»Im Gegensatz zum Image gibt es auch hier viel zu tun«

Die neue Broschüre »Leipziger Zustände« des Projekts »chronik.LE« dokumentiert rechte Aktivitäten und Diskriminierung in der Region um die sächsische Stadt

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 3 Min.

September 2019: In Grimma, einer mittelgroßen Stadt im Landkreis von Leipzig, findet ein öffentliches Fest statt. Mehrere junge Geflüchtete haben sich aufgrund der Stimmung im Ort dagegen entschieden zu kommen - sie sorgen sich vor rassistischer Gewalt. Eine Gruppe Schutzsuchender hat es dennoch auf den zentralen Nicolaiplatz verschlagen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag werden dann die Befürchtungen wahr: etwa 20 Neonazis stürmen unter dem Ruf »Wir sind die Wurzener« heran und attackieren die Jugendlichen. Da genau in diesem Moment ein Polizeiauto heranfährt, lassen die Angreifer wieder ab, Schlimmeres bleibt vorerst aus. So soll es jedoch nicht bleiben. Ein zweiter Überfall erfolgt nur kurze Zeit später. Diesmal hat es eine Gruppe von Security-Mitarbeitern auf die Flüchtlinge abgesehen. Sie kommen vermummt und mit Baseballschlägern bewaffnet. Die meisten Jugendlichen erleiden in dieser Nacht leichte Verletzungen, einer wird schwer verwundet.

Dieser Vorfall ist nur einer von vielen rechten Angriffen, die sich in den vergangenen zwei Jahren in Leipzig und seinem Umfeld ereignet haben. Dokumentiert ist er in der aktuellen Ausgabe der Broschüre »Leipziger Zustände«, verantwortlich dafür zeigt sich das Projekt »chronik.LE«. Die Initiative berichtet ehrenamtlich seit 2008 über rechte und diskriminierende Vorfälle in der Region, auch Analysen werden zu den gesellschaftspolitischen Hintergründen erstellt. Das Heft erscheint alle zwei Jahre, zwischendurch gibt es Sonderausgaben. »Mit der Broschüre wollen wir die Auseinandersetzung der Stadtgesellschaft mit der extremen Rechten und Diskriminierung anregen und unterstützen. Im Gegensatz zum propagierten Image der Stadt als weltoffen und tolerant gibt es auch hier viel zu tun«, erklärt der Projektsprecher Steven Hummel gegenüber »nd«.

Thematisch ist die aktuelle Ausgabe mit 128 Seiten und 40 Artikeln breit aufgestellt. Behandelt werden Fälle von Rassismus und Sexismus, aber auch von neonazistischen Aktivitäten und Rechtsterrorismus. Von rechter Gewalt und Diskriminierung Betroffene kommen in Texten und Interviews selbst zu Wort. So findet sich etwa der Abdruck eines Redebeitrages einer Black Lives Matter-Demonstration in Leipzig oder ein Interview zur Situation von Menschen mit Behinderung in Zeiten der Pandemie.

Der Komplex Corona erhält generell besondere Aufmerksamkeit. Mehrere Texte beschäftigen sich mit Verschwörungstheorien, Antisemitismus und rechten Mobilisierungen mit Bezug auf Covid-19. Auch verschwörungstheoretische Medienprojekte aus dem Raum Leipzig werden analysiert. »In Leipzig fand im November 2020 eine der größten Demonstrationen der Corona-Leugner-Szene statt«, betont Hummel. Straßenkampf erprobte Neonazis hätten dabei zunehmend ihre Rolle im arbeitsteiligen Vorgehen der Querdenken-Proteste gefunden, heißt es im dazugehörigen Text. Die Versammlung sei so zum Höhepunkt der von Querdenken angestrebten »Selbstermächtigung« geworden.

»Zugleich offenbarte sich eine zunehmende Radikalisierung der Proteste und ein Versagen sächsischer Behörden im Umgang damit«, resümiert »chronik.LE«. Einen direkten Bezug auf die 1989 durchgeführten Ringdemonstrationen zogen zudem nicht nur Neonazis, sondern auch Redner wie etwa die Kommunalpolitikerin Heike Oehlert (ehemals Freie Wähler, stellvertretende Bürgermeisterin Zwenkau) und der ehemalige Pfarrer Christoph Wonneberger (ehemaliger Koordinator der Friedensgebete).

Gefördert wurde die aktuelle Broschüre durch eine Lokale Partnerschaft für Demokratie Leipzig und den Verein Land in Sicht. Das Heft kann ab Anfang der Woche unter chronikle.org bezogen werden. Für Hummel ist dabei wichtig, dass das Projekt auch ganz praktische Hilfe anbietet: »Wir unterstützen ebenso Einzelpersonen und Gruppen beim Umgang mit Diskriminierung und rechter Raumnahme«, erklärt der Sprecher. In den letzten Jahren habe man beispielsweise Initiativen in Taucha, Kleinzschocher und Stötteritz beraten. Die Probleme betrafen unter anderem Schmierereien und Bedrohungen, aber auch körperliche Angriffe.

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