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»Wir versuchen alle das Beste«

»Die großen Verlierer der Coronakrise sind die Inklusionskinder sowie die mit zusätzlichem Förderbedarf«, so Förderschullehrerin Nora Tripp

  • Von Leonie Ruhland
  • Lesedauer: 7 Min.

Für unser Gespräch treffe ich Nora Tripp auf der Terrasse ihres Einfamilienhauses, wo sie auf einer hölzernen Bank ihre kaputten Beine hochlegt. Sie hat sich den Fuß verstaucht und ein blaues Knie, weil sie sich mit ihrem Sohn auf der Straße gerauft hat und dabei gestürzt ist.

Frau Tripp, wie erleben Sie gerade Ihren Schulalltag?

Es wäre gut, wenn die Kinder wieder in die Schule kommen, sobald dies möglich ist. Die Situation im März war sehr anstrengend. Wir haben Bücher und Spiele verteilt, weil die Kinder zu Hause nichts haben. Weil es medial in unserem Einzugsgebiet einfach nicht geht, haben wir stundenlang mit den Familien telefoniert. Das war oft viel wichtiger, als Unterricht zu machen. Viele hatten Geldnöte und andere Sorgen und mussten sich einfach bei uns ausbabbeln. Ich bin mit dem Fahrrad los, habe Sachen an Gartenzäune gebracht und versucht, mich mit Risikokindern zu unterhalten. Die großen Verlierer der Coronakrise sind die Inklusionskinder sowie die mit zusätzlichem Förderbedarf.

Gibt es heutzutage mehr Kinder mit Förderbedarf?

Das ist schwierig, weil die Anforderungen in der Gesellschaft und in der Schule steigen. Gerade in so einem Brennpunktviertel kommen Kinder in einem immer schlechteren Sprachzustand in die Schule. Das hat nicht nur mit Migrationshintergrund zu tun, sondern hängt mit einer veränderten Wirklichkeit zusammen. Armut führt in vielen Familien dazu, dass Eltern so belastet sind, dass sie gar keine Zeit und Möglichkeit haben, mit ihren Kindern zu sprechen und zu spielen. Dadurch entsteht ein anregungsarmes Umfeld und bei Kindern Förderbedarf. Es gibt Kinder, die bräuchten ein paar Jahre Erziehung, Struktur und Grenzen, bevor sie sich auf schulische Kontexte einlassen können. Das ist durch Corona auch so: Manche Kinder sind so zurückgeworfen, dass man wieder Verhaltensregeln beibringen muss.

Aber Eltern haben eher wegen des fehlenden Lernstoffs Angst.

Sie haben Panik, dass ihre Kinder nicht anschlussfähig sind. Mein Blick ist stärker auf das fokussiert, was die Kinder können und nicht was sie können sollen, um dem Kanon gerecht zu werden. Ich glaube, das größte Problem ist, dass die Kinder jetzt ein halbes Jahr keinen sozialen Kontakt hatten.

Und auf den Schulen lastet gerade sowieso schon enormer Druck.

Vieles wird extrem kurzfristig entschieden und soll am besten bis gestern umgesetzt werden. Die Schulen entwickeln dann Konzepte und am Montag gibt es neue Bestimmungen. Viele Dinge, die uns Schwierigkeiten bereiten, waren schon vorher da. Wie zum Beispiel die fehlende technische Ausstattung. Das wird durch Corona verstärkt sichtbar. Wir versuchen alle, das Beste zu machen, aber viele sind sehr frustriert, weil wir viel auffangen müssen. Das beste Beispiel waren die zwei Tage vor Weihnachten: In Hessen hieß es, die Schulen machen nicht verpflichtend zu, der Schulbesuch sei freiwillig. Ende vom Lied war, dass alle Schüler und Eltern total durch den Wind waren, weil sie nicht wussten, was sie tun sollten. Dann mussten die Lehrer den Eltern klar machen, möglichst bitte das Kind zu Hause zu behalten.

Sie arbeiten in der Römerstadtschule, die einen gewissen Ruf hat. Warum?

Ja, ich war erst ein bisschen abgeschreckt. Die Schule hat einen Schulpreis gewonnen, der Ruf ist der einer engagierten Schule, wo das Kollegium permanent am Arbeiten und in einem hohen Maße belastet ist.

Sie haben sich aber dafür entschieden.

Sie bindet Förderschullehrer*innen in ein Team ein. Das war für mich ausschlaggebend. Normalerweise werden wir über große Beratungs- und Förderzentren an Schulen verteilt. Wir sind nur teilweise festen Klassen zugeteilt. Dadurch wird es schwierig, Beziehungen aufzubauen. Das ist das große Drama aller Schulen. Und das geht meinem Gedanken von Inklusion zuwider.

Und das schafft das Konzept der Römerstadtschule?

