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Weniger Chaos als behauptet

Der Ansturm auf die Harzer Skigebiete sorgt gerade für Schlagzeilen, dabei befindet sich die Touristikbranche im Umbruch

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 8 Min.
Ein seltener gewordenes Bild: Winter am Brocken im Harz.
Ein seltener gewordenes Bild: Winter am Brocken im Harz.

In der Nacht hat es wieder geschneit. Nicht viel, aber auf die Fichten rechts und links der Straße hat sich eine neue weiße Schicht gelegt. Gnädig verdeckt sie, dass die meisten Bäume im Oberharz schwer krank oder schon abgestorben sind. Doch dann fällt der Blick auf einen Hang mit riesigen Freiflächen, auf denen die Stürme, Dürre und Hitze der vergangenen Jahre sowie mehrere Generationen von Borkenkäfern die Stämme zu Fall gebracht haben.

Die Bundesstraße 242 zwischen Braunlage und Clausthal-Zellerfeld ist an diesem Morgen schon früh geräumt worden und gut befahrbar. Auf dem Parkplatz Stieglitzecke gibt es kein Problem, das Auto abzustellen. Nur ein gutes Dutzend Fahrzeuge verteilt sich auf dem Areal. Göttingen, Northeim, Goslar - die Kennzeichen lassen Tagesausflügler aus der näheren Umgebung vermuten, die sich früh auf den Weg gemacht haben.

Die beliebte Skilanglauf-Loipe »Auf dem Acker«, die am Parkplatz beginnt, zum rustikalen Gasthaus Hanskühnenburg führt und auf der parallelen Ackerstraße zurück verläuft, ist nicht gespurt. Also besser zu Fuß weiter. »Touristenmassen«, die über Neujahr und am ersten Januarwochenende über den Harz hergefallen sein sollen, sind nicht zu entdecken. In der ersten halben Stunde bekommen wir gerade mal zwei Wandersleute zu Gesicht. »Ist das nicht herrlich?«, fragt einer und antwortet gleich selbst: »Wunderbar, diese Ruhe und die verschneite Landschaft. Wenn jetzt noch die Sonne scheinen würde, wäre es ein Traum.«

Zwei Stunden später. Auch auf dem Wanderweg Rehberger Graben, der die historische Talsperre Oderteich mit der Tagungsstätte Haus Sonnenberg bei St. Andreasberg verbindet, ist nicht viel los. Nur ein paar Spaziergänger und zwei Joggerinnen sind hier unterwegs. Und ein Radfahrer, der auf einer Bank an der Jugendherberge Jordanshöhe rastet. Sein mit Spikes ausgerüstetes E-Bike hat er in einem Schneehaufen geparkt. Ski-Wahnsinn, Verkehrschaos? Ja, davon habe er auch gelesen, sagt der Radler. »Aber heute jedenfalls nicht und hier schon gar nicht.«

Dabei hatten zahlreiche Blätter chaotische Zustände im Harz be- und herbeigeschrieben: Corona-gestresste Horden, die mit den ersten Schneeflocken in das Gebirge einfallen. Kilometerlange Staus, gesperrte Straßen und Parkplätze, genervte Autofahrer, Gedrängel an den Rodelbahnen und vor den wenigen Buden, die noch Kaffee to go und Bratwürste verkaufen dürfen. Von vielen Zeitungen auch gern genommen: Tagestouristen, die vergeblich nach einer Toilette suchen und dann in Vorgärten oder den Straßengraben pinkeln.

Schauplatz der meisten Berichte war Torfhaus. Der mit rund 800 Metern höchstgelegene Ort Niedersachsens ist ein Tourismus-Hotspot im Westharz. Die Siedlung besteht aus Ausflugslokalen, Skihütten, Jugendheimen, großen Parkplätzen und einem Sendemast des Norddeutschen Rundfunks. Als sei das noch nicht genug Verschandelung, wurde vor acht Jahren ein Ferienkomplex mit Hotel, Bungalows und einem Geschäft für Outdoor-Bekleidung eröffnet. Weitere Attraktionen sind ein - zurzeit nicht betriebener - Skilift und eine 300 Meter lange Rodelbahn. Bei klarem Wetter sieht man von Torfhaus aus die rund fünf Kilometer entfernte Brockenkuppe.

