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Der Wodka danach

Zeitgleich eröffneten am Dienstag die Impfzentren in Potsdam und Cottbus

  • Von Wilfried Neisse, Potsdam
  • Lesedauer: 4 Min.
Die 81-jährige Gisela Rathgeber (links) wird von der Ärztin Conny Mauruschat (rechts) und ihrer Mitarbeiterin im Impfzentrum nach ihrem Gesundheitszustand befragt.
Die 81-jährige Gisela Rathgeber (links) wird von der Ärztin Conny Mauruschat (rechts) und ihrer Mitarbeiterin im Impfzentrum nach ihrem Gesundheitszustand befragt.

Wenn Dieter Lorenz aus Potsdam in zwei Wochen seinen 89. Geburtstag begeht, dann wird der Anti-Coronaschutz in seinem Körper größtenteils aufgebaut sein. Er war am Dienstag einer der ersten, die sich den Piks im Impfzentrum der Babelsberger Metropolis-Halle geben ließ. »Meine Tochter hatte ein paar Schwierigkeiten, für uns den Termin zu bekommen, aber es hat für mich und meine Frau geklappt«, sagte er erleichtert vor der Impfung. Nun müsse alles nur noch wirken. Aber da sei er optimistisch. Wenn alles vorbei sei, werde er erst einmal einen heben. »Einen Wodka«, setzt seine Ehefrau lachend hinzu.

Mit 70 geplanten Impfungen startet der großangelegte Impfprozess in Potsdam-Babelsberg gleich neben dem Filmpark. Ziel ist es, an diesem Ort bis zu 600 Impfungen am Tag zu absolvieren. Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) lobte Energie und Einsatzbereitschaft der vielen Beteiligten im Vorfeld: Auf Schwierigkeiten und Ungereimtheiten im Vorfeld angesprochen, reagierte sie verärgert: »Es wird immer nur gemeckert.« Immerhin müsste der aufwendige und unerprobte Vorgang der Massenimpfung zusätzlich zu den ohnehin extrem schwierigen Situationen bei der Pflege und Betreuung bewältigt werden. Es gebe Heime, dort würden über Nacht sämtliche Pflegerinnen und Pfleger wegen Krankheit oder Quarantäne ausfallen. Man müsse den Katastrophenschutz und andere - ebenfalls schon überlastete - Pflegeeinrichtungen alarmieren, um die Patienten aus den Betten zu holen, sie zu waschen und ihnen Frühstück zu geben. Auf eine solche Lage habe sich niemand langfristig vorbereiten können.

Der nun gestartete Impfprozess werde ein »lernendes System« sein und »von Tag zu Tag besser funktionieren«, versprach sie. Zuerst sollen die über 80-Jährigen geimpft werden: Im Land Brandenburg sind das rund 200 000 Menschen, viele davon in Pflegeeinrichtungen. Warum es noch Rückstände gegenüber den Impfzielen gebe? »Bei einem Drittel der Bewohner von Pflegeheimen müssen der Vormund gefunden und seine Einwilligung zur Impfung eingeholt werden«. Das koste im Flächenland Brandenburg Kraft und Zeit.

Noch sei der Impfstoff »ein sehr knappes Gut«, mahnte Nonnemacher. Doch gebe es inzwischen zwei Zulassungen und für weitere sehe es gut aus. Dann werde hoffentlich auch ein Präparat darunter sein, das nicht mit hohem Aufwand extrem abgekühlt aufbewahrt und transportiert werden müsse. Trotz solcher Fortschritte sei das Impfen ein Marathonlauf und nicht mit einem Sprint zu verwechseln.

»In drei oder vier Wochen sieht die Welt schon anders aus«, glaubt Holger Rostek, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB). Am ersten Tag wurden in Potsdam zwei parallele Impf-Durchläufe praktiziert, am Ende sollen es sechs sein. Die Metropolis-Hallen in Babelsberg sind der größte überdachte Raum der Stadt.

Auch ein älterer Herr kam zum Eingang des Impfzentrums. Er habe keinen Termin und wollte sich einfach nach dem Verfahren erkundigen, erzählt er. Am Telefon habe er kein Glück gehabt, er sei auch in keiner Warteschleife gelandet.

Clemens Gauger (DRK), operativer Leiter des Impfzentrums, erklärte ihm, dass hier am Impfzentrum keine Termine vergeben werden. Er empfahl, es telefonisch weiter zu versuchen. Wenn sich die erste Aufregung gelegt habe, würden die Erfolgsaussichten steigen. Den Ablauf im Zentrum erläutert Gauger auch den anwesenden Journalisten: Wer einen Termin ergattert hat, der muss sich zum Eingang begeben, dort werde ihn ein Lotse in Empfang nehmen. Danach erfolge die Registrierung mit Versichertenkarte und Impfausweis. Einmal »in das System aufgenommen« warte auf den »Impfling« ein Vorgespräch mit einem Arzt, bei dem ermittelt werde, ob etwas gegen die Impfung spreche. Danach sitze der oder die Betreffende in einer separaten Kabine, bis eine Schwester das Serum in den Oberarmmuskel spritzt. Mit seiner Unterschrift bestätigt der Arzt, dass die Impfung korrekt erfolgt ist. Anschließend verbleibe der oder die Geimpfte in einem Beobachtungsraum. Falls alles seinen unauffälligen Verlauf nimmt, könne die Halle kurz darauf durch den hinteren Eingang verlassen werden. Bei Komplikationen stehe ein Sanitäterteam der Johanniter Unfallhilfe bereit.

Noch immer seien die Informationsdefizite beim Thema Coronavirus erheblich, stellen die Verantwortlichen fest. Die Telefonnummer 166 117 war am Vortag völlig überlastet. Viele Menschen bestürmten die Terminvergabestellen, doch wenn sie nicht zur Gruppe der zunächst Aufgerufenen sehr alten Menschen oder deren Betreuer gehören, musste man ihr Anliegen abschlägig bescheiden. Das führte zu Frust und Ärger. Nicht geimpft werden kranke Menschen, Menschen mit Fieber oder ähnlichen Symptomen, erklärte Ministerin Nonnemacher.

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) sicherte zu, mit einem Rundbrief besser aufzuklären und zu informieren. »Die Stadt ist bereit, ihren Beitrag zu leisten.«

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