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Ein Mindestmaß an Verantwortung

Demnächst soll jeder Profiklub im Fußball eine Abteilung für soziale Belange haben

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 7 Min.

Manuel Gaber ist Sprecher der Fan-Initiative »Zukunft Profifußball«. Als die Deutsche Fußball-Liga (DFL) vor kurzem die Ausschüttung der Fernsehgelder neu regelte, kritisierte er vehement, dass eine fairere Verteilung ausgeblieben ist. »Durch die Einführung der neuen Säulen und Berechnungsstrukturen verschleiert die DFL, dass sich im Grunde nichts ändert«, erklärte er.

In einigen Wochen könnten allerdings die gleichen Profivereine, die sich mehrheitlich weigern, einen faireren Wettbewerb zu gewährleisten, Maßnahmen verkünden, für die sie von Fans wie Gaber gelobt werden. Denn es ist eine der Kernforderungen der Initiative, hinter der über 2600 Fanclubs stehen, dass es künftig mindestens »einen Verantwortlichen im Corporate-Social-Responsibility-Bereich« pro Verein geben müsse. Der Begriff, abgekürzt CSR, bezeichnet das soziale und ökologische Engagement von Unternehmen. Und für Gaber liegt hier in den Profiligen noch vieles im Argen. »Das fängt bei der Barrierefreiheit im Stadion an, und hört bei Umweltschutz und sozialer Verantwortung noch längst nicht auf.«

Das Image des Profifußballs hat Schaden genommen

Wenn die Klubs in diesem Punkt bald tatsächlich Entgegenkommen zeigen, überrascht das allerdings nur auf den ersten Blick. Schließlich kann sich die Branche, die seit Ausbruch der Pandemie auch von vielen Fußballinteressierten als abgehoben und weltfremd wahrgenommen wird, dann endlich mal wieder als offenherzig und fanfreundlich präsentieren. Manche Vereine haben allerdings ein gutes Gegenargument für den Vorwurf, anno 2021 nur deshalb Gutes zu tun, weil das Image des Profifußballs Schaden genommen hat. Sie können darauf verweisen, dass ihre CSR-Abteilung schon seit vielen Jahren besteht.

So wie beim Zweitligisten 1. FC Nürnberg, der im Dezember eine Seite (unserclub.de) online gestellt hat, die als Portal für alle einschlägigen Aktivitäten dient, die vor Ort teils seit Jahren verfolgt werden. »Wir möchten unser soziales Engagement ausbauen«, sagt Katharina Fritsch, die CSR-Verantwortliche der Franken. »Wir wollten einen leichten Zugang zu möglichst vielen Projekten schaffen, bei denen sich Menschen treffen können, die etwas Gutes tun wollen.« Dabei werden schon jetzt unterm Vereinsdach allerlei gemeinnützige Aktionen angeboten. Vom Yogatraining bis zum Abnehmprogramm für »(XX)XL-Clubberer«, die als Mindestanforderung einen Bauchumfang von 100 Zentimetern nachweisen müssen.

Es gibt Fußballteams für Zuwanderer und für Menschen mit geistigen Behinderungen, letztere trainiert von Ex-Profi Jörg Dittwar, der von 2009 an in gleicher Funktion für den DFB arbeitete. Im Gedenken an einen jüdischen Ex-Trainer wird in Nürnberg zudem jährlich der »Jenö-Konrad-Cup« ausgespielt. An der Gedenkstättenfahrt zum Arbeitslager Flossenbürg, nahmen 2019 40 Fans des Vereins ein Wochenende lang teil. Geschäftsführer Niels Rossow war damals selbst nach Flossenbürg gekommen und hatte von seinen positiven Erfahrungen im multikulturell geprägten New York berichtet. Vor seiner Zeit beim 1. FC Nürnberg war er als Repräsentant eines Sportartikelherstellers dort beschäftigt.

Unserclub.de: Nürnberger Fans helfen sich und anderen

»Er war es auch, der die Idee mit dem Koordinierungsportal hatte«, berichtet Fritsch. Rossow sei in New York auf die Seite »Afropunk Army« aufmerksam geworden, mittels derer arme Menschen in Brooklyn Hilfsangebote koordinierten. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert nun »unserclub.de«, wo schon unmittelbar nach dem Start Hunderte Fans und Mitglieder fleißig posteten, wann und in welchem Stadtteil sie zur Verfügung stehen würden, wenn ältere Menschen eine Begleitung beim Spazierengehen brauchen.

Das anfängliche Staunen vieler Senioren darüber, dass sich Fußballanhänger um sie kümmern, sei seit dem ersten Lockdown kaum mehr zu beobachten, berichtet Fritsch. Schon damals hatten Club-Fans Einkäufe für Rentnerinnen und Rentner erledigt. Die Teilnahme von Spielern ist dabei auch in Nürnberg erwünscht. Verteidiger Georg Margreitter, dessen Ehefrau auch im CSR-Bereich arbeitet, Hanno Behrens, Christian Mathenia oder Pascal Köpke hat Fritsch dann auch bereits angesprochen. Sie alle zählen zu den Spielern im Kader, deren Horizont etwas weiter reicht als bis zum nächsten Vormittagstraining.

Anders gehe es auch nicht, meint die CSR-Frau. Aufgesetzte Aktionen, bei denen gelangweilte Profis auf die Uhr schauen, bis sie endlich wieder gehen können, seien kontraproduktiv, so Fritsch, der man anmerkt, mit wie viel Herzblut sie die Projekte rund um den Verein koordiniert. Das gilt auch für ihren Kollegen Johannes Orth, der ebenfalls im CSR-Bereich gelandet ist und schon als Fanbeauftragter sehr engagiert und kenntnisreich die Gedenkstättenfahrten betreut hatte. Auch die finden nun unterm Dach von unserclub.de statt.

Wolfsburg und Werder Vorreiter

Nicht nur in Nürnberg hat der Profifußball das CSR-Thema in den vergangenen Jahren für sich entdeckt. In der Bundesliga gelten Vereine wie der VfL Wolfsburg oder Werder Bremen als Vorreiter. Die Hanseaten haben ihre diesbezüglichen Aktivitäten in sechs Bereiche untergliedert, unter deren Dach auch Umwelt- und Antirassismusprojekte organisiert werden. Die DFL unterstützt über seine Stiftung den Lehrgang »CSR-Manager (IHK) Fußballmanagement«, zu dem die meisten Vereine schon Teilnehmerinnen und Teilnehmer geschickt haben.

Dass dabei nicht nur Menschenliebe, sondern auch die Sorge um das eigene Image eine Rolle spielt, versteht sich von selbst. Gerade in Zeiten, in denen die Bilder von für sechsstellige Beträge gekauften 600-PS-Autos der Stars nicht überall für grelle Freude sorgen, sind die Pressestellen nicht traurig, wenn sie - wie es Borussia Dortmund 2019 tat - verkünden können, dass man im Stadionbetrieb 11 400 Kubikmeter Wasser weniger verbraucht habe als in der Vorsaison.

Auch FCN-Geschäftsführer Niels Rossow gibt im persönlichen Gespräch unumwunden zu, dass es gegenüber Sponsoren kein schlechtes Argument sein muss, wenn die Reichweite des eigenen Vereins weit in die Zivilgesellschaft hineinreicht. Zudem sind CSR-Aktivitäten auch ein Signal nach innen, in Richtung der eigenen Fans und Mitglieder. Wer sich in den Fankurven umhört, erfährt, dass die Verbundenheit zu einzelnen Spielern erodiert ist, das böse Wort vom »Söldner«, der jede Saison das Trikot wechselt, ist kein Vorwurf mehr, sondern eine gelangweilte Feststellung.

Ungebrochen ist hingegen bei vielen Fans die Identifikation mit dem Verein als abstraktem historischen Gebilde. Und das eben umso mehr, wenn der auch außerhalb der Spieltage erlebbar wird. Ein Verein, unter dessen Dach auch dienstags Aktivitäten stattfinden, die die Fans als sinnvoll erachten, kann also die Basis deutlich eher binden als ein Profiverein, der nur alle zwei Wochen zum Heimspiel einlädt und dafür viel Geld verlangt.

Die CSR-Projekte folgen also auch nüchternem betriebswirtschaftlichen Kalkül. Was kein Widerspruch zu der Feststellung ist, dass vor Ort engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sinnvolle Aktionen und Projekte durchführen. In den Vereinen arbeiten zudem immer mehr Menschen, die finden, dass es zu kurz gegriffen ist, einen Fußballverein primär als bloße Hülle für einen Profikader zu begreifen.

Tummelplatz für politisch denkende Vereinsmitarbeiter

Auch hier sind die Beobachtungen aus Nürnberg durchaus repräsentativ für die Branche. Vielerorts bewerben sich neben Externen auch die eher politisch denkenden Vereinsmitarbeiter auf die neu geschaffenen CSR-Stellen. Menschen, die ihrem Verein tief verbunden sind, auf Dauer aber lieber etwas anderes machen wollen als Busse für Auswärtsfahrten zu organisieren oder Behandlungstermine für Profis auszumachen, die am nächsten Tag auf dem Flur nicht einmal grüßen.

Beim FC St. Pauli leitet mit Michael Thomsen ein langjähriger Fanprojekt-Mitarbeiter die CSR-Abteilung. Der Zweitligist gehört zu den ersten Vereinen, die bei ihren Fan-Totenkopf-Pullovern zunehmend auf Bio-Naturfasern setzen. Im Interview mit der Vereins-Homepage versucht er, den schwammigen Begriff »Corporate Social Responsibility« mit Leben zu füllen. Konkret gehe es da auch um die Verantwortung für den Stadtteil, meint Thomsen: »Wir finden hier auf St. Pauli statt, und nur durch die Menschen und das Viertel sind wir so geworden, wie wir sind. Hier stellt sich für uns die Frage: Was geben wir zurück? Der Stadtteil hat viele Herausforderungen: Obdachlosigkeit, Armut, Bildungsferne oder Gentrifizierung.«

Selbst, wenn innerhalb der DFL in einigen Wochen eine Erhöhung der Ausgaben für den CSR-Bereich beschlossen werden sollte: Auf eine derart politische Definition der Aktivitäten wie beim FC St. Pauli wird sich die Mehrheit der 36 Profivereine dabei garantiert nicht einlassen wollen.

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