Tatsächlich gab es hier am Neujahrstag und am darauffolgenden Wochenende Probleme. Viele Menschen hatten Warnungen von Polizei und Behörden in den Wind geschlagen und Torfhaus angesteuert. Sommerbereifte Autos waren auf der Bundesstraße 4, die den Harz in Nord-Süd-Richtung durchschneidet und auch durch Torfhaus verläuft, ins Rutschen gekommen und liegen geblieben. Die großen Parkplätze waren schon mittags voll, auch an der Straße und auf einmündenden Waldwegen standen die Fahrzeuge dicht an dicht. Eng war es zu Jahresbeginn außerdem im sachsen-anhaltischen Schierke. Über die Brockenstraße ist von dort der höchste Harzgipfel gut zu Fuß zu erreichen, auch auf dem Berg drängten sich Touristen.

»Bleibt zu Hause!« Nach dramatischen Appellen von Kommunalpolitikern, Polizei und Tourismusverband ging es am vergangenen Wochenende deutlich entspannter zu. Auch am Sonntag, bei Sonnenschein und blauem Himmel, gab es keine verstopften Straßen und Parkplätze. Nicht ein Fahrzeug musste abgeschleppt werden. »Die Gäste steuerten weniger die üblichen Hotspots an«, freute sich Frank-Michael Kruckow, Leiter des Fachbereichs Ordnung beim Kreis Goslar.

Die Corona-Krise und der nicht unbedingt erwartete Schneefall treffen eine Branche im Umbruch. Noch zu Beginn der 2000er Jahre bedeckte im Harz über Monate eine geschlossene Schneedecke Berge und Täler. Nur selten stiegen die Temperaturen in diesem Zeitraum über minus fünf Grad. Ski und Rodel gut, hieß es von November bis in den April.

Doch zuletzt fielen die Winter immer häufiger aus: kein strenger Frost, kaum Schnee, allenfalls der Brockengipfel war mal längere Zeit in Weiß gehüllt - auf dem höchsten Berg im Harz ist Skilaufen allerdings untersagt. Auch auf den Hängen des Wurmbergs bei Braunlage, mit 971 Metern zweithöchster Berg im Harz, fielen in den vergangenen Jahren erst sehr spät die ersten Flocken. Zumindest dort war für einige Wochen Skifahren möglich. Denn der Seilbahnbetreiber verlässt sich nicht mehr allein auf die Natur. Er setzt auf Kunstschnee aus Schneekanonen.

Rund zwölf Millionen Euro hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren in den Ausbau dieses Skigebietes investiert. Zwei Millionen Euro schoss das Land Niedersachsen zu. Mit dem Geld wurden unter anderem neue Pisten und Lifte gebaut, unzählige Bäume für den Bau von Parkplätzen gefällt und an die 100 Schneekanonen errichtet. Neun der 15 Ski- und Rodelpisten auf dem Wurmberg können damit beschneit werden. Theoretisch. Denn auch Schneekanonen und -lanzen brauchen passende Bedingungen für die Produktion von Kunstschnee, also Temperaturen um null Grad oder darunter.

Wegen der milden Temperaturen konnten die Beschneiungsanlagen in den vergangenen Jahren nur wenig künstlichen Schnee produzieren. Kritiker fühlen sich bestätigt, dass das zwölf Millionen teure Projekt auf dem Wurmberg nicht funktionieren wird. »Unsere Befürchtungen sind eingetroffen«, so Friedhart Knolle vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Schneekanonen seien keine nachhaltige Lösung. Wenn die Hänge an einem Wochenende beschneit würden, komme am nächsten Montag wieder eine Wärmewelle, »und alles ist weg«.

Der Naturschutzbund Nabu wies darauf hin, dass für den Ausbau des Skigebietes fast 17 Hektar Wald gerodet wurden. Davon entfielen zwölf Hektar auf die Erweiterungen der Skipisten, ein Hektar auf die Fläche für den Speichersee, aus dem das Wasser für die Schneekanonen entnommen wird, und vier Hektar auf die Erweiterung von Parkplätzen.

