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Im Auge des Sturms

In Großbritannien wird in einigen Kliniken das Pflegepersonal knapp

  • Von Peter Stäuber, London
  • Lesedauer: 3 Min.

Die zweite Corona-Welle hat Großbritannien mit aller Wucht getroffen. Fast täglich werden bei den Infektionszahlen neue Höchstwerte verzeichnet, viele Krankenhäuser haben Alarm geschlagen, weil sie überfüllt sind. Am Samstag meldeten die Behörden mehr als 57 000 Covid-Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden, der bisherige Höchstwert; fast 24 000 Patientinnen und Patienten liegen im Krankenhaus - auch das ist ein Rekord.

Die Lage könnte laut Gesundheitsmitarbeitern bald eskalieren. Ärzte und Pfleger warnen, dass der Gesundheitsdienst NHS schon in den kommenden Tagen überfordert sein könnte. Der Vorsitzende des NHS in England, Simon Stevens, sagte, seine Mitarbeiter seien »erneut im Auge des Sturms«. Ein medizinischer Berater der Regierung warnte, dass Großbritannien »eine sehr gefährliche neue Phase der Pandemie betrete.«

Verantwortlich für das Ausmaß der Krise ist die neue Mutation des Coronavirus, die deutlich ansteckender ist als die frühere. »Es gibt einen riesigen Unterschied in Bezug auf die Geschwindigkeit, mit der sich die neue Virus-Variante ausbreitet«, sagte Professor Axel Gandy vom Imperial College in London. Eine neue Studie seiner Universität hat ergeben, dass sich die Übertragung dieser Variante selbst während des Lockdowns im November verdreifachte.

Besonders schwer getroffen von der zweiten Welle ist der Südosten Englands, darunter London sowie die Grafschaften Essex und Kent. Mehrere Krankenhäuser in dieser Region sind bereits jenseits ihrer Kapazität - es fehlt an genügend Pflegern. Ein Notfallmediziner in London berichtete gegenüber der Presse, dass die Ambulanzen vor vielen Krankenhäusern Warteschlangen bilden; »die Patienten müssen oft stundenlang darauf warten, eingeliefert zu werden, weil es schlichtweg keinen Platz für sie gibt.«

Die Regierung hat auf die dramatische Lage zunächst einmal reagiert, indem sie die Impfstrategie geändert hat. Ursprünglich sollten die zwei Dosen der zwei Vakzinen, die bereits zugelassen sind, in einem Abstand von drei bis vier Wochen verabreicht werden. Die Wirksamkeit wurde gemäß dieser Verabreichungsmethode eruiert. Aber kurz vor dem Jahreswechsel kündigten die Behörden an, den Patienten die zweite Dosis der Vakzine erst nach rund drei Monaten zu spritzen.

Die medizinischen Chefbeamten Großbritanniens argumentieren, dass bereits die erste Dosis der Vakzine einen »erheblichen Schutz« bereitstelle. Weil sich das Virus so schnell ausbreite, müsse die zweite Dosis mit Verzögerung verabreicht werden, damit genügend Menschen die erste Spritze erhalten können. Virologen sind jedoch gespalten bezüglich des Strategiewechsels: Manche sehen darin einen pragmatischen Schritt, andere hingegen befürchten, dass die Wirksamkeit der Vakzine beeinträchtigt werden kann. Der Pharmariese Pfizer, der zusammen mit dem deutschen Unternehmen Biontech den ersten zugelassenen Impfstoff entwickelt hat, sagte, dass sich die »Sicherheit und Wirksamkeit« ihrer Arznei auf die Verabreichung im Abstand von drei Wochen beziehe.

Aber auch jenseits der Kontroverse um das Impfprogramm steht die Regierung in der Kritik, weil sie zu zögerlich gegen die Ausbreitung des Virus vorgehe. Zwar führte Johnson kurz vor den Weihnachtsferien schärfere Regeln ein, aber offensichtlich reichen sie nicht, um die zweite Welle zu unterdrücken. Viele Politiker fordern einen landesweiten Shutdown.

Angesprochen auf die drohende Eskalation der Pandemie sagte Premierminister Boris Johnson am Sonntagmorgen, dass schärfere Einschränkungen schon bald zu erwarten sind. »Es wird holprig werden«, meinte er.

Die Bildung der Kinder sei zwar eine »Priorität«, sagte Johnson. Zugleich müsse aber auch die Bedeutung der »neuen Variante des Virus« zur Kenntnis genommen werden. Die Weihnachtsferien wurden in London und im Südosten Englands bereits verlängert. Dort, wo die Schulen geöffnet seien, sollten die Eltern ihrer Kinder aber zur Schule schicken, sagte Johnson. »Das Risiko für die Kinder und die Jugendlichen ist sehr gering.« Lehrerverbände dagegen hatten in den vergangenen Tagen auf eine Schließung der noch offenen Schulen gedrängt.

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