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Stromschläge an der BER-Gepäckkontrolle

Schon 60 Vorfälle - Verdi fordert Schutz der Securitas-Mitarbeiter

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 3 Min.
Flughafen: Stromschläge an der BER-Gepäckkontrolle

Der vor zweieinhalb Monaten eröffnete Flughafen läuft nach Angaben der Betreibergesellschaft - abgesehen von der coronabedingten Flaute - weitgehend problemlos. Wenn auch nicht reibungslos, und zwar im Wortsinn.

Das erfahren seit Wochen schmerzhaft die Mitarbeiter des Dienstleisters Securitas, die im Sicherheitsbereich des Terminals 1 im Auftrag der Bundespolizei bei der Gepäckkontrolle eingesetzt sind. Vermutlich infolge statischer Aufladung erhalten sie beim Durchlauf der Gepäckstücke immer wieder »eine gewischt«, also einen Stromschlag. Wegen der Vorfälle schlägt nun die Gewerkschaft Verdi Alarm und fordert sogar, umgehend die Passagierkontrollen auszusetzen.

»Beschäftigte der Firma Securitas berichten von starken Schmerzen, Taubheitsgefühl und Benommenheit, die sie durch Stromschläge erleiden, wenn sie an den Geräten der Handgepäckkontrolle der Passagiere arbeiten«, teilte Verdi am Montag mit. »Mehrfach mussten Verletzte via Rettungswagen in die umliegenden Krankenhäuser transportiert werden.« Die behandelnden Ärzte hätten bei einigen Betroffenen Arbeitsunfähigkeit aufgrund der Stromschläge attestiert und die Betroffenen krankgeschrieben. Allein am 6. Januar 2021 habe es elf dokumentierte Fälle gegeben, davon vier mit entsprechenden Rettungseinsätzen. Insgesamt soll es bereits mehr als 60 Unfälle gegeben haben.

»Als Gewerkschaft fordern wir, die Arbeiten an den betroffenen Geräten sofort und solange einzustellen, bis die technische Ursache für die Arbeitsunfälle gefunden und zweifelsfrei abgestellt ist«, sagte Benjamin Roscher, der zuständige Landesbezirksfachbereichsleiter. »Das Verhalten des Unternehmens und der Bundespolizei ist grob fahrlässig.«

Empört reagierte Brandenburgs Linke auf die Verdi-Veröffentlichung. Parteivize Martin Günther forderte: »Der Schutz der Beschäftigten muss immer Vorrang haben. Ich bin schockiert, dass es in einem neu eröffneten Terminal überhaupt zu solchen Unfällen kommen kann. Die betroffenen Geräte sind sofort stillzulegen.« Die Landesregierung müsse sofort eingreifen, um die Sicherheit von Beschäftigten und Passagieren am BER sicherzustellen. Das Land ist Miteigentümer des Flughafens.

Laut Verdi treten die Unfälle an allen Geräten der Gepäckkontrollen im Terminal 1 am BER auf - und könnten bei Kontakt auch die Passagiere treffen. Wie Roscher dem »nd« sagte, habe es erste Berichte, dass Mitarbeiter dort bei der Arbeit einen Schlag bekommen hätten, schon im Probebetrieb des BER gegeben.

Ein Sprecher der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg erklärte auf Anfrage, dass man die Hinweise kenne. Er verwies darauf, dass im Sicherheitsbereich des Flughafens die Geräte und Anlagen in der alleinigen Zuständigkeit der Bundespolizei liegen. Man erwarte jedoch, dass alles unternommen werde, um Passagiere und Mitarbeiter vor Schaden zu bewahren.

Die Bundespolizeidirektion Berlin teilte auf nd-Anfrage mit, man habe am 12. Dezember 2020 von den Vorfällen erfahren, unverzüglich Maßnahmen ergriffen und Experten zurate gezogen. »Technische Mängel an den Anlagen der Kontrolltechnik konnten ausgeschlossen werden«, teilte die Behörde mit. »Nach erfolgter Überprüfung durch einen Sachverständigen für Elektrostatik handelte es sich um elektrostatische Entladungen. Diese führen in der Regel zu keinen Verletzungen, können jedoch Schreckreaktionen verursachen.«

Zur Vermeidung elektrostatischer Aufladungen seien an die Mitarbeiter in den Kontrollstellen Informationen herausgegeben und sogenannte Antistatik-Schlüsselanhänger ausgeteilt worden. Zudem empfehle die Bundespolizei das Tragen von Spezialschuhwerk und vor Ort ableitfähige Böden oder Bodenunterlagen sowie regelmäßiges feuchtes Fußbodenwischen.

Auch bei Securitas kennt man das Problem seit Mitte Dezember, wie Katja Kowalewski bestätigte. Sie sprach lediglich von einem Winterphänomen, zu dem man ein unabhängiges Gutachten in Auftrag gegeben habe. Verdi gegenüber hatte das Unternehmen eingeräumt, dass es sich dabei um teilweise sehr starke elektrostatische Entladungen handle.

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