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Starke Männer in Gefahr

Um weitere Zweifel an Olympia zu vermeiden, müssen derzeit die Sumoringer in Tokio kämpfen

  • Von Felix Lill
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Spiele sind eröffnet: Trotz Lockdown wird im Ryogokukan täglich vor 5000 Zuschauern gekämpft.
Die Spiele sind eröffnet: Trotz Lockdown wird im Ryogokukan täglich vor 5000 Zuschauern gekämpft.

Man könnte denken, einem Sumoringer werde ein kleines Coronavirus schon nichts antun. Die großen, schwere Männer sind schließlich keine Fettsäcke, sondern Topathleten. Täglich trainieren sie stundenlang, indem sie aufeinander losrennen, gegeneinanderprallen, sich niederringen. Nach den Einheiten im Ring nehmen sie Unmengen an Kalorien aus Reis, Gemüse und Hühnchen auf. In Japan, wo der Sport vor Jahrtausenden entstand, wirkt noch heute kaum ein Anblick erhabener als der eines Ringers im Mawashi, dem Gürtel aus Seide, den die massigen Ringer um ihre nackten Körpern tragen.

Dieses Bild der Kraft zeigt sich auch diese Tage wieder. Seit Montag läuft für zwei Wochen das »Tokyo basho«, eines der sechs wichtigen Turniere im Kalender der Sumosaison. Zwar steckt Japan seit Wochen in seiner dritten Infektionswelle der Pandemie, weshalb die Regierung am Donnerstag letzter Woche auch einen erneuten Lockdown erwirkt hat. Menschen sollen abends zu Hause bleiben und Betriebe werden geschlossen. Aber die starken Typen des Sumo sollen trotzdem in den Ring, um sich zu raufen. Und auf den Rängen der 11 000 Plätze fassenden Arena Ryogokukan im nördlichen Hauptstadtzentrum dürfen sogar 5000 Besucher dabei zusehen.

Weil Sumo nur so vor Kraft, Härte und Unverwundbarkeit strotzt? Dieser Eindruck ist weit gefehlt. Kurz vor Turnierbeginn erklärte der nationale Sumoverband, dass diesmal 65 Ringer den Kämpfen fernbleiben müssen. Allein im Sumostall Arashio wurden Anfang des Monats zwölf Personen positiv auf das Coronavirus getestet. Im Rahmen einer Testkampagne aller Athleten, Trainer und Betreuer kamen noch einmal mehrere Ringer anderer Teams hinzu. Allen voran fehlt beim aktuellen Turnier der Ringer Hakuho, der den Sport seit Jahren dominiert und letzte Woche erkrankte. Hakuho wurde gleich ins Krankenhaus eingeliefert.

So fragt man sich in Japan dieser Tage nicht nur, was ein Turniersieg bei einem derart dezimierten Teilnehmerfeld wohl bedeutet? Angesichts der gesundheitspolitischen Lage drängen sich auch Zweifel auf, was die Sinnhaftigkeit des Events angeht. Tatsächlich gilt dies für den Sport Sumo besonders. Denn auch wenn die Athleten körperlich fit sind, müssen ihre Organe schon wegen des hohen Bauchumfangs täglich besonderen Druck aushalten. Letztes Jahr im Mai war der erste Profisportler, der mit Covid-19 infiziert war und starb, der Sumoringer Shobushi. Als unmittelbare Todesursache wurde multiples Organversagen in Folge einer Lungenentzündung angegeben.

Doch das Sumoturnier, um das es derzeit viel Diskussion in Japan gibt, muss wohl auch deshalb stattfinden, weil alles andere ein schlechtes Signal senden würde. Anfang des vergangenen Jahres, als sich die Pandemie gerade ausbreitete, gehörte Sumo im Februar zu den ersten Sportarten, die von den Verantwortlichen abgesagt wurde. Einen Monat später mussten auf großen öffentlichen Druck hin auch die Olympischen Spiele in Tokio um ein Jahr verschoben werden. Würde Sumo, eine Disziplin der Kraft und Widerstandsfähigkeit, erneut aufgegeben, würde wohl auch gegenüber den Sommerspielen die Skepsis wieder steigen.

Inmitten des zweiten Lockdowns bleibt nur noch ein halbes Jahr, bis in Tokio die verschobenen Olympischen Spiele endlich starten sollen. Trotz der Restriktionen für das Alltagsleben beteuern sowohl Premierminister Yoshihide Suga als auch das IOC weiterhin: »Tokyo 2021« werde wie geplant stattfinden. Man habe die wichtigsten Vorkehrungen getroffen, um eine sichere Durchführung zu gewährleisten.

Dazu zähle eine dringende Empfehlung gegenüber den Athleten, sich impfen zu lassen. Außerdem sollen Zuschauer direkt vor und nach der Einreise auf das Coronavirus getestet werden. Die ansonsten bei Olympischen Spielen üblichen Zusammenkünfte von Sponsoren, Amts- und Würdenträgern sowie anderen wichtigen Personen sollen reduziert und die Ausgangs- und Partyregeln im Olympischen Dorf strenger gemacht werden. »Die Sicherheit hat oberste Priorität«, ist vom Organisationskomitee, an dem auch die Regierung beteiligt ist, immer wieder zu hören.

Nur verhält es sich mit den Sommerspielen wie mit dem derzeitigen Sumoturnier. Viele Menschen in Japan fragen sich: Muss das wirklich sein? Zu Olympia ergeben Umfragen seit Monaten, dass eine Mehrheit der erst so olympiabegeisterten japanischen Bevölkerung äußerst misstrauisch geworden ist. Zuletzt zeigte eine Befragung durch die Nachrichtenagentur Kyodo am Sonntag, dass 80 Prozent keine Spiele im Sommer 2021 wollen. Sie bevorzugen eine Verschiebung oder die komplette Absage. Nachdem die Organisatoren im vergangenen Jahr wochenlang zögerten, bis sie die Verschiebung beschlossen, haben viele Menschen in Japan das Gefühl, die planmäßige Durchführung der größten Sportveranstaltung der Welt sei über die öffentliche Gesundheit gestellt worden.

Dieses Gefühl hatte Anfang der Woche übrigens auch der 22-jährige Sumoringer Kotokantetsu. Nach einer Herzoperation hatte er Bedenken gegenüber dem Verband angemeldet, was seine Teilnahme am Turnier in Tokio angeht. Er befürchte, eine Infektion mit dem Coronavirus könnte für ihn lebensbedrohlich werden. »Der Verband sagte: ›Du kannst nicht dem Turnier fernbleiben, nur weil du Angst vorm Coronavirus hast‹«, berichtet Kotokantetsu. Man habe schließlich Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Über Twitter erklärt der Ringer: »Ich hatte nur die Wahl, teilzunehmen oder zurückzutreten.« Er hat den Rücktritt vorgezogen.

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