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Vorwand Billigkonkurrenz

Der französische Reifenhersteller Michelin will Arbeitsplätze abbauen und künftig auch Wasserstoffzellen produzieren

  • Von Ralf Klingsieck
  • Lesedauer: 3 Min.
Alter Bekannter: Das Michelin-Männchen ragt über einem Werk des Reifenherstellers
Alter Bekannter: Das Michelin-Männchen ragt über einem Werk des Reifenherstellers

Der Reifenkonzern Michelin will sich schlank sparen, und zwar auf Kosten seiner Belegschaft. Bis 2023 sollen 2300 seiner derzeit noch 21 000 Beschäftigten in Frankreich gehen, kündigte Michelin vergangene Woche an. Das sei eine Konsequenz aus der bereits eingeleiteten umfassenden Umstrukturierung der Michelin-Werke im In- und Ausland. Damit will der Konzern wettbewerbsfähiger werden und seine Produktivität um fünf Prozent steigern.

Michelin will jedoch einseitige Entlassungen vermeiden. Etwa 60 Prozent des Stellenabbaus sollen durch Vorruhestandsregelungen erzielt werden, der Rest der nicht mehr erwünschten Belegschaft soll mittels »signifikanter« Abfindungen zur Kündigung bewegt werden. Das sei das Familienunternehmen Michelin, das sich von der Gründung im 19. Jahrhundert an und auch später immer um ein gutes Firmenklima und ein einvernehmliches Verhältnis zu seinen Mitarbeitern bemüht habe, seinem Ruf schuldig, erklärte der Vorstandsvorsitzende Florent Menegaux.

Doch diese Versicherung hielt die CGT und weitere Gewerkschaften nicht davon ab, umgehend nach Bekanntwerden der Abbaupläne zu einem 24-stündigen Proteststreik aufzurufen, der auch gut besucht war. Die Gewerkschaften verweisen darauf, dass Michelin seit 2017 bereits 1500 französische Beschäftigte entlassen sowie die Werke La Roche-sur-Yon in Frankreich und Bamberg in Deutschland komplett geschlossen hat. Seit 2009 hat der Konzern demnach vier Standorte in Frankreich und sieben weitere in anderen europäischen Ländern aufgegeben. Weltweit verfügt Michelin noch über 117 Standorte in 26 Ländern und zählt 127 000 Beschäftigte, davon 70 000 in Europa.

»Der jetzt ohne Vorwarnung vorgelegte Sozialplan ist einer der größten in der Geschichte der Unternehmensgruppe«, erklärte Jérôme Lorton, Betriebsratsmitglied für die Gewerkschaft SUD. »Dabei läuft die Produktion auf vollen Touren und das Unternehmen hat im vergangenen Jahr 1,7 Milliarden Euro Gewinn verbucht.« Der Gewerkschafter forderte die Regierung auf, aktiv zu werden, zumal Michelin im vergangenen Jahr staatliche Hilfe für coronabedingte Kurzarbeit bekommen habe.

Der geplante Stellenabbau betrifft insgesamt 1100 Angestellte am historischen Firmensitz im zentralfranzösischen Clermont-Ferrand und in der Pariser Firmenfiliale, wo Straßenkarten und die berühmten Gastronomieführer »Guide Rouge« verlegt werden, sowie 1200 Arbeiter in Clermont-Ferrand und anderen über ganz Frankreich verteilten Produktionsstandorten. Die geplante und zum Teil bereits eingeleitete Umstrukturierung sei eine strategische Entscheidung angesichts der seit Jahren zu beobachtenden Entwicklung des internationalen Reifenmarktes, auf dem die Konkurrenz aus China und Osteuropa mit Billigangeboten immer aggressiver werde, betonte Menegaux. Diese Entwicklung und die dadurch notwendigen strategischen Kursänderungen seien schon 2019 im Rahmen einer umfassenden Weltmarktanalyse festgestellt worden.

Auf diesen Trend müsse Michelin reagieren, meinte Menegaux. Darum werde die Unternehmensgruppe ihre Produktpalette »ausdünnen« und sich auf technologisch und qualitativ hochwertige, aber auch entsprechend teurere Reifen für Kraftfahrzeuge und Flugzeuge konzentrieren, bei denen Michelin nach wie vor unangefochtener Weltmarktführer ist. Für die Gewerkschaft CGT zählt dieses Argument nicht. »Michelin forciert die Deindustrialisierung in Frankreich und bemüht zur Begründung die Billigkonkurrenz im Ausland, dabei war die Gruppe vor Jahren unter den Ersten, die immer größere Teile der Produktion in Billiglohnländer verlagert haben«, sagte CGT-Betriebsrat Jean-Paul Cognet.

Konzernchef Menegaux versicherte, dass Michelin den Großteil der durch die Restrukturierung eingesparten Mittel in die Qualitätssteigerung, in Forschung und Entwicklung sowie in Innovationen und neue Aktivitäten investieren werde. So plant der Reifenhersteller zusammen mit seinem Partner Faurecia die Produktion von Wasserstoffzellen für klimafreundliche Autos. Mit dem Autozulieferer hat Michelin bereits das Gemeinschaftsunternehmen Symbio. Für ihre gemeinsame Wasserstoffzellenproduktion soll ein Werk in Saint-Fons in der Region Auvergne Rhône-Alpes entstehen, das das erste seiner Art in Frankreich sein soll. »Durch Neueinstellungen für diese und andere neue Aktivitäten wird Michelin mittelfristig wieder so viele Mitarbeiter hinzugewinnen, wie wir jetzt verlieren«, versicherte Menegaux.

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