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Training ohne Freude

Sportsüchtigen bringen exzessive Anstrengungen nur kurzfristig Erleichterung

  • Von Renate Wolf-Götz
  • Lesedauer: 5 Min.
Sportsucht: Training ohne Freude

Anfangs nutzte der Bankkaufmann seine Mittagspause zum Laufen. Doch schon bald fühlte sich der trainierte junge Mann von seltsamen Spannungszuständen getrieben. Kontinuierlich dehnte er seine Laufzeiten aus. Manchmal rannte er drei bis vier Stunden. Erst bei absoluter Erschöpfung machte er halt. Selbst nachts wachte er mit dem unbedingten Drang zum Laufen auf. Wind und Wetter oder stechende Meniskusschmerzen hielten ihn nicht davon ab, zehn bis zwanzig Kilometer zu absolvieren. Immer kürzer wurden die Zeitabstände bis zum nächsten Lauf. Wenn er dann seinen Sprint nicht gleich starten konnte, empfand er Spannungen, die sich wie körperliche Schmerzen anfühlten.

Beim Laufen verschwand das Spannungsgefühl. Als das schmerzhafte Knie den zwanghaften Läufer zu mehreren Tagen Laufpause zwang, wurde er unruhig. Missgelaunt und jähzornig reagierte er auf Arbeitskollegen. Freunde erkannten ihn nicht wieder. Einer nach dem anderen wandte sich ab. Das war ihm gleichgültig. Es zählte nur noch das exzessive Laufen. »Ich hatte keine Chance - irgendeine Macht trieb mich dauernd an«, sagt der 26-Jährige. Das »geile Gefühl« nach dem Lauf hielt allerdings zuletzt kaum mehr als ein bis zwei Stunden an. Immer rastloser musste der Laufjunkie diesem Gefühl hinterherjagen.

Die Sucht nach körperlicher Aktivität ist ein wenig bekanntes Krankheitsbild. »Im Indikationskatalog sucht man vergeblich danach«, sagt Oliver Stoll. Dagegen sei Internetsucht unterdessen in den Handreichungen für Suchtkrankheiten aufgeführt, erklärt der Sportpsychologe an der Universität Halle-Wittenberg. Bei Sportsucht sei eine präzise, klinische Diagnose schon deshalb so schwierig, weil Beginn und Verlauf des exzessiven Sporttreibens auf sehr komplexen Ursachen beruhen.

In zwei Formen werde das Suchtverhalten im Sport unterteilt. »Bei der primären Form handelt es sich um einen unkontrollierbaren, das Leben bestimmenden Drang nach exzessivem Sporttreiben«, so Stoll. Verbunden mit einer stetigen Steigerung der Dosis, fehlenden Erholungszeiten, Alltagskonflikten in Familie und Beruf, dem Tolerieren von Verletzungen und großen körperlichen Leiden, kann Sport zu irreparablen gesundheitlichen Schäden führen.

Beispiele aus der Praxis zeigen, wie weit die Ignoranz körperlicher Schmerzen führen kann. So habe sich ein Sportsüchtiger wiederholt geweigert, für eine Untersuchung seine Schuhe auszuziehen. Er wollte verbergen, dass seine Fersen bis auf die Knochen durchgelaufen waren. In einem anderen Fall hatte der exzessive Läufer bereits drei Zehennägel verloren, weitere waren dunkel verfärbt. Schmerzen habe er dabei nicht empfunden. Nur vor seiner Frau war ihm der leidvolle Anblick seiner Füße peinlich. Solche Konstellationen seien indessen selten. Selbst bei Ausdauersportarten wie Laufen, Radfahren oder Triathlon, die das höchste Risiko für eine Suchterkrankung aufweisen, seien solche Fälle die absolute Ausnahme, wie der Sportpsychologe Stoll versichert.

