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Zwischen den Abgründen

Der Lebensweg des Antifaschisten, der mein Großvater war.

  • Von Ulrike Eifler
  • Lesedauer: 5 Min.

Das Resümee des KZ-Häftlings Wilhelm Philipp Eifler klingt merkwürdig banal: Es sei ein harter Tag in Dachau gewesen, als es ihm im September 1943 gelungen war, die Selektionen der SS zu unterlaufen und so mehrere Häftlinge zu retten. Jahre später hat er diese und andere Erinnerungen an das Lagerleben in Berichten zusammengefasst. Es sind nicht nur Geschichten über die Kraft der Solidarität, sondern vor allem über die Kraft zu einer Solidarität unter den widrigsten Bedingungen.

Dieser Wilhelm Philipp Eifler ist mein Großvater. Er kommt im Dezember 1909 als Sohn eines Binnenschiffers im hessischen Hirschhorn zur Welt. Die Kleinstadt ist ein idyllischer Ort am südlichsten Punkt Hessens. Die Lage direkt am Neckar begünstigt die Entwicklung der Kettenschlepperschifffahrt. Doch Armut und Hunger prägen das Leben der Binnenschiffer und ihrer Familien. Es sind die sozialen und politischen Erschütterungen dieser Zeit, die meinen Großvater 1931 dazu bewegen, Mitglied der KPD zu werden. Als politischer Leiter der Ortsgruppe organisiert er Streikunterstützungen in Hirschhorn und tritt im benachbarten Kreis Heidelberg als Versammlungsleiter auf.

Vom KZ ins Strafbataillon

Mit der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 wird diese Arbeit zunehmend gefährlicher. Tausende Kommunisten werden verhaftet, die Gewerkschaftshäuser gestürmt, Oppositionelle gefoltert und ermordet. Mein Großvater entschließt sich, als Binnenschiffer bei einer Reederei anzuheuern und entgeht so seiner Verhaftung. Mehr als ein Jahr ist er auf deutschen Gewässern unterwegs, bis es ihn im September 1934 zurück nach Hirschhorn spült. Unvermittelt setzt er seine politische Arbeit fort. Bei einem öffentlichen Aufmarsch der SA dreht er sich für alle sichtbar weg. Aus Frankfurt bringt er heimlich Flugblätter mit und verteilt diese unter hohem Risiko. Gleichzeitig zieht er die alten Genossen zu geheimen Treffen zusammen.

Seine Umtriebigkeit bleibt nicht unbemerkt. Die Gestapo notiert, dass Personen, die als Kommunisten bekannt waren, plötzlich wieder reger werden. Sie schleust einen Spitzel in die Gruppe ein, der Namen und Gesprächsinhalte weitergibt. Als es zu Hausdurchsuchungen kommt, findet die Gestapo bei meinem Großvater hinter der Holzverschalung eines Fensters belastendes Material. Er wird verhaftet und wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und im Februar 1938 ins KZ Dachau gesteckt.

In Dachau ist der Anteil kommunistischer Häftlinge überdurchschnittlich hoch. Sie besetzen wichtige Leitungsposten und organisieren die Solidarität im Lager. Mein Großvater schließt sich dem Widerstand an. Als Blockältester gelingt es ihm, dem einen etwas Essen zuzustecken und den anderen in einem leichteren Arbeitskommando unterzubringen. Einen dritten rettet er Minuten vor dessen Abtransport trotz strenger Bewachung der SS, indem er frech eine Vernehmung beim Lagerführer erfindet. Es sind einfache und doch beeindruckende Geschichten, die der Häftling mit der Nummer 13583 viele Jahre später aufschreibt.

Im November 1944 lässt die SS schließlich 800 überwiegend kommunistische Häftlinge auf dem Appellplatz antreten und presst diese in eine Strafeinheit. Sie sollen in den letzten Kriegstagen an der Ostfront eingesetzt werden. Zur Demütigung werden sie jedoch zuvor in SS-Uniformen gesteckt und müssen tagelang unter den Augen ihrer Kameraden auf dem Appellplatz exerzieren. Am 10. November 1944 verlässt mein Großvater gemeinsam mit 800 weiteren Häftlingen das Lager. Sie kommen in die berüchtigte Strafeinheit Dirlewanger, eine brutale Truppe aus Wilddieben und Kriminellen, die hinter der Front für Drecksarbeiten eingesetzt werden - etwa Plünderungen und auch Massaker an der Zivilbevölkerung. Die Häftlinge aus Dachau verweigern sich diesen Säuberungen und laufen am 15. Dezember 1944 im ungarischen Hound, ohne einen einzigen Schuss abgegeben zu haben, geschlossen zur Roten Armee über.