Millioneninvestitionen und Naturzerstörung: Ist Skifahren im Harz bald nur noch unter diesen Bedingungen möglich? Außer in Braunlage, auf dem Bocksberg bei Hahnenklee, wo acht Schneekanonen die Familienabfahrt beschneien können, im Skizentrum Hohegeiß, wo demnächst eine mobile Beschneiungsanlage angeschafft werden soll, sowie in Schierke deuten manche Zeichen auf Abschied vom Wintersport. Nach 50 Jahren gab 2018 der Betreiber des Naturschneeskigebietes auf dem Sonnenberg auf. Die Gemeinde Walkenried im Südharz wollte nicht einmal in einen neuen Bulli zum Spuren von Loipen investieren. Das bisher genutzte Fahrzeug war altersschwach und hätte mitten im Wald stehen bleiben können, hieß es.

Weil der Wintertourismus, über Jahrzehnte Säule des Geschäfts, wegen des Klimawandels zusammenbricht, setzte bei Fremdenverkehrsstrategen zuletzt ein Umdenken ein: Natur und Kultur wurden mehr beworben. Der Harzklub, die Dachorganisation von Wander- und Brauchtumsvereinen, hat begonnen, Wanderwege übersichtlicher zu gestalten. Das Angebot soll für Gäste überschaubarer und das Wandern in dem Mittelgebirge attraktiver werden. Zudem wurden neben Klassikern wie dem »Harzer Hexenstieg« und dem »Goetheweg zum Brocken« neue Themenwanderwege erschlossen. Der kulturhistorische »Steinway-Trail« beispielsweise, der über 15 Kilometer von Wolfshagen nach Seesen führt und dem aus der Region stammenden legendären Klavierbauer William Steinway ein Zeichen setzt.

Kultur satt, nämlich mehr als 50 Konzerte, Führungen, Feste und andere Veranstaltungen gab es beim »Harzer Klostersommer« 2019. Das Krimifestival »Mordsharz« ging in demselben Jahr mit einem guten Dutzend Lesungen, die teils in Bergwerken oder an anderen »gruseligen« Orten stattfanden, bereits in die siebte Saison. Und 2019/20 lockte der »Harzer Kulturwinter« mit Theater, Konzerten und Kerzenscheinführungen in Klöster und andere alte Gemäuer. In diesem Jahr allerdings fielen die meisten Events wegen der Corona-Pandemie aus.

Auch die Klimakrise soll den Fremdenverkehr beleben. Beim letzten Harzer Tourismustag wurde die Kampagne »Der Wald ruft!« vorgestellt. Statt Urlaubern den Zustand der durch Stürme und Borkenkäfer geschädigten Wälder zu verschweigen, sollen Harz-Reisende im Internet, mit Flyern und in Broschüren darauf vorbereitet werden, welcher Anblick sie erwartet.

»Der Wald im Harz ist gar nicht so tot, wie er aussieht«, sagt BUND-Mann Knolle, im Hauptberuf Sprecher des Nationalparks Harz. Die abgestorbenen Fichten seien nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu einer neuen Wildnis. Wo Leben vergehe, entstehe Platz für Neues. In der Kernzone des Nationalparks, die etwa 60 Prozent der Fläche des knapp 250 Quadratkilometer großen Schutzgebietes ausmacht, kann sich die Natur seit einigen Jahren frei entwickeln. Ehemalige Wirtschaftswälder dürfen wieder ein Naturwald werden.

Totholzreiche, naturnahe Wälder, betont Knolle, ermöglichen nicht nur neue Artenvielfalt, sie erfüllen auch eine wichtige Klimaschutzfunktion: Langsam verrottende Stämme und die mächtigen Humusböden speichern große Mengen Kohlendioxid. Gräser, Kräuter und nachwachsende Bäume nehmen frei werdende Nährstoffe auf und binden sie in neuer Biomasse.

Was vorerst bleibt, ist der hässliche Anblick. Daher gibt es auch Kritik an der Waldpolitik der Nationalparkverwaltung und ihrem Motto »Natur Natur sein lassen«. Allerdings haben sich laut Knolle die Widerstände »auf ein Minimum reduziert - vor allem seit klar ist, dass sich so Geld verdienen lässt«.

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