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Allgegenwärtige Superideologie

Marie-Luise Wolf streitet wider die Veralltäglichung des Digitalen

  • Von Thomas Gesterkamp
  • Lesedauer: 2 Min.

In Corona-Zeiten wurde Digitalisierung endgültig zum Zauberwort. Ob im Homeoffice oder im Homeschooling, Onlinekanäle schienen die Lösung für fehlende direkte Kontakte - auch wenn diese sich gerade im Bildungssektor häufig als Krücke erweisen. Die Hersteller von Laptops und Tablets jubeln über ihre steigenden Absatzzahlen, Google oder Facebook präsentieren sich in ganzseitigen Werbeanzeigen vermeintlich gemeinnützig. Und im erneuten Teil-Lockdown mit weitgehenden Ladenschließungen boomt das Geschäft von Amazon wie nie zuvor.

Marie-Luise Wolf, Vorstandsvorsitzende des Darmstädter Energieversorgers Entega und Präsidentin des Branchenverbandes, will den Mythos entzaubern. Von einer »Superideologie« spricht sie im Untertitel ihres Buches »Die Anbetung«. Sie kritisiert die Erosion der analogen Kommunikation durch digitales Multitasking, schildert die Entstehung der großen Internetkonzerne und die »Geldverbrennung« im Silicon Valley. Sie beschreibt willige Konsumenten, die »zum Instrument von Algorithmen« werden, moniert die gefährliche Anhäufung persönlichster Informationen bei den virtuellen Dienstleistern.

Wolff ist keine Maschinenstürmerin, sie kennt sich aus in der Welt, über die sie berichtet. Sie war in leitender Position bei großen Firmen wie Sony und Eon, für ein Jahr auch Chefin des Energiediscounters »E wie einfach«, der seine Angebote für »smart« gesteuerte Wohnungen selbstverständlich im Netz verkauft. Die Managerin leugnet die Vorteile des Digitalen keineswegs, sie warnt aber vor wachsender Machtkonzentration und den psychologischen Folgen einer durchdigitalisierten Welt.

Am Ende stehen Vorschläge zur Problemlösung, gesellschaftlich wie privat. Die hier präsentierten Ideen sind nicht alle originell, das Verbot der Speicherung sensibler Nutzerdaten etwa wird schon lange diskutiert, ebenso die Forderung nach einer stärkeren Besteuerung von Firmen wie Apple. Der wichtigste Rat der Autorin für den alltäglichen Umgang mit dem Digitalen ist simpel: »Beenden Sie die Macht Ihres Smartphones. Nehmen Sie es nicht überall mit hin. Es verändert jede Gesprächssituation, selbst wenn es nur stumm auf dem Tisch liegt.«

Wolffs Buch ist keine technische oder ökonomische Fachliteratur, eher eine inhaltlich breit aufgestellte Streitschrift. Die im Buchtitel auftauchenden Begriffe kommen etwas reißerisch daher, was vielleicht auch der Vertriebsabteilung des Verlages geschuldet ist. Ins Nachdenken bringen könnten ihre Warnungen aber vielleicht gerade die »Digital Natives«, die so selbstverständlich mit Handy und Internet aufgewachsen sind, dass sie die gesellschaftlichen Risiken kaum noch reflektieren.

Marie-Luise Wolff: Die Anbetung. Über eine Superideologie namens Digitalisierung. Westend Verlag, 272 Seiten, 22 Euro.

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