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»Bobfahren ist Trial and Error«

Francesco Friedrich, erfolgreichster Pilot der Welt, hat noch große Ziele

  • Von Olek Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.
In Altenberg legt Francesco Friedrich (r.) mit Anschieber Thorsten Margis die Grundlagen für seine großen Erfolge.
In Altenberg legt Francesco Friedrich (r.) mit Anschieber Thorsten Margis die Grundlagen für seine großen Erfolge.

Sie sind durch die EM-Erfolge am Wochenende im Zweier- und Viererbob zum Rekordhalter bei den Weltcupsiegen geworden. Was ging Ihnen da durch den Kopf, als Sie realisierten, dass Sie der beste Bobrennfahrer aller Zeiten sind?

Das stimmt ja so nicht hundertprozentig. Natürlich sind wir da in der kombinierten Wertung die Besten, aber André Lange hatte im Vierer 13, vielleicht 14 Siege mehr. Für uns spielt die Vorbereitung auf Olympia eine übergeordnete Rolle. Und das Wichtigste ist, dass unser neues Vierermodell sich gut schlägt. Aber es ist cool, dass wieder eine Zahl dazugekommen ist.

Sie haben gerade André Lange erwähnt, der noch mehr Siege hatte im Vierer als Sie. War er ein Vorbild für Sie?

Kann man so schlecht sagen, weil ich eher auf mich selbst geschaut habe. Erst mal war es mir wichtig, meinen eigenen Weg zu gehen. Aber natürlich guckt man da auch mal nach links und rechts. Am Ende versucht man trotzdem, alles auf seine eigene Art und Weise zu tun.

Seit 2008 fahren Sie erfolgreich Bob - wie begann Ihre Karriere? Wie kommt man von der Leichtathletik zum Bobsport?

Das war mehr oder weniger Zufall. Mein Bruder hat Hürdenlauf gemacht, und als die Hürden von Jugend auf Männer umgestellt wurden, hat es nicht mehr für die deutsche Spitze gereicht. Durch Zufall war in unserer Heimatstadt so eine mobile Anschubstrecke aufgebaut. Da hat er sich ganz gut angestellt, und so wurde aus diesem Gut-Anstellen auf der Anschubstrecke ein Testtraining, ein Probetraining und dann der Entschluss, die Sportart zu wechseln. Ich habe es ihm dann zwei Jahre später gleichgetan.

Gab es in Ihrer Laufbahn Hürden und Misserfolge, auf die Sie zurückschauen?

Der tiefste Punkt war wahrscheinlich 2014 in Sotschi, als kein einziges deutsches Team eine olympische Medaille verdient oder gewonnen hat. Das war wirklich bitter. Ich habe mir geschworen, dass mir so etwas nie mehr passieren soll - und seitdem geht es eigentlich nur bergauf.

Dann haben Sie 2018 direkt an diesen Gedanken angeknüpft?

Wir haben vier Jahre lang hart dafür gearbeitet und uns in allen Bereichen deutlichst verbessert. Wir wollten in Pyeongchang überhaupt erst mal die Möglichkeit haben, Gold zu schaffen, haben das dann aber mehr oder weniger gut umgesetzt.

Wie motivieren Sie sich zu immer neuen Spitzenleistungen?

Das fängt beim 50-Meter-Anschub an, geht über die Materialfriemelei, die Vorbereitungen bis hin zur Sponsorensuche. Das ist einfach sehr spannend und macht Spaß. Man sieht im Fernsehen ja immer nur eine oder zwei Minuten. In Wirklichkeit ist das ein komplexes Zusammenspiel von vielen Kleinigkeiten.

Können Sie mal beschreiben, wie es ist, in einem Bob mit 120 Sachen die Eisbahn runterzufahren? Wie viel Ehrfurcht hat man vor der Strecke?

Wenn man das erste Mal im Bob sitzt, ist das schon sehr speziell. Man setzt sich rein, und es geht nach links und rechts, der Bob klappert oder kippt an die Wand. Und sobald man an der Wand ist, hat man das Gefühl, die ganze Zeit nach oben zu fahren. Durch die G-Kräfte entsteht ein Riesendruck zum Boden, da ziehen dich fünf bis sechs G nach unten. Nach drei, vier Fahrten weiß man auf jeden Fall, was man gemacht hat.

Sie wirken immer sehr gelassen. Wie geht es Ihnen wirklich kurz vor dem Start?

Meistens ist es so: Wenn man gut vorbereitet in die Rennen geht, weil man weiß, die Kufe sitzt, der Bob ist gut, die Athletik stimmt und ich kenne mich in der Bahn blind aus, dann kann ich entspannt das abrufen, was der Körper all die Jahre erarbeitet hat. Bobfahren ist so ein Trial and Error (Versuch und Irrtum, d. Red.), du kannst nicht alles vorher am Computer simulieren. In der Realität ist dann vieles doch anders. Wenn man das richtige Händchen oder Gefühl dafür hat, dann kommt man da halt schneller voran.

Welche Chancen rechnen Sie sich aus, wo jetzt auch die Nordamerikaner wieder dazukommen? Und vor allem im Hinblick auf die WM in Altenberg am Saisonende?

Wir sind im Moment auf einem guten Level: Sowohl im Start- und Materialbereich als auch auch über die gesamte Lauflänge sind wir gut eingespielt. Leider fehlen jetzt in St. Moritz die Letten, wodurch der Wettbewerb ein bisschen verzerrt wird, da die auch immer vorne mitspielen. Die Nordamerikaner sind jetzt erst angereist und haben zum Teil noch Jetlag. Die Österreicher haben ein ziemlich junges, aber schon sehr schnelles Team, die Russen ebenso. In den nächsten fünf Wochen kann noch viel passieren. Und wenn alle Athleten oder jede Mannschaft zur WM ihren fittesten Punkt erreichen, dann wird es am Ende noch mal eng und spannend.

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