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  • Berlin
  • Kulturhaus Rüdersdorf

Das Vermächtnis der Kulturdirektorin

Ilse Panzer starb 99-jährig. Die Erben spenden für das Kulturhaus Rüdersdorf.

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

Das denkmalgeschützte Kulturhaus von Rüdersdorf bei Berlin ist ein in seiner Art einzigartiges Bauwerk, das den Namen Kulturtempel oder Kulturpalast verdient. Es benötigt allerdings eine Sanierung sowie moderne Tagungstechnik. Außerdem muss es Brandschutzauflagen erfüllen, damit es weiterhin betrieben werden darf. Das alles zu erledigen kostet etwas mehr als neun Millionen Euro, erläutert Bürgermeisterin Sabine Löser (parteilos). Fördermittel von Land und Bund sind beantragt und für die Brandschutzmaßnahmen auch schon bewilligt, für die denkmalgerechte Sanierung allerdings noch nicht. Rund zwei Millionen Euro, vielleicht auch mehr müsse die Gemeinde selbst aufbringen, erläutert die Bürgermeisterin. Das sei sehr viel Geld für eine Kommune, die zwar im Berliner Speckgürtel liegt, aber dennoch keineswegs wohlhabend ist, ergänzt Gemeindevertreterin Monika Huschenbett (Linke). Deshalb gab es Vorstellungen, das Kulturhaus zu verkaufen und sich beim neuen Eigentümer lediglich gewisse Nutzungsrechte zu sichern. Im Juni vergangenen Jahres debattierte die Gemeindevertretung ausführlich über die Varianten und beschloss am Ende, das Kulturhaus zu behalten.

Davon las Ilse Panzer in der Zeitung - im »nd«. Es interessierte sie sehr. Warum das so ist, verrät ein Blick in ihre Biografie. llse Panzer, geborene Skamira, stammte aus Egloffstein im damaligen Kreis Landsberg/Warthe, dem heutigen Gorzów in Polen. Sie erlernte den Beruf einer Köchin. Die Eltern waren in der KPD, der Vater wurde im Januar 1945 als Antifaschist im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet, die Tochter siedelte im selben Jahr nach Rüdersdorf um. Es scheint, sie erfüllte den berühmten Ausspruch von Lenin, eine Köchin müsste in der Lage sein, den sozialistischen Staat zu lenken. 1947 und 1948 arbeitete sie in der SED-Kreisleitung als Sekretärin für Kultur und Erziehung, 1950 bis 1953 als Kulturdirektorin im Zementwerk Rüdersdorf. In dieser Funktion gab sie mit den Anstoß für die Errichtung des Kulturhauses. Der Grundstein wurde 1954 gelegt, der Bau in 27 Monaten abgeschlossen. Viele Rüdersdorfer leisteten freiwillige Arbeitseinsätze. Am 12. Oktober 1956 konnte das Haus eingeweiht werden. Mit einer Nutzfläche von 2500 Quadratmetern suchte es in der DDR seinesgleichen. Der große Saal bot Platz für bis zu 550 Zuschauer.

Ilse Panzer hatte da bereits begonnen, an der Berliner Humboldt-Universität Germanistik zu studieren. Sie wurde Redakteurin beim Deutschlandsender, war dann lange krank und fand 1972 noch einmal eine neue Aufgabe beim Rat des mecklenburgischen Kreises Sternberg. 1983 ging sie in Rente, 1996 zog sie nach Berlin.

Doch das Rüdersdorfer Kulturhaus »Martin Andersen Nexö« lag ihr weiter am Herzen. 2016, als das Haus 60 Jahre alt wurde und Panzer bereits ihren 95. Geburtstag gefeiert hatte, weilte sie unter den Ehrengästen. Als sie im Juni 2020 im »nd« von den finanziellen Schwierigkeiten einer Sanierung las, nahm sie sich vor, Geld zu spenden. Nun ist sie über Weihnachten im Alter von 99 Jahren verstorben. Doch ihre Töchter Dolores Pieschke und Klaudia Schultze sowie Enkelin Miriam Pieschke möchten den letzten Willen der ehemaligen Kulturdirektorin erfüllen. Sie hatten auch die Idee, dass die Besucher der Trauerfeier und andere Menschen, die sich an Ilse Panzer erinnern oder denen das Kulturhaus wichtig ist, ebenfalls Geld spenden. Die Kontonummer sollte gleich in der Traueranzeige stehen. Aber woher die Kontonummer so schnell nehmen in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr? Beim Kulturhaus, das vom Corona-Lockdown betroffen und geschlossen ist, und bei der für das Haus mit verantwortlichen Museumspark und Kultur GmbH war telefonisch niemand zu erreichen. Deshalb wandten sich die Pieschkes hilfesuchend ans »nd«. Die Redaktion empfahl, Kontakt zum Referenten von Bürgermeisterin Sabine Löser (parteilos) aufzunehmen und suchte aus dem Internet Telefonnummer und E-Mail-Adresse heraus. Auf diesem Wege klappte es.

Dolores und Miriam Pieschke haben ihr vom letzten Willen von Ilse Panzer berichtet, »sich auch noch über ihren Tod hinaus um das Kulturhaus Rüdersdorf zu kümmern«, sagt Bürgermeisterin Löser. Man ermögliche, Spenden unter dem Kennwort ›Kulturhaus‹ zweckgebunden auf das Gemeindekonto einzuzahlen».

Die Bürgermeisterin war es nicht vergönnt, Ilse Panzer persönlich kennenzulernen. Doch ihr Amtsvorgänger André Schaller (CDU) hat die ehemalige Kulturdirektorin sehr gut in Erinnerung. Das erste Mal begegnete er ihr noch als sehr junger Bürgermeister 2005 in der französischen Partnerstadt Pierrefitte sur Seine, einem Vorort von Paris. Dort habe Ilse Panzer eine beeindruckende Rede zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus gehalten, sagt Schaller. «Sie war Kommunistin aus Überzeugung», bemerkt er anerkennend. «Die Ilse habe ich total geschätzt.» Er habe sie später noch einige Male getroffen und einmal auch in ihrer Wohnung in Berlin-Pankow besucht. Sie war lebenserfahren und ungeheuer belesen, strotze vor Wissen und war geistig fit bis ins hohe Alter, rühmt der CDU-Politiker, der inzwischen im Brandenburger Landtag sitzt. Panzer sei auch immer neugierig geblieben und habe ihm komplizierte Fragen zu seiner Religion gestellt, die er gar nicht so leicht beantworten konnte. «Ich bin zwar Christ, aber nicht bibelfest», gesteht Schaller.

Nach Auskunft Schallers stammte die Anregung, dem Kulturhaus den Namen des dänischen Schriftstellers Martin Andersen Nexö zu geben, von Ilse Panzer. Nach der Wende, als sich das Zementwerk mit dem Unterhalt überfordert fühlte, habe die Gemeinde das Kulturhaus gekauft. «Es ist ein wunderbares Haus. Wenn man da Bälle feiert - das bekommen sie in einer Mehrzweckhalle nicht hin», schwärmt Schaller. Es freut ihn, dass es gelungen sei, im Landeshaushalt 2021 erste Fördermittel für die Sanierung zu reservieren. Dass Ilse Panzer in ihrem letzten Willen das Kulturhaus bedachte, wundert ihn nicht. «Damit schließt sich ein Kreis.»

Die Hinterbliebenen wünschen sich, über den Fortgang der Bauarbeiten auf dem Laufenden gehalten zu werden. Zunächst müssen die Bauarbeiten jedoch erst einmal beginnen - und da noch nicht alle Förderbescheide vorliegen, rechnen Bürgermeisterin Löser und Gemeindevertreterin Huschenbett nicht damit, dass es bereits im kommenden Jahr losgeht, sondern voraussichtlich erst im Jahr 2022. Ein Planungsbüro werde aber bereits gesucht und 2021 könnte vielleicht schon die Ausschreibung gemacht werden, erklärt Löser. Die Gemeinde versuche, erfinderisch zu sein, damit es nicht sieben Jahre dauert, bis alles fertig ist. In maximal drei Jahren soll es geschafft sein.

Gemeinde Rüdersdorf bei Berlin, Sparkasse Märkisch-Oderland, BIC: WELADED1MOL, IBAN: DE80 1705 4040 2308 3701 50, Kennwort «Kulturhaus». Wer für eine größere Summe eine Spendenbescheinung benötigt, soll seine Adresse mit in den Verwendungszweck schreiben.

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