Sie hat eine Jahrgangsmischung, das heißt, alle Kinder sind von Klasse 1 bis 4 zusammen in sogenannten Lerngruppen. Dadurch kann sich zum Beispiel ein Kind mit geistiger Behinderung immer wieder an den jüngeren Kindern andocken, wenn die anderen schon aus diesem Kontakt rauswachsen. Es fühlt nicht, dass es im Regen stehen würde, sondern hat mehr Möglichkeiten, sich einzufinden. Kinder können, wenn sie schwächer darin sind, in Mathe noch bei den Einsern sitzen, aber in Deutsch dann auch schon bei den Dreiern.

Im Grunde das Konzept für Inklusion.

Man muss umdenken: Wo können alle zusammen lernen, aber jeder auf seinem Niveau? Man kann nicht mehr in den alten Jahrgangskonzepten denken. Natürlich ist das total anstrengend. Es ist komplex, und dazu kommt die Teamarbeit: Man muss Grundschullehrer*innen, Förderschullehrer*innen, Teilhabeassistent*innen und Sozialpädagog*innen unter einen Hut bringen, und dazu ist der Kooperationsaufwand unheimlich hoch.

Sie haben zwei eigene Kinder. Auf welche Schule gehen sie?

Auf die staatliche Grundschule nebenan. Da gibt’s auch Inklusion, aber es ist natürlich total anders als bei uns. Meine Kinder finden das manchmal komisch, wie das bei uns läuft.

Hätten Sie sie gern auf die Römerstadtschule geschickt?

Ich will nicht an der Schule arbeiten, an der meine Kinder sind. Das ist der totale Albtraum. Man kann das auch gar nicht selbst entscheiden. Die Grundschule entscheidet sich aufgrund deines Wohnortes und es gibt nur triftige Gründe, die Schule zu wechseln. Ich verstehe den Gedanken der Wohnortnähe.

Sie und Ihre Kollegin nennen sich gegenseitig Arbeitsehefrau.

(lacht)
Vielleicht weil wir so viel Zeit miteinander verbringen. Wir haben das Glück, dass wir uns echt gut verstehen, das hilft manchmal, unterschiedliche Ansichten über die Unterrichtsführung zu überbrücken. Es wird auf jeden Fall viel diskutiert. Das kann in schwierigen Situationen sehr hilfreich sein, führt aber auch zu Reibungsverlusten. Teamarbeit ist anstrengend. Aber eben auch mega wichtig. Gerade in unserem System: Das klingt ein bisschen krass, aber man kann nicht alle retten. Ich kann nicht jedem Kind jeden Tag permanent gerecht werden. So ist unser System nicht ausgelegt. Und gerade da ist der Austausch sehr wichtig.

Eingangs haben Sie gesagt, Sie seien von der Römerstadtschule zunächst abgeschreckt gewesen. Sie sind jetzt seit fünf Jahren an der Schule. Haben sich die Sorgen verringert?

Es ist ein verbreitetes Phänomen bei Lehrer*innen, nie zufrieden und nie fertig zu sein. Du nimmst immer was mit nach Hause und ich meine nicht Arbeiten, die du korrigierst. Du nimmst krasse Fälle mit, es ist schwierig, den Kopf freizukriegen. Ich merke das kurz vor Ferienende, dann werde ich nervös und eklig und denke: Mist, es geht wieder los.

Ich habe eine Technik für mehr Arbeitszufriedenheit: In einem System, was mich immer überfordert, weil es so viele Anforderungen gleichzeitig hat, versuche ich mich auf ein paar Sachen zu konzentrieren, die mir wirklich wichtig sind.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich gebe einen Förderkurs, der heißt Matschen. (lacht) Das ist ein Kurs, in dem wir mit Farbe und Kleister rumschmieren, in riesigen Bottichen mit Sand und Wasser Sachen aufholen. Das sind kompensatorische Verfahren im Kunstunterricht, die die Kinder im Laufe ihres Lebens nicht gemacht haben, die man aber ganz dringend braucht, um feinmotorische oder sensomotorische Fähigkeiten zu entwickeln. Das liebe ich total und freue mich drauf, wenn es nach Corona wieder losgeht. Das ist auch so ein Phänomen: Eltern haben oft Angst, dass das Kind Unterricht verpasst, wenn es so was mitmacht. Da fange ich innerlich immer an zu schreien, weil ich denke, solche Sachen sind so viel wichtiger als manch andere Dinge. Das sind nämlich die Grundlagen für Kreativität, für Problemlösung, für alles Mögliche, was man später wirklich braucht.

Das wird total unterschätzt.
Ja, und das finde ich manchmal ein bisschen schade, dass dem so wenig Bedeutung beigemessen wird. Das sind so Sachen, die mir wichtig sind.

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