Werbung

Diesen Namen haben Sie bestimmt noch nie gehört

Er wäre eine sehr schwierige Quizfrage: Walter Kaufmann, der von den Nazis vertriebene Komponist und Dirigent

  • Von Berthold Seliger
  • Lesedauer: 9 Min.

Stellen Sie sich vor: Da gibt es einen Musiker, Dirigenten und Komponisten, der in den Zwanziger Jahren dem legendären Dirigenten Bruno Walter assistierte. Dessen Werke in Berlin, Prag und Wien und in etlichen Radiosendungen aufgeführt wurden und enthusiastische Aufnahme erfuhren. Der in Prag studierte, ein Zimmer bei Kafkas Mutter angemietet hatte, mit einer von Kafkas Nichten verheiratet und mit Josef Suk, Franz Werfel, Max Brod und anderen aus dem Kreis um Franz Kafka bekannt war. Der eine enge (Brief-)Freundschaft mit Albert Einstein pflegte. Der jahrelang in Bombay lebte, wo er die Erkennungsmelodie der Rundfunkstation All India Radio (AIR) komponiert hat, die Hunderten Millionen Menschen auf dem indischen Subkontinent vertraut war, und eine Bombay Chamber Music Society gründete. Der zum ersten professionellen Chefdirigenten des Winnipeg Symphony Orchestra gewählt wurde und als dessen Leiter Solisten wie den ehemaligen Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, Szymon Goldberg, den jungen Glenn Gould oder Rosalyn Tureck präsentierte. Und der schließlich in Bloomington an der Musikfakultät der Indiana University lehrte und mehrere bis heute gültige Standardwerke über indische Musik oder Musik des Orients verfasst hat. Aber dessen Namen haben Sie nie gehört!

Was sich wie die Eine-Million-Euro-Frage einer Quizsendung anhört, ist eine dieser typischen traurigen Geschichten, die das 20. Jahrhundert schrieb, oder, um präziser zu sein: Die der deutsche Faschismus verursachte.

Im vergangenen Jahr ist erstmals überhaupt ein Album mit Werken dieses jüdischen Komponisten, Dirigenten und Musikwissenschaftlers erschienen, das als eine der wichtigsten Klassik-CDs von 2020 gelten darf: Für die sehr verdienstvolle Reihe »Music in Exile« des Chandos-Labels hat das ARC Ensemble (Artists of The Royal Conservatory in Toronto) nun ein paar Kammermusikwerke Kaufmanns eingespielt.

Er wurde am 1. April 1907 in Karlsbad (Karlovy Vary) geboren, dem bekannten Kurort in der damaligen österreichisch-ungarischen K.u.K.-Monarchie. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Karlsbad zum Sudetenland, dem größtenteils deutschsprachigen westlichen Grenzgebiet der Tschechoslowakei. Walter Kaufmann besuchte nach seinem Abgang vom örtlichen Gymnasium die Berliner Musikhochschule, wo er Komposition bei Franz Schreker studierte, der als einer der bedeutendsten deutschen Opernkomponisten neben Wagner galt und von 1920 bis 1931 Direktor der Akademischen Hochschule (der heutigen UdK) war. Er war schon in den späten 1920er Jahren Angriffen nationalsozialistischer Kulturpolitik ausgesetzt. Ihm wurde von einer Gruppe konservativer und nationalsozialistischer Professoren vorgeworfen, jüdische Kollegen zu protegieren, ja die Hochschule zu sehr zu »internationalisieren«. Schreker wurde zum Rücktritt als Hochschuldirektor gezwungen und im Mai 1933 auch an der Preußischen Akademie der Künste beurlaubt und im Januar 1934 zwangspensioniert. Er starb im März des gleichen Jahres und musste nicht mehr erleben, wie er in der Düsseldorfer Ausstellung »Entartete Musik« 1938 als Komponist »sexual-pathologischer Verirrungen« verunglimpft wurde.

Musikwissenschaft studierte Kaufmann bei Curt Sachs, einem Musikethnologen und Begründer der wissenschaftlichen Musikinstrumentenkunde, der als Jude 1933 von den Nationalsozialisten aus dem Staatsdienst entlassen wurde und erst nach Paris und dann nach New York emigrierte, wo er Professor an der Columbia University wurde. In Berlin führte Sachs Kaufmann in die Musik Indiens ein, die zu der Zeit in Europa noch weitgehend unbekannt war.

Walter Kaufmann war gerade zwanzig Jahre alt, als er Assistent von Bruno Walter an der Charlottenburger Städtischen Oper (der heutigen Deutschen Oper) in Berlin wurde. Walter war einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts und stammte aus einer jüdischen Familie in Berlin. Er war Assistent und Freund Gustav Mahlers und dirigierte die Uraufführungen einiger seiner Sinfonien. Er war Generalmusikdirektor in München, leitete die Städtische Oper Berlin und dann das Gewandhausorchesters Leipzig. Im März 1933 erhielt er Auftrittsverbote in Leipzig und Berlin und emigrierte zunächst nach Wien und 1938 über Lugano in die USA.

