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Humanismus der Praxis

Der Befreiungstheologe Franz J. Hinkelammert fordert eine Kultur des Lebens

Beständiger Streiter für die Emanzipation: Franz Hinkelammert
Beständiger Streiter für die Emanzipation: Franz Hinkelammert

Dass ein studierter Ökonom zu einem der wichtigsten lebenden Befreiungstheologen - und Befreiungsphilosophen - werden würde, ist keine gewöhnliche Karriere. Franz J. Hinkelammert, der an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über die sowjetische Planwirtschaft promoviert wurde, war gar der Lehrstuhl für Politische Ökonomie an dieser Berliner Alma mater zuerkannt worden, seine Ernennung zum Professor wurde ihm aber wegen seines politischen Engagements für die chilenische Unidad Popular des späteren Präsidenten Salvador Allende verweigert. 1970 wurde er wirtschaftlicher Berater von dessen Regierung, er engagierte sich als Christ für den Sozialismus. Drei Jahre darauf konnte er sich nach dem von den USA unterstützten Militärputsch unter Augusto Pinochet nur durch Flucht in die bundesdeutsche Botschaft vor drohender Verhaftung retten. Er kehrte zurück nach Deutschland, um 1976 wieder nach Lateinamerika überzusiedeln. Mit dem chilenischen Geistlichen Pablo Richard und dem brasilianischen Theologen Hugo Assmann, die beide ebenfalls aus Chile hatten fliehen müssen, gründete er das Departamiento Ecuménico de Investigaciones (DEI) in Costa Rica, das intellektuelle Zentrum der befreiungstheologischen Forschung und Ausbildung in Lateinamerika und weltweit.

Das einflussreichste unter Hinkelammerts zahlreichen Büchern ist »Die ideologischen Waffen des Todes. Zur Metaphysik des Kapitalismus« (1985). Hier tauchen bereits Grundmotive seines Denkens auf, die später in mehreren Werken entfaltet werden. Ausgangspunkt ist die Analyse des Fetischismus der Waren bei Karl Marx, die Einsicht, dass in der kapitalistischen Gesellschaft die Menschen ihr Subjektsein abgegeben haben und in allen Bereichen dem Wachstumszwang ausgeliefert sind, der vom Zwang zur Kapitalakkumulation angetrieben wird. Dies verbindet Hinkelammert mit der biblischen Kritik der Götzen, die Menschenopfer fordern. Seine Prophezeiung, der Kapitalismus sei zum Tode verurteilt, war eine geradezu prophetische Wahrnehmung angesichts der heutigen multiplen Krise der Zivilisation. Hinkelammert dekonstruierte in diesem Buch auch schon die Ideologen der Moderne, wie Alfred Weber und Milton Friedman, Exponenten des damals gerade zur Herrschaft gelangenden Neoliberalismus. Dem Reich des Todes wird das Reich des Lebens entgegengestellt, biblisch entworfen vor allem bei Paulus, in der Dialektik von Kreuz und Auferstehung.

In seiner »Kritik der utopischen Vernunft« setzte Hinkelammert sich unter anderem mit Friedrich A. Hayek und Karl Popper auseinander, aber auch mit sowjetischem und anarchistischem Denken. Seine These: Beide Strömungen, die den Plan oder den freien Markt absolut setzen, münden im Totalitarismus. Dagegen sollten die Menschen wieder Subjekt der politischen Praxis werden, sich für das Gemeinwohl durchsetzen (»Das Subjekt und das Gesetz. Die Wiederkehr des verdrängten Subjekts«). Sein zentrales politisch-ökonomisches Thema ergänzte er mit zwei brillanten Büchern über das Johannesevangelium und den Ursprung des kritischen Denkens beim Apostel Paulus (»Der Schrei des Subjekts. Vom Welttheater des Johannesevangeliums zu den Hundejahren der Globalisierung« und »Der Fluch, der auf dem Gesetz lastet. Paulus von Tarsus und das kritische Denken«).

In einer Art Trilogie entwickelte Hinkelammert politisch-ökonomische Alternativen zur kapitalistischen Ökonomie. »Wirtschaften zum Leben« lautet der erste, leider nur auf Spanisch zugängliche Band zur Koordination der Arbeit. Als Kriterium für eine Wirtschaft im Dienst des Lebens werden die Menschenrechte betont. Der zweite Band behandelt die Verkehrung der Menschenrechte in ihr Gegenteil durch die kapitalistische Eigentumsordnung und deren Überwindung durch eine neue Eigentumsordnung »von unten« (»Leben ist mehr als Kapital. Alternativen zur globalen Diktatur des Eigentums«). Ausgebeutete Arbeit, Geldvermehrung und Wachstumszwang müssen durch eine Kultur des Lebens ersetzt werden - eine Forderung, die angesichts der Klimakatastrophe aktuell ist.