Weitaus häufiger als die primäre führt die sekundäre Form exzessiver Aktivitäten zur Sportsucht. Besonders ausgeprägt ist das übermäßige Sporttreiben bei Personen, die unter Essstörungen leiden (Anorexia nervosa oder Bulimie). »Bei Essstörungen, die häufig mit einer gestörten Körperwahrnehmung einhergehen, dient das übermäßige Trainieren der Kontrolle über Gewicht und Körper«, hat Jens Kleinert beobachtet. Die Kernfrage ist für den Sportpsychologen an der Deutschen Sporthochschule Köln, ob der Alltag noch wie gewohnt bewältigt werden kann und wie es um die Persönlichkeitsentwicklung der Betroffenen steht. Ein anderes Kardinalsymptom der sekundären Abhängigkeit sieht Kleinert im Zwangserleben. Dieses führe dazu, dass sich zwanghaft Dauerlaufende gedrängt und getrieben fühlen und ausschließlich aus einem unguten Gefühl heraus trainieren.

Ein Forschungsteam des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und der Universität Freiburg hat nun erstmals psychologische Alltagsmechanismen mithilfe elektronischer Tagebücher aufgedeckt, die diesem pathologischen Sporttreiben zugrunde liegen. Dafür hat eine Expertengruppe des Instituts für Sport- und Sportwissenschaft (IfSS) das sogenannte Ambulante Assessment entwickelt, eine Methode zur Datenerfassung von Alltagsmechanismen. »Der Kerngedanke ist, dass wir die Spezies Mensch in ihrem natürlichen Lebensumfeld untersuchen müssen, um menschliches Verhalten zu verstehen«, betont der Psychologe Ulrich Ebner-Priemer, der das Mental Health Lab am KIT leitet. Für ihre Studie haben die Forscher speziell entwickelte aktivitätsgetriggerte elektronische Tagebücher auf Smartphones eingesetzt. »Mit dieser Technologie konnten wir das dynamische Wechselspiel von körperlicher Aktivität und psychologischen Variablen im Alltag untersuchen«, erläutert Markus Reichert aus der Arbeitsgruppe.

Für einen vergleichenden Versuch haben die Wissenschaftler die körperlichen Aktivitäten von 29 Patientinnen mit Essstörungen sowie von 35 gesunden Kontrollprobandinnen eine Woche lang über einen Accelerometer, einen Bewegungssensor, aufgezeichnet. Dafür wurde das Gerät über Bluetooth mit einem Smartphone verbunden. So ließen sich mit einer installierten App beim Über- und Unterschreiten bestimmter Aktivitätsschwellen Tagebuchabfragen aktivieren. Zusätzlich wurden die Testpersonen aufgefordert, vor und nach dem Sporttreiben über ihre Befindlichkeit zu berichten.

Bei den Patientinnen mit Essstörungen stellte sich heraus, dass sie vor dem Sport ein Stimmungstief erlebten. Dieser Effekt zeigte sich bei den gesunden Kontrollprobandinnen nicht. Die fühlten sich dagegen vor dem Sport besonders energiegeladen. Nach der sportlichen Aktivität fühlten sich die Patientinnen mit Essstörungen besser gelaunt, verspürten weniger Druck, schlank sein zu müssen, und waren mit ihrem Körper zufriedener. Dieser Effekt hielt allerdings nur maximal drei Stunden an.

Im Ergebnis zeigte sich, dass sportlich aktive Patientinnen mit Essstörungen bedrückende Stimmungslagen und negative Körpergefühle zu regulieren versuchten. Naheliegend sei dabei, dass die positiven Effekte sportlicher Aktivitäten ungesundes Sporttreiben verstärken. »Das kann dann schnell in einen Teufelskreis führen«, resümieren Markus Reichert und Almut Zeeck. Die Koordinatorin der Studie am Universitätsklinikum Freiburg sieht in den Erkenntnissen wichtige Schritte für die Therapie und weitere Forschung. »Wenn wir Sport gezielt und dosiert in der Therapie einsetzen, können wir die Stimmung und das Körpererleben essgestörter Menschen positiv beeinflussen«, so die Medizinerin. Von zentraler Bedeutung sei jedoch, den Betroffenen alternative Handlungsstrategien zu vermitteln, um ungesundes und übermäßiges Sporttreiben zu verhindern.

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