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Brandenburg will aufholen

Gesundheitsministerin Nonnemacher (Grüne) kündigt mehr Schutzimpfungen an

  • Von Andreas Fritsche und Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.
Eine Frau erhält im DRK-Seniorenwohnpark Großräschen die erste Corona-Impfung im Bundesland Brandenburg.
Eine Frau erhält im DRK-Seniorenwohnpark Großräschen die erste Corona-Impfung im Bundesland Brandenburg.

An diesem Dienstag sollen in Potsdam und Cottbus die beiden ersten Corona-Impfzentren Brandenburgs eröffnen. Elf weitere sind geplant, darunter als eines der letzten eins in Kyritz ab dem 1. Februar. Zuständig wäre es auch für das rund 100 Kilometer entfernte Lenzen in der Prignitz. Wie aber eine 90-Jährige von dort nach Kyritz gelangen soll, das ist dem Landtagsabgeordneten Ronny Kretschmer (Linke) schleierhaft. Mit Bus und Bahn werde es hier und an vielen anderen Stellen im Bundesland schwer bis gar nicht möglich sein, das nächstgelegene Impfzentrum zu erreichen. Kretschmer fordert deswegen, dass verbindliche Absprachen mit Fuhrunternehmen getroffen werden, damit diese die Hochbetagten befördern. Auch sei die Frage zu klären, wer das bezahlt. Sonst drohe die Impfaktion in Brandenburg zum »Rohrkrepierer« zu werden, sagt der Abgeordnete am Montag zu »nd«. Er ist von Beruf Krankenpfleger und in der Linksfraktion für die Gesundheitspolitik zuständig.

Ihm missfällt auch, dass die Senior*innen in Brandenburg, die selbstbestimmt noch in den eigenen vier Wänden wohnen, keinen Brief erhalten, in dem ihnen ein Impftermin vorgeschlagen wird - so wie es beispielsweise in Berlin gehandhabt wird. In Brandenburg sollen diese Hochbetagten oder ihre Angehörigen sich selbst kümmern und die Nummer 116 117 anrufen.

Das alles treibt Kretschmer im Moment mehr um als die betrübliche Tatsache, dass Brandenburg bei den Impfungen im Bundesvergleich deutlich zurückliegt. Trotzdem muss er dazu bemerken: »Dass Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt weiter sind, gibt zu denken.« Die Ausrede, das liege daran, dass es kompliziert sei, die Einwilligungen der Angehörigen dementer Pflegeheimbewohner zu organisieren, lässt er nicht gelten. Vor dem Problem stünden andere Bundesländer doch auch. Die aber hätten sich rechtzeitig darum gekümmert. Befriedigend gelaufen sei bisher offenbar nur die Impfung des Krankenhauspersonals, um die sich die Kliniken selbst kümmern. Da wurden alle zur Verfügung gestellten Dosen verimpft, sagt Kretschmer.

Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) rechnet derweil mit deutlich mehr Impfungen in den kommenden Wochen. Bisher seien 3309 Menschen im Land geimpft worden, sagte Nonnemacher dem Inforadio des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) am Montag. Sie räumte ein: »Das ist jetzt noch nicht wahnsinnig viel.« Nun gehe es aber mit Verve los. »Ich bin sehr optimistisch, dass sich im Laufe des Januars dort die Mengen deutlich steigern werden, wenn wir dann auch Zulassungen von weiteren Impfstoffen haben, die nicht mehr so anspruchsvoll (sind), was Tiefkühlung, Lagerung und Zubereitung angeht«, meint die Gesundheitsministerin.

Zunächst könnten die Impfungen nur Stück für Stück hochgefahren werden, sagte Nonnemacher. »Wir haben allein für diese erste Kalenderwoche knapp 7000 Impfungen in den Krankenhäusern vorgesehen.« Dazu kämen weitere Impfungen in Seniorenheimen. Nach Angaben ihres Ministeriums wurde landesweit in fünf stationären Pflegeheimen geimpft: in Großräschen, Nauen, Cottbus, Forst und Premnitz. Nach einer Statistik des Robert Koch-Instituts (RKI) haben bis Sonntag 224 Pflegeheimbewohner*innen Impfungen erhalten. Gleichzeitig bekamen medizinisches Personal mit sehr hohem Ansteckungsrisiko und Mitarbeitende in der Altenpflege ein Impfangebot, wie die Ministerin weiter mitteilte. Alle anderen bitte sie um ein wenig Geduld. Sie erwarte aber, dass sich durch weitere Impfstoffzulassungen und ein Hochfahren der Produktion das Angebot bald verbessere.

Nonnemacher verteidigte darüber hinaus die Impfstrategie des Bundes. »Es wäre immer besser, wenn alles mehr wäre und schneller«, sagte sie. Aber: »Es ist in einer Rekordzeit gelungen, bei einem wirklich neuen Erreger, der diese Pandemie verursacht hat, einen gut wirksamen Impfstoff herzustellen, und mehrere andere Impfstoffe sind ja in der Pipeline.«

Die Terminvergabe für die Corona-Impfungen unter der 116 117 hatte in Brandenburg am Montag zunächst mit technischen Problemen begonnen. Die Rufnummer war über das Festnetz nicht erreichbar, mobil funktionierte es. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg nehmen rund 150 Mitarbeiter die Anrufe entgegen; pro Woche könnten rund 40 000 Anrufe bedient werden. Welche Personengruppen wann geimpft werden, steht auf der Internetseite.

Erst einmal können nur Menschen über 80 Jahre, Bewohner*innen von Pflegeheimen und ihr Personal sowie Beschäftigte mit einem hohen Ansteckungsrisiko in Krankenhäusern oder bei Rettungsdiensten Termine vereinbaren. Gegen das Coronavirus sind zwei Impfungen nötig.

Erstmals seit mehreren Wochen ist die Zahl neuer Corona-Ansteckungen in Brandenburg innerhalb eines Tages unter 300 gesunken. Das Gesundheitsministerium meldete am Montag 296 neue Fälle, allerdings lagen von vier Kreisen und aus Cottbus zunächst keine neuen Daten vor. 17 Todesfälle im Zusammenhang mit der Covid-19-Krankheit kamen hinzu. Vor einer Woche wurden 408 bestätigte neue Infektionen und 16 neue Todesfälle innerhalb eines Tages gezählt. Die meisten neuen Ansteckungen stammten aus dem Landkreis Oder-Spree mit 82, gefolgt von der Stadt Potsdam mit 55 und der Uckermark mit 30.

Der Corona-Schwerpunkt in Brandenburg ist weiter der Landkreis Elbe-Elster mit einem Wert von rund 441 neuen Ansteckungen pro 100 000 Einwohner*innen in einer Woche, dahinter kommen der Kreis Spree-Neiße mit fast 434 und der Kreis Oberspreewald-Lausitz mit 320. Landesweit liegt der Wert im Durchschnitt bei 218.

Derzeit werden 1164 Menschen wegen einer Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus behandelt. Davon seien 257 Patienten in Intensivbehandlung. Als aktuell erkrankt gelten 14 528 Menschen, das ist allerdings eine geschätzte Zahl. mit Agenturen

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