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Stolz und Vorurteil, grandiose Erfolge und große Enttäuschungen

Ein historischer Exkurs durch die 100-jährige Geschichte einer Partei

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 5 Min.

Unter dem Eindruck der russischen Oktoberrevolution und getragen von den damit geweckten Hoffnungen, waren Ende Dezember 1920 französische Linke in der Kleinstadt Tours zusammengekommen. Das Treffen firmierte als 18. Parteitag der sozialistischen SFIO, Section française de l’Internationale ouvrière (Französische Sektion der Arbeiter-Internationale). Mit 3208 gegen 1022 Stimmen wurde beschlossen, sich der 1919 in Moskau gegründeten Kommunistischen oder Dritten Internationale, kurz: der Komintern, anzuschließen. Die Initiative dazu war vom linken Flügel der SFIO und dessen Führer Marcel Cachin ausgegangen, der 1917 bis 1920 mehrmals Sowjetrussland besucht und dort auch W. I. Lenin getroffen hatte.

Fünf Tage lang stritten sich in Tours der radikal-revolutionär und der moderat-sozialdemokratische Flügel der Partei. Eine flammende Rede in französischer Sprache hielt die deutsche Kommunistin und Komintern-Abgesandte Clara Zetkin. Der rechte Flügel der SFIO unter Léon Blum und die »Zentristen« unter dem Marx-Enkel Jean Longuet wollten sich nicht dem Mehrheitsvotum zum Beitritt zur KI unterwerfen und spalteten sich ab; die SFIO bestand unter historischem Namen bis 1969. Die Abspaltung machten nur 40 000 Parteimitglieder mit, 120 000 ehemalige Sozialisten wurden zu Kommunisten. Zentralorgan der vor 100 Jahren gegründeten FKP wurde die 1904 von Jean Jaurès ins Leben gerufene »Humanité«. Schon die junge Partei wurde von innerparteilichen Auseinandersetzungen gebeutelt, was auch auf Weisungen und Instrukteure der Komintern zurückzuführen war.

Ihre erste Feuertaufe erlebte die FKP 1923 an der Seite der KPD bei den Protestdemonstrationen und Streiks gegen die völkerrechtswidrige Besetzung des deutschen Ruhrgebiets durch französische Truppen. Ein Höhepunkt ihres Kampfes war die Bildung der Volksfront 1936 aus Sozialisten, Radikalsozialisten und Kommunisten. Sie konnte den Vormarsch profaschistischer Kräfte stoppen und soziale Verbesserungen durchsetzen. An der Volksfrontregierung unter Premier Léon Blum beteiligte sich die FKP zwar nicht, sie trug jedoch deren Politik im Parlament mit.

Nach dem Scheitern der Volksfront an eigener Inkonsequenz nahm bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 die rechtsbürgerliche Regierung von Édouard Daladier die Verteidigung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vom 23. August des Jahres durch die FKP zum Vorwand, um die Partei zu verbieten. Viele Funktionäre wurden eingesperrt oder mussten in die Illegalität abtauchen; Parteichef Maurice Thorez emigrierte in die Sowjetunion. Auch wenn die FKP-Führung erst nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 offiziell zum Widerstand gegen die deutsche Okkupation aufrief, so hatten doch viele französische Kommunisten längst aus eigener Initiative den antifaschistischen Kampf aufgenommen. Die FKP stellte den größten Anteil der Résistancekämpfer und brachte die meisten Opfer. Das trug ihr den Ruf als »Partei der Füsilierten« ein. Was es selbst dem zutiefst antikommunistisch eingestellten General Charles de Gaulle als selbstverständlich erscheinen ließ, die FKP 1944 an seiner provisorischen Regierung zu beteiligen. Kommunistische Minister gab es auch in den ersten Nachkriegsregierungen. Parteichef Maurice Thorez rief als Vizepremier von Nachkriegsfrankreich gar die Kommunisten auf, »den Klassenkampf zeitweilig zurückzustellen, weil es jetzt erst einmal um den Wiederaufbau des Landes geht«. Gedankt wurde dies nicht. Auf Initiative der USA und unter dem Druck der Marshallplan-Hilfe wurden die FKP-Minister 1947 aus der Regierung gedrängt. Der nunmehr beginnende Kalte Krieg bestimmte auch die Rolle der FKP in der französischen Innenpolitik in der Folgezeit.

Als Oppositionspartei spielte sie eine gewichtige Rolle sowohl auf der Straße als auch im Parlament. Über ihren Einfluss auf die größte Gewerkschaft CGT konnte sie wichtige soziale Verbesserungen durchsetzen. Sie genoss daher in der Bevölkerung großes Ansehen. Eine bedeutende Rolle spielte die FKP im Kampf gegen die Kolonialkriege in Indochina und Algerien, gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft und die Nato, für internationale Abrüstung und Friedenssicherung. Gleichzeitig erfuhr sie durch ihre bedingungslose Treue zum sozialistischen Lager und die Rechtfertigung der sowjetischen Interventionen 1956 in Ungarn, 1968 in der ČSSR sowie 1979 in Afghanistan Misstrauen und Ablehnung. Hinzu kam verschärfte antikommunistische Hetze.

Zwischen 1945 und 1958 gab es in der Vierten bis weit in die Fünfte Republik hinein wiederholt Gelegenheiten für ein Zusammengehen mit den Sozialisten und die Bildung einer gemeinsamen linken Regierung, was jedoch immer wieder an antikommunistischen Vorurteilen der führenden Politiker der SFIO scheiterte. Das änderte sich erst, als François Mitterrand 1972 deren Führung übernahm. Für sein Streben nach dem Amt des Staatspräsidenten waren die Kommunisten willkommene »Mehrheitsbeschaffer«. Intern machte Mitterrand keinen Hehl daraus, dass seine »Umarmungstaktik« ein »Ausbluten« der FKP beabsichtigte. Die französischen Kommunisten wiederum öffneten sich in den 70er Jahren dem »Eurokommunismus« und gingen zunehmend auf vorsichtige Distanz zur KPdSU. Dogmen des Marxismus-Leninismus wurden aufgegeben.

1981 schließlich wurde Mitterrand mit halbherziger Unterstützung der FKP-Führung und trotz der Stimmenthaltung vieler Kommunisten an der Basis zum ersten linken Präsidenten Frankreichs gewählt. In seiner Regierung, die im Parlament auf die FKP-Abgeordneten angewiesen war, wurden vier Ministerposten an die Kommunisten vergeben. Dem darüber besorgten US-Präsidenten Ronald Reagan versicherte Mitterrand unter vier Augen, dass er die Kommunisten »an der kurzen Leine« halten werde. Die FKP-Minister verließen die Regierung 1984, als Mitterrand auf eine rigorose Sparpolitik umschwenkte.

Den größten Tiefschlag erlebte die FKP mit dem Zerfall des sozialistischen Lagers und der UdSSR Anfang der 90er Jahre. Viele ehemalige FKP-Wähler wanderten zu anderen linken Parteien ab, ein Teil ließ sich von rechtsextremen Demagogen einfangen. Zählte die Partei 1945 stolze 900 000 Mitglieder, so sind es heute nur 47 000. Unter den ihrer Partei treu gebliebenen Kommunisten wuchs in den letzten Jahren der Unmut, bei Präsidentschaftswahlen nur noch »Mehrheitsbeschaffer« zu sein, so für den Ex-Sozialisten Jean-Luc Mélenchon und die von ihm 2016 gegründete, Bewegung La France Insoumise (Unbeugsames Frankreich) die der FKP Konkurrenz zu machen begann. Auf dem FKP-Parteitag 2018 wurde eine Kurswende mit dem Ziel beschlossen, sich »auf die historischen Werte der Kommunisten zu besinnen« und »Selbstbewusstsein zurückzugewinnen«. Diesen Kurs vertritt dynamisch der neue Nationalsekretär Fabien Roussel. Er schließt nicht aus, dass sich die FKP bei der Präsidentschaftswahl 2022 nicht wieder hinter Mélenchon stellt, sondern mit eigenem Kandidaten antritt.

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