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Was die Polizei bei dementen Menschen nicht vergessen darf

Kompetenzzentrum schult Angehörige, Hausmeister und andere im Umgang mit Personen, die an Alzheimer leiden

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

Dass Menschen im Alter ein bisschen vergesslich werden, ist so normal wie die Tatsache, dass viele Senioren schlechter hören und sehen können als in ihrer Jugend. Doch mit den Schwierigkeiten, die bei einer Erkrankung an Alzheimer entstehen, lässt sich das nicht vergleichen.

»Die Polizei wird zuerst gerufen, wenn alle nicht mehr weiter wissen«, sagte Sabine Köpf am Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Landtags. Köpf leitet das brandenburgische Kompetenzzentrum Demenz. Solche Zentren gibt es vielerorts in der Bundesrepublik. Das Zentrum für das Land Brandenburg ging im Jahr 2016 an den Start. Seitdem haben 2653 Angehörige von dementen Patienten mit Hilfe des Kompetenzzentrums einen anderthalbstündigen Pflegekurs absolviert. Im Umgang mit dementen Menschen geschult wurden darüber hinaus Sozialrichter, Hausärzte, Taxifahrer, Hausmeister von Wohnungsgesellschaften, Landfrauen - und Polizisten. Denn es wird immer oder doch oft die Polizei alarmiert, wenn hochbetagte Senioren unauffindbar verschwunden sind oder von Passanten orientierungslos angetroffen werden.

Es ist möglich, dass noch nicht schwer an Demenz leidende Menschen weiter in ihrer eigenen Wohnung leben, es ist möglich, dass sie nicht gleich ins Pflegeheim müssen. Doch der Umgang mit ihnen erfordert Sensibilität und einige Grundkenntnisse des Leidens. Das Kompetenzzentrum hat allen märkischen Polizeirevieren angeboten, die Kollegen in dieser Hinsicht weiterzubilden, berichtete Sabine Köpf. Vor den Corona-Lockdowns konnte allerdings erst ein einziges Polizeirevier tatsächlich von den Experten aufgesucht werden.

Im vergangenen Jahr bot das Kompetenzzentrum 44 Kurse an. Einige mussten dann wegen der Corona-Pandemie abgebrochen werden. »Unser Credo ist, in jedem 200-Seelen-Dorf sollte eigentlich mal so eine Schulung stattfinden«, erklärte Sabine Köpf. Hilfreich war ihr zufolge, dass es in einem Ort gelang, für die Schulung einen Raum bei einer Wohnungsgenossenschaft zu finden. Das sei niedrigschwelliger. Will heißen: es fällt den Leuten leichter, dorthin zu