Kaufmann wurde Dirigent an den Barnowsky-Bühnen in Berlin (unter anderem am »Theater in der Königgrätzer Straße«, dem heutigen Hebbel-Theater). Victor Barnowsky war ein Berliner Schauspieler, Theaterregisseur und bedeutender Theaterleiter (u.a. Lessingtheater, Hebbel-Theater, Komödienhaus am Schiffbauerdamm), der 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen musste.

Kaufmann arbeitete als Dirigent bei der UFA in Potsdam und war auch als Kapellmeister und Korrepetitor in Karlsbad, Eger (heute Cheb) und in Prag tätig. In Berlin arbeitete er mit dem Komponisten Ralph Benatzky zusammen, der das berühmte Singspiel »Im weißen Rößl« komponierte, und dirigierte dessen Werke. »Im weißen Rößl« war wegen Benatzkys jüdischer Mitautoren ab 1933 im NS-Staat verboten. Benatzky hatte bereits 1932 seinen Wohnsitz in die Schweiz verlegt, aus Sorge vor dem weiteren Erstarken des Nationalsozialismus und um seine jüdische Frau.

In Prag schließlich studierte Kaufmann an der Deutschen Universität Musikwissenschaft bei Paul Nettl, der 1927 in Wien die Feiern zum 100.Todestag Ludwig van Beethovens organisiert hatte. Auch er emigrierte wegen seiner jüdischen Herkunft, als engagierter Freimaurer sowie als Mitglied eines Komitees, das linke Flüchtlinge aus Deutschland unterstützte, nach der deutschen Besetzung Prags im März 1939 unter abenteuerlichen Umständen mit Unterstützung des Musikwissenschaftlers Alfred Einsteins in die USA.

In Prag freundete sich Kaufmann mit Albert Einstein, Josef Suk, Franz Werfel, Max Brod und Hans Krása an. Die ersten größeren Werke des jungen Komponisten wurden mit großem Erfolg aufgeführt, unter anderem von der Tschechischen Philharmonie, und auch in Radiosendungen ausgestrahlt: Die Erste Sinfonie, die »Suite für Streichorchester«, die »Fünf Orchesterstücke« und etliche Lieder. Von 1932 bis 1934 trat Kaufmann mehrmals als Pianist und Dirigent im Rundfunk auf.

Doch die Lage für jüdische Musiker und Komponisten wurde nach dem Sieg der Nazis in Deutschland 1933 extrem schwierig. Kaufmanns Doktorvater betreute »nebenbei« eine Truppe der Hitlerjugend, und Kaufmann sah sich gezwungen, seine Dissertation über die Sinfonien Gustav Mahlers aus politischen Gründen zurückzuziehen. Berliner Freunde wurden von Nazi-Schlägern überfallen und zu Tode getreten, und »über Karlsbad hatte schon immer ein Gestank von Intoleranz gehangen«, wie Simon Wynberg in dem instruktiven und ausführlichen Booklet formuliert.

So ergriff Kaufmann die Gelegenheit, als ein wohlhabender Unternehmer ihm und seinem Librettisten je 10 000 Kronen (damals etwa 15 000 US-Dollar) für die Aufführungsrechte zu ihrer Operette »Die weiße Göttin« (1935 in Karlsbad uraufgeführt) bot, und reiste nach Bombay - aus dem ursprünglich geplanten Studienaufenthalt wurden fast zwölf Exiljahre in Indien, wohin damals, ebenso wie nach China, Tausende von europäischen Juden geflüchtet waren.

Mit gerade mal 28 Jahren wurde er 1935 Direktor für europäische Musik des All India Radio (AIR), für das er auch die bis heute verwendete Erkennungsmelodie schrieb, die seither von Hunderten Millionen Menschen gehört wurde: Eine pentatonische Melodie, die im Raga Bhupali wurzelt, jedoch mit vertieftem Ga (bei uns »Es«) über einer charakteristischen Quinte. Eingespielt wurde diese berühmte Melodie vom jungen Geiger Mehli Mehta, dem Vater von Zubin Mehta, der einer der berühmtesten Dirigenten des Jahrhunderts werden sollte. Die Melodie erscheint in leicht abgewandelter Form auch im vierten Satz von Kaufmanns Streichquartett Nr. 11, einem Allegro barbarico, in dem Cello und Bratsche in scharfem Stampfrhythmus die ursprüngliche Raga-Quinte als Begleitung aufgreifen. Carla Bley hat Kaufmanns Melodie 1972 in einem Stück ihrer Jazzoper »Escalator over the Hill« aufgegriffen und noch bekannter gemacht.

