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Das Rennen um den allerschnellsten Zug

Japan baut an einer Magnetschwebebahn, die zum Exportschlager werden und China ausstechen soll

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

In Japan baut man an einem neuen Zug, der schneller werden soll als jeder zuvor. Der Maglev könnte Milliarden an Exporteinnahmen bringen - es sei denn, ein Konkurrenzprojekt aus China wird schneller fertig. Die beiden ostasiatischen Länder leisten sich seit Jahren einen Wettstreit auf dem Eisenbahnmarkt. Und ein Drittes kam am Dienstag dazu: Südkorea hat den ersten Hochgeschwindigkeitszug aus einheimischer Entwicklung in Betrieb genommen. Der KTX-Eum soll bis zu 260 Stundenkilometer fahren.

Japan ist hier aber schon sehr viel weiter: Kaum eine technologische Entwicklung aus dem Land hat die Welt mehr beeindruckt als der Sinkansen, dessen neueste Variante 300 Kilometer pro Stunde zurücklegt und so gut wie immer auf die Minute pünktlich sein Ziel erreicht. Und noch nie gab es einen tödlichen Unfall mit dem Zugsystem, das seit Jahrzehnten unterwegs ist.

Die Weltmacht im Zugverkehr will aber noch deutlich besser werden. Seit fünf Jahren bauen Ingenieure im Auftrag der Bahngesellschaft JR Central am Maglev, einem Magnetschwebebahnsystem, das neue Maßstäbe setzen soll. Geschwindigkeiten von 500 Stundenkilometern werden versprochen, die 286 Kilometer lange Jungfernstrecke von Tokio nach Nagoya würde der neue Zug in 40 Minuten zurücklegen. 9,3 Billionen Yen (rund 75 Milliarden Euro) kostet allein der erste Abschnitt. Später soll die Strecke nach Osaka verlängert werden. Es ist eines der größten Infrastrukturprojekte des Landes bisher.

Doch warum das Ganze? Die Verbindung Tokio-Osaka ist so überlastet, dass Tausende Reisende und selbst Tagespendler auf den Luftweg ausweichen. Täglich fliegt hier sogar ein voll besetzter Jumbojet die Kurzstrecke. Daher dient das Megaprojekt Maglev auch indirekt dem Klimaschutz.

Aber wann wird es fertig sein? Diese Frage macht die Investoren allmählich nervös. Zuletzt war das Jahr 2027 für den ersten Streckenabschnitt angepeilt. Doch im vergangenen Sommer legte der Gouverneur der Präfektur Shizuoka, durch die für den Maglev ein rund 1400 Meter tiefer Tunnel gegraben werden soll, sein Veto ein. Die Bevölkerung hat Bedenken, was den Umweltschutz angeht. Sollte nämlich das Grundwasser verschmutzt werden, wäre der Anbau des wertvollen Grüntees gefährdet, für den Shizuoka bekannt ist. Derzeit wird verhandelt, wie das Problem gelöst werden kann.

Indes beunruhigt die Bauherren von JR Central weniger die Qualität des Tees als ein Rennen gegen die Zeit und gegen den Rivalen aus der Nachbarschaft. In China ist ein älteres Magnetschwebebahnprojekt bereits in Betrieb. Die Technologie soll auf 600 Stundenkilometer weiterentwickelt werden und ein größeres Streckennetz bekommen. Zwischen Shanghai und der Hafenstadt Ningbo wird gerade an einer Strecke gearbeitet, die nach Verzögerungen bis 2035 fertig sein soll.

In Japan wollte man die Gesamtstrecke bis Osaka eigentlich erst 2045 eingeweiht haben. Um dies zu beschleunigen, gab die Regierung im Jahr 2016 einen Kredit in Höhe von drei Billionen Yen an JR Central. Nun ist 2037 als Ziel ausgegeben. »Wir tun alles, um die Strecke schnellstmöglich fertigzustellen«, sagte Yuriko Akahoshi, Sprecherin von JR Central. Die Worte waren einerseits an die Umweltschützer in Shizuoka gerichtet, andererseits an die Konkurrenz in China - und an die in Europa und Nordamerika.

Denn beim Rennen um den allerschnellsten Zug geht es nicht nur um nationales Prestige, sondern auch um Exportmärkte. Im Zuge der Entwicklung zahlreicher Schwellenländer, deren Bevölkerungen wachsen, weshalb Transportnetzwerke ausgebaut werden müssen, wird das Potenzial neuer Zugtechnologien auf rund zwei Billionen US-Dollar geschätzt. Einige Experten halten Magnetschwebebahnen für besonders vielversprechend, denn sie können mit Ökostrom laufen.

Bislang scheint China die Nase vorne zu haben. Das Staatsprojekt der Neuen Seidenstraße, mit dem auf mehreren Kontinenten Länder an China gebunden werden, ist auf Großprojekte angelegt. Bereits 2015 konnten chinesische Bieter die japanische Konkurrenz ausstechen, als es um einen Großauftrag für Hochgeschwindigkeitszüge in Indonesien ging. Doch bei diesem Projekt gab es erhebliche Verspätungen, weshalb die japanische Seite schließlich mit einbezogen wurde.

JR Central buhlt gerade um einen anderen Großauftrag. So soll der Maglev dereinst in den USA zwischen Washington und New York verkehren. Die japanische Regierung fördert das Projekt, für das keine Lizenzgebühren verlangt werden sollen. Schließlich gehe es um ein zentrales Zukunftsthema: »die internationale Expansion des japanischen Zugsystems«.

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