Nun hat Hinkelammert sein Alterswerk veröffentlicht, das die angedeuteten gedanklichen Fäden noch einmal zusammenfasst: »Die Dialektik und der Humanismus der Praxis. Mit Marx gegen den neoliberalen kollektiven Selbstmord«. Das Buch liest sich als die reiche Ernte eines langen Lebens und Kampfes für Gerechtigkeit in allen Lebensbereichen. Man ist fasziniert von der klaren Gedankenführung. Hinkelammert deckt nicht nur die historischen und systemischen Grundlagen unserer, die Existenzbedingungen nicht nur menschlichen Lebens gefährdenden, Zivilisation auf, sondern zeigt gleichzeitig den Ansatz für die Entwicklung einer neuen Kultur des Lebens. Herzstück des Buches ist das sechste Kapitel zur Marx’schen Dialektik und zum Humanismus der Praxis. Marx verwies 1859 selbst darauf, dass der entscheidende Durchbruch für sein Denken in seinem Aufsatz zur kritischen Revision der Hegel’schen Rechtsphilosophie von 1844 erfolgt sei, in dem es heißt: »Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.« Dieser Satz habe bereits das Kriterium für »Das Kapital« enthalten, in dem nachgewiesen wird, dass das höchste Wesen der bürgerlichen Gesellschaft Markt, Geld und Kapital ist.

Marx stimmt aber auch nicht einfach Ludwig Feuerbach zu, der das Gefühl der liebenden menschlichen Gesellschaft als Gegenentwurf propagierte. Vielmehr müssen die realen menschenverachtenden Strukturen der kapitalistischen Wirtschaft, Politik und Technik durch den Klassenkampf »von oben« verändert werden. Denn: »Die kapitalistische Produktion entwickelt ... nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.« Ebenfalls eine prophetische Aussage. Heute wissen wir, dass die Fortsetzung unserer auf maximale Kapitalakkumulation programmierten Wirtschaft und die »imperiale Lebensweise« zum kollektiven Selbstmord führen.

Im Schlussabschnitt des noch von Marx selbst herausgegebenen ersten Bandes des »Kapitals« bezieht sich eine Stelle auf den römischen Dichters Horaz: »Bitteres Verhängnis treibt die Römer um: die Missetat des Brudermords.« Was für den Rabbiner-Enkel Marx natürlich auf Kain und Abel, also die gesamte Menschheit, zu erweitern ist. Der Philosoph aus Trier will sein ganzes Hauptwerk »als Anklage des Brudermords als Gründungsmord gedeutet wissen«. Dem stellt er die »junge Riesenrepublik«, also die organisierte Zivilgesellschaft, gegenüber: emanzipatorische soziale Bewegungen - damals vor allem von der entstehenden Arbeiterbewegung repräsentiert.

Hinkelammert führt diesen dialektischen Humanismus der Praxis nicht nur wie Marx über Hegel, sondern auch über Marx selbst hinaus - mit dessen eigenen Ansätzen. Der Befreiungstheologe erkennt, dass die Versuche, Sozialismus und Kommunismus in die Tat umzusetzen, von der allgemein modernen Illusion geprägt waren, Idealvorstellungen eins zu eins in die Wirklichkeit übersetzen zu wollen. Das aber endete in einem zerstörerischen Totalitarismus - dem stalinistischen wie dem heutigen Marktabsolutismus.

Dagegen sei wieder an Marx anzuknüpfen, der meinte: »Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind.« Es sei illusorisch, ist Hinkelammert überzeugt, Warenbeziehungen und den Staat einfach abzuschaffen; vielmehr muss unter heutigen Bedingungen eine alternative Gesellschaft so konzipiert werden, »dass sie eine systematische Intervention in die Märkte durchsetzt, damit der wilde Kapitalismus von heute nicht die gesamte Lebenswelt des Menschen zerstören kann. Es handelt sich daher darum, den Marktmechanismus einzubetten in die sozialen Beziehungen aller Menschen.« Und der Natur. Damit verwandelt sich die Marx’sche Dialektik in eine transzendentale Dialektik, das heißt, der moderne Mythos der Machbarkeit wird überwunden, indem das perfekte Zusammenleben der Menschen nicht mehr als abstraktes, zu verwirklichendes Ziel, sondern als Kriterium für alles Handeln angesehen wird.