Die von Kaufmann gegründete Bombay Chamber Music Society gab wöchentlich Konzerte; im Lauf der Jahre waren es mehr als 500. Kaufmann blieb bis 1946 Direktor des AIR. Und der Komponist betätigte sich auch in der Filmindustrie, die in den 1930er Jahren in Bombay im Entstehen begriffen war und aus der das heute berühmte »Bollywood« entstand. Hier fanden einige deutsche Filmemacher, die vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten, Arbeit, so auch der Drehbuchautor Willy Haas, mit dem Kaufmann in Bombay zusammenarbeitet. Zu den Filmen, für die Kaufmann die Musik komponierte, gehören »Toofani Tarzan« (eine grelle indische Version der Tarzan-Story) oder »Ek Din Ka Sultan« (Sultan für einen Tag).

Außerdem betrieb Kaufmann in Indien und in China musikethnologische Studien und sammelte auf zahlreichen Reisen landestypische Musik. Seine erste große musikethnologische Arbeit über die Kunstmusik von Hindustan entstand 1944 in Bombay; später folgten in den USA neben etlichen Aufsätzen wegbereitende Studien über »Musical Notations of the Orient« (1967), »The Ragas of North India« (1968) und »The Ragas of South India« (1976), die bis heute Standardwerke sind, sowie sein einziges in deutscher Sprache erschienenes Buch »Altindien - Musikgeschichte in Bildern«, das 1981 beim VEB Deutscher Verlag für Musik in Leipzig herauskam.

Nach dem Ende der Barbarei - sein Vater Julius war in Theresienstadt ermordet worden, zwei Onkel und eine Tante in Auschwitz, weitere Familienangehörige im Vernichtungslager Chelmno - versuchte Kaufmann vergebens, in Prag und später in London Fuß zu fassen, und emigrierte 1947 nach Kanada, wo er zum Leiter der Klavierabteilung am Konservatorium von Halifax ernannt wurde. 1948 wählte ihn das (zunächst noch semiprofessionelle) Winnipeg Symphony Orchestra zu seinem Chefdirigenten, als der er neun ausgesprochen erfolgreiche Jahre wirkte, bis er 1957 einen Ruf an die Musikfakultät der Indiana University in Bloomington in den USA erhielt, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1984 lehrte.

Was für ein Leben! Und was für ein Skandal, dass Walter Kaufmann bis heute im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannt geblieben ist - als Komponist, als Musiker, aber eben auch als Musikethnologe, der als einer der ersten im »Westen« zu indischer und orientalischer Musik forschte. Zur faschistischen Barbarei gehören auch deren Langzeitwirkungen - dass jüdische Komponisten und Musiker auch nach 1945 aus dem Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit weitgehend eliminiert blieben, während zu »Demokraten« gewandelte Nationalsozialisten in allen gesellschaftlichen Bereichen, vom Kulturleben über Politik bis zur Justiz, »in einer Stärke wieder an die Macht zurückgekehrt waren, die sie nicht einmal im Dritten Reich gehabt hatten«, wie Thomas Harlan einmal bitter konstatiert hat.

Und die Musik Walter Kaufmanns? Das ARC Ensemble hat einige seiner Kammermusikwerke eingespielt: zwei Streichquartette, eine Sonate und eine Sonatine für Violine und Klavier sowie das Septett. Alle Werke wurden während seines Aufenthalts in Indien, also zwischen 1934 und 1946, komponiert und zeugen von einer atemberaubenden Mischung westlicher, indischer und orientalischer Musiktraditionen. Vor allem indische Einflüsse, was den Melodienreichtum angeht, ziehen sich durch die Werke, in denen aber auch Klezmereinsprengsel oder böhmische Lieder und Tänze zu hören sind. Kompositorisch mag man das zwischen Bartók, Debussy, Hartmann und Strawinsky verorten, wobei Walter Kaufmann einen ganz eigenen, unverwechselbaren Stil pflegt.

Es ist eine sehnsuchtsvolle, moderne, grenzüberschreitende Musik voller Feinheiten und Überraschungen, die einen starken Sog entwickelt - man mag förmlich nicht aufhören, diese herrliche CD zu hören, und wünscht sich, dass in naher Zukunft, in der Nach-Corona-Zeit also, zum Beispiel die Streichquartette regelmäßig die Kammermusikreihen unserer Städte bereichern. Im legendären Concertgebouw Amsterdam hat das ARC Ensemble Kaufmanns 11. Streichquartett bereits 2019 aufgeführt - wann dürfen wir diese Musik endlich auch in deutschen Konzerthäuser erleben? Es wäre nicht nur eine längst überfällige »Wiedergutmachung« - nein, hier ist ein spannender und faszinierender, (fast) vergessener Komponist zu entdecken!

ARC Ensemble: »Chamber Works by Walter Kaufmann«, Reihe »Music in Exile« (Chandos Records). Biografische Angaben nach Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen (Hg.): Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Universität Hamburg, 2006.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung