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Kurzarbeit schönt die Statistik

Noch zeigen die Arbeitsmarktdaten nicht die möglichen Jobverluste als Folge des zweiten Lockdowns

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

»Auch wenn die Arbeitslosenquote gleich geblieben ist, gibt es keinen Grund zur Entwarnung«, sagt Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). Im Gegenteil: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt der Hauptstadt bleibe ernst.

Brandenburgs Vize-Linksparteichef Martin Günther warnt davor, dass im Zuge der Corona-Pandemie Arbeitsplätze dauerhaft verloren gehen. Keinesfalls dürfte eine wirtschaftliche Abwärtsspirale entstehen. »Hierzu muss jetzt eine Strategie auf den Tisch. Ein, zwei großindustrielle Ansiedlungen wie Tesla als alleinige Antwort genügen da nicht«, ist Günther überzeugt. »Wenn der Staat jetzt Geld in die Hand nimmt, dann muss diese Unterstützung mit Jobgarantien verbunden werden.«

Am Dienstag veröffentlichte die Arbeitsagentur die Zahlen für den Dezember. Demnach waren 202 388 Berliner und 81 421 Brandenburger arbeitslos gemeldet. In Berlin betrug die Arbeitslosenquote 10,1 Prozent und lag damit genauso hoch wie im November und 2,4 Prozentpunkte höher als ein Jahr zuvor. In Brandenburg stieg die Arbeitslosenquote im Dezember von 6,0 auf 6,1 Prozent. Damit lag sie 0,6 Prozentpunkte höher als vor einem Jahr.

»Trotz des neuerlichen Lockdowns zeigt sich der Arbeitsmarkt in der Region zum Jahresende in einer stabilen Verfassung«, schlussfolgert die zum Jahreswechsel neu angetretene Regionaldirektionschefin Ramona Schröder aus dem Zahlenmaterial ihrer Agentur. Zu verdanken sind die vergleichsweise günstigen Werte allerdings nicht zuletzt dem Instrument der Kurzarbeit. In Berlin haben Schröder zufolge 13 000 Firmen zusammen 91 000 Beschäftigte in die Kurzarbeit geschickt. Vor allem in der Gastronomie ist das gemacht worden. Im Verhältnis zu den rund 200 000 Arbeitslosen ist leicht zu erkennen, wie viel schlechter es ohne Kurzarbeit aussehen würde. In Brandenburg sind rund 35 000 Beschäftigte von Kurzarbeit betroffen. Nach Angaben von Ramona Schröder floss eine Milliarde Euro, um die Kurzarbeit zu finanzieren und damit eine höhere Arbeitslosenquote zu verhindern. Wie viele Minijobs in der Krise verloren gegangen sind, könne die Arbeitsagentur nicht zuverlässig sagen, bekennt die Direktionschefin.

Im April, Mai und Juni waren die Arbeitslosenzahlen stark gestiegen, seit August waren sie wieder gesunken. Wie sich nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 nun der zweite seit Herbst hinsichtlich der Kurzarbeit auswirkt, »können wir heute noch nicht sagen«, bedauert Schröder. Mit drei Monaten Verzögerung werde sich das erst im April in der Statistik bemerkbar machen.

Schwer getroffen sind von der Coronakrise das Gastgewerbe, die Tourismusbranche und der Dienstleistungssektor. Doch in Berlin arbeiten sehr viele Menschen in Kommunikation, Informationstechnologie, Gesundheitswesen und Erziehung. Diese Bereiche tragen in der Krise. Schröder sieht die Unternehmen in einer Wartehaltung. Sie entlassen möglichst kein Personal, stellen aber auch keine neuen Leute ein. Die Leidtragenden sind vor allem Migranten und Jugendliche, die nun größere Probleme als sonst haben, einen Job zu finden.

Die neue Regionaldirektionschefin war früher beim Arbeitsamt in Berlin-Mitte und dann in Potsdam tätig. Aus dieser Perspektive hat sie beide Bundesländer gesehen und findet, in der Hauptstadt könnte man den Blick mehr auf das Umland richten, auf die beruflichen Chancen, die sich dort eröffnen. Sie erwähnt die Autofabrik, die der US-Konzern Tesla vor den Toren Berlins im brandenburgischen Grünheide baut. Bereits ab Sommer 2021 sollen dort Elektrofahrzeuge produziert werden. Konzernchef Elon Musk, der in einer Tour von der Gigafactory Berlin spricht und das Wort Brandenburg öffentlich fast nie in den Mund nimmt, fordert von Bewerbern, dass sie ihm beziehungsweise seiner Firma sagen, was sie bisher Außerordentliches zur Lösung von Problemen geleistet haben. Es scheint so, als ob Musk auf Abschlusszeugnisse keinen Wert legt, ihnen zumindest nur eine untergeordnete Bedeutung beimisst. Vielleicht rührt daher die Hoffnung von Regionaldirektionschefin Schröder, Tesla biete den zehn Prozent der Berliner Schulabgänger eine Chance, die keinen Abschluss geschafft haben.

»Unter dem Strich belastet das erneute Herunterfahren der Wirtschaft seit November den Arbeitsmarkt bislang weniger als befürchtet«, konstatiert Alexander Schirp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. »Wir wissen aber nicht, was noch kommt. Möglicherweise stehen uns die deutlichsten Folgen der Krise noch bevor.« Die Beschäftigung in der Region wieder auf das Niveau von vor der Krise zu heben, werde eine »enorme Kraftanstrengung erfordern«, prophezeit Schirp.

Jörg Nolte von der Berliner Industrie- und Handelskammer warnt schon einmal, »ob das Kurzarbeitergeld weiterhin Unternehmen davor bewahren kann, Beschäftigte entlassen zu müssen«, sei unklar. »Voraussetzung ist, dass die notwendige Liquidität im Unternehmen gegeben ist, um das Kurzarbeitergeld für die Agenturen vorstrecken zu können.«

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