genau andersrum gewesen wäre, wenn der Posch den Thuram bespuckt hätte?« Da fragt man sich, was wäre eigentlich, wenn es genau andersrum gewesen wäre und der Rummenigge permanent die Klappe halten würde.

Virolog*in des Jahres:

Meine Oma. Auf die Frage, ob sie sich als 82-Jährige als eine der Ersten impfen lassen will, antwortet sie: »Natürlich, ich will, dass der Mist endlich vorbei ist.« Da hat sie ihren Urenkel seit acht Monaten nur durchs Fenster oder an der Haustür gesehen.

Trost des Jahres:

Im Dezember eine Konzertkarte für Voodoo Jürgens im April gekauft. Und das auch noch im Rosenkeller in Jena, ein kleines Gewölbe unter der Erde, eng und voller Studenten, aber die haben dort eine bomben Klimaanlage.

Bester abgesagter Urlaub:

Skiurlaub im Dezember gebucht, ohne Skifahren zu können.

Bestes Zuhause-Getränk:

»Flötzinger Hell«, ein Lager aus Rosenheim, sehr mild, schon fast kein Bier mehr.

Bestes Theaterstück:

Hatten die dieses Jahr auf? Ich schaue kein Theaterstück im Stream. Das ist ja wie Achterbahnfahren mit Augen zu.

Bester Film:

»Tenet«, ein grandioser Knall-Bumm-Peng-Film.

Bestes Buch:

»Lebenswerk« von Rachel Cusk. Schon wieder ein Buch über das Muttersein, aber noch keines, das ich gelesen habe, war so berührend und gleichzeitig so witzig.

Dümmstes Wort:

»Voll«. Es ist üblich, wenn jemand etwas behauptet und man dem zustimmt, darauf mit: »voll« zu antworten. Also: »Der Drosten ist schon ein ziemlich geiler Typ.« , »Voll.« Das ist ein Dialog von einer Ästhetik wie Teewurststulle.

Samuela Nickel

Trump des Jahres:

Horst Seehofer.

Virolog*in des Jahres:

Die dänischen Zombie-Nerze - RIP.

Trostpflaster des Jahres:

Joe Biden.

Bester abgesagter Urlaub:

Ohne Lohnarbeit wär immer Urlaub - oder nie? Urlaub, was für ein blödes Wort!

Bestes Zuhause-Getränk:

Heiße Schokolade.

Schlimmstes Theaterstück:

»Unfähigkeit«, inszeniert von Claus Kaminsky und Co. Erster Akt: Verlust oder Wie die Stadt Hanau nach dem Anschlag trotzdem Karneval macht. Zweiter Akt: Vergessen oder Wie ein halbes Jahr später kurzfristig die Gedenkveranstaltung aus epidemologischen Gründen verboten wird. Dritter Akt: Verarsche oder Wie Nazis, Schwurbler und Verschwörungsideolog*innen stattdessen unbehelligt durch Berlin und andere Städte latschen.

Bester Film:

»Masel Tov Cocktail« von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch.

Beste Bücher:

»Dicht« von Stefanie Sargnagel und »1000 Serpentinen Angst« von Olivia Wenzel.

Schlimmste TV-Serie:

Immer noch: »Tatort«

Dümmstes Wort:

»Urlaub«. Oder auch: »systemrelevant«.

Karlen Vesper

Trump des Jahres:

Alexander Boris de Pfeffel Johnson, Viktor Mihály Orbán, Andrzej Sebastian Duda, Andreas Edwin Kalbitz, Attila Klaus Peter Hildmann und all die anderen Spinner, Ignoranten, Blödmänner, Schwachmaten, Faschisten und Narzissten.

Virolog*in des Jahres:

Das Räuchermännchen eines verdienten Künstlers des erzgebirgischen Volkes, das - rechtzeitig zum diesjährigen Fest auf den Markt gebracht - reißenden Umsatz fand. Wohl ob der verblüffenden Ähnlichkeit mit dem berühmtesten Virologen Deutschlands: schwarz gelocktes Haar, besorgte Miene.

Trost des Jahres:

Dank der vom Virus erzwungenen Einschränkungen in menschlicher Sündhaftigkeit hat die Natur mal kräftig durchatmen, sich immerhin etwas erholen können.

Bester abgesagter Urlaub:

Meine für dieses Jahr fest eingeplante Mondfahrt mit Peterchen.

Bestes Zuhause-Getränk:

Vin rouge, egal von wessen werktätiger Hand rund um den Globus die Trauben gepflückt, gepresst, gekeltert und abgefüllt worden sind.

Bestes Theaterstück:

Der Online-Parteitag der Grünen mit einem auf pflichtbewusst getrimmten Hausmeisterpaar, gemimt von Robert Habeck und Annalena Baerbock, in bieder-spießig-miefiger Wohnzimmerlandschaft.

Bester Film:

Die in Endlosschleife gesendeten Corona-Pressekonferenzen der Landesfürsten, die sich alle nicht lieb haben, aber mit vereinten Kräften einen peinlich-volkstümelnden Odem (oder: Ödem?) von gruselig-gespenstischer deutscher Kleinstaaterei von anno dazumal versprühten.

Bestes Buch:

»Gedächtnistrainig für Senioren« mit 222 Denksportübungen, erstellt von Gehirnschmalzprofis, das ich von meinen frechen Kindern zu Weihnachten geschenkt bekam.

Dümmstes Wort:

»Querdenker«, weil die Irren nicht quer denken, sondern überhaupt nicht denken. Nicht denken können? Hirnzellen bitte mal einschalten.

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