So überlebt mein Großvater den Krieg in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager. Wenige Monate nach Kriegsende wird er entlassen und macht sich von der Ukraine zu Fuß auf den Weg zurück nach Deutschland. Ausgemergelt und mit einem schweren Magenleiden, chronischer Bronchitis und einer Herzmuskelerkrankung kommt er am 2. Januar 1947 in Hirschhorn an. Seine alte Wohnung ist durch einen Dachstuhlbrand zerstört, seine Habseligkeiten verbrannt. Auf der Gemeinderatssitzung Ende Januar wird über seinen Antrag auf Zuteilung einer Wohnung entschieden. Der Gemeinderat teilt ihm einstimmig eine komfortable Zweizimmerwohnung mit Küche im Hause des ehemaligen Nazibürgermeisters zu. Eine politische Entscheidung: Solange Nazis noch immer in Wohnungen mit zwei und mehr Zimmern wohnten, konnte man politisch Verfolgte nicht ohne Obdach lassen. Der neue Bürgermeister beauftragt sogar zwei ehemalige Nazis, Möbel und Einrichtungsgegenstände zu sammeln und die Wohnung meines Großvaters damit auszustatten.

Wenige Monate später findet mein Großvater eine Anstellung bei einer Konsumgenossenschaft im benachbarten Eberbach. Im darauffolgenden Jahr heiratet er. Zu den zwei Kindern, die seine Frau mit in die Ehe bringt, kommen zwei gemeinsame Kinder. Es hat den Anschein, als habe mein zu diesem Zeitpunkt knapp 40-jähriger Großvater endlich sein Glück gefunden. Doch die lange Haftzeit hat ihm gesundheitlich zugesetzt, in der Konsumgenossenschaft fällt er krankheitsbedingt immer wieder aus. Gleichzeitig ist der Kampf um Entschädigung mühselig. Es gelingt ihm schließlich, Entschädigungsgelder zu bekommen, von denen er sich ein kleines Textilgeschäft einrichtet.

Kauft nicht beim Kommunisten!

Inzwischen prägt jedoch ein wachsender Antikommunismus die Nachkriegszeit. Mindestens zweimal verweigert die Polizei die Strafverfolgung von Nazis, die mein Großvater als seine Peiniger aus Dachau identifiziert und zur Anzeige bringt. Gleichzeitig fordert der Pfarrer die Kirchengemeinde auf, nicht im Geschäft des Kommunisten Eifler einzukaufen. Die Versorgung der Familie wird immer schwieriger. Meine Großmutter häkelt nachts Strümpfe, die mein Großvater tagsüber im Umland bei Türverkäufen anpreist. Politisch enttäuscht und materiell an die Wand gedrückt, siedelt die Familie Eifler im April 1955 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Ostberlin über. Sie lassen sich in Eberswalde nieder, nordöstlich von Berlin. Einer dauerhaften Beschäftigung kann mein Großvater nicht mehr nachgehen. Doch er nutzt die Zeit, seine Erinnerungen aufzuschreiben und steht in den Schulen als Zeitzeuge zur Verfügung. Überlieferte Briefwechsel belegen, dass er bis zum Schluss den Kontakt zu seinen Kameraden hält.

Wilhelm Philipp Eifler stirbt im Februar 1983. Seine Beerdigung wird zu einem bewegenden Moment. Ein Bläser stimmt das Lied vom kleinen Trompeter an. 35 Jahre lag Wilhelm Philipp Eifler in Eberswalde begraben. Vor ein paar Jahren wurde das Grab aufgelöst. Die Erinnerungen an ihn aber bleiben. Sie stehen für eine Generation, die sich wie keine andere zwischen Widerstand und Anpassung entscheiden musste und damit alle Abgründe des 20. Jahrhunderts durchlebte.

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