Die menschliche Emanzipation wird als leitende befreiende Vision wiedergewonnen: die Spiritualität einer »Welt, in der alle einschließlich der Natur Platz haben«, wie die mexikanischen Zapatisten in Chiapas formulierten, eine »Welt des guten Lebens«, so die Losung der Indigenen in Bolivien und Ecuador (»Sumak Kawsay«), des afrikanischen Ubuntu (»Ich bin, wenn du bist«), der jüdischen und christlichen (und inzwischen auch islamischen) Befreiungstheologie. Das ist der dialektische Humanismus der Praxis.

Solchen Lebensentwürfen stehen aber mächtige Kräfte und Denktraditionen entgegen, die die totalitäre Marktreligion auf je ihre Weise befestigen möchten. Sie werden von Hinkelammert überzeugend widerlegt, darunter namentlich Max Weber, der den Kapitalismus gegen den Sozialismus verteidigt, indem er Letzteren dem Reich der Utopie und unwissenschaftlicher »Werturteile« zuordnet, also der Gesinnungsethik, dem Kapitalismus jedoch Sachurteile zuschreibt, um ihn so in seiner Eigengesetzlichkeit als Fatalität und nicht zu überwindendes Verhängnis darzustellen. Hinkelammert weist nach, dass Weber sich selbst widerspricht und eine zerstörerische antiutopistische Utopie vertritt.

Ähnliche Kritik trifft Friedrich Nietzsche. Allein das großartige Kapitel über diesen lohnt die Lektüre des neuen Buches von Hinkelammert. Nietzsche verteidige die bürgerliche Gesellschaft der Ungleichheit gegen die Emanzipationsbewegungen der Sklaven, der Frauen und der Arbeiter*innen. Er tue dies in einer radikalen Form: »edle« gegen »minderwertige Rassen«, Mann gegen Frau, Herren gegen Sklaven und das Proletariat. Aus diesem Grund habe der Philosoph aus Weimar gegen den jüdischen Gott polemisiert, der die Sklaven befreit, sowie den christlichen Gott, der Mitgefühl für die Armen und Schwachen bezeuge. Damit habe, so Hinkelammert, Nietzsche nicht nur den antisemitischen Nationalsozialismus vorbereitet, sondern auch den Kapitalismus der nationalen Sicherheit in der sogenannten Freien Welt, wie sie von den USA mithilfe der Militärs in Lateinamerika, Afrika und Asien zur Einführung des Neoliberalismus in den 1960er und 1970er Jahren brutal durchgepeitscht worden ist. Nietzsche selbst sei daran zerbrochen, weil er im Unterschied zu seiner Ideologie, die die Fantasien späterer Mittelklassen beflügelte, eigentlich psychisch zartfühlend gewesen sei.

Der Ideologe der »Freien Welt«, Karl Popper, habe, fährt Hinkelammerrt fort, diese Tradition nach dem Zweiten Weltkrieg fortgeführt, indem er die Parole ausgab: »Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit, keine Toleranz für die Feinde der Toleranz.« Hierauf beriefen sich insbesondere die lateinamerikanischen Diktaturen, aber auch in der alten Bundesrepublik der Bund Freiheit der Wissenschaft, der die Universitäten von allen Wissenschaftler*innen zu säubern versuchte, die emanzipatorische Perspektiven vertraten.

Hinkelammert nimmt sich auch Friedrich Hayek vor, der ausgehend von der These der »unsichtbaren Hand des Marktes« das automatische Gleichgewicht aller wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen behauptet. Damit gehe dieser weit über Adam Smith hinaus, der immerhin noch eingestand, dass der Markt zu seiner Zeit nur auf Kosten von ausgebeuteten, hungernden und elend sterbenden Arbeiterkindern stabilisiert werde. Hayek verleiht dem Marktabsolutismus eine religiöse Aura. Damit sanktioniere er quasi jährliches millionenfaches Sterben an Hunger und Armut sowie die weitere Zerstörung der Erde.

Dieses Alterswerk von Franz Hinkelammert dürfte insbesondere für all jene Menschen interessant, erkenntnisreich und motivierend sein, die sich in sozialen und interreligiösen Bewegungen für Gerechtigkeit und eine lebensfähige Zukunft engagieren, die »Fridays for Future« und andere zivilgesellschaftliche Initiativen unterstützen. Es sollte Pflichtlektüre für alle Studierenden sein und könnte auch Gewerkschaften anregen, in Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen systemkritischere Transformationsstrategien zu entwickeln. Seinen 90. Geburtstag kann der am 12. Januar 1931 in Emsdetten geborene Franz Hinkelammert angesichts dieses beeindruckenden Lebensfazits auch als Erntedankfest feiern.

Franz Hinkelammert: Die Dialektik und der Humanismus der Praxis. Mit Marx gegen den neoliberalen kollektiven Selbstmord. VSA, 256 S., br., 16,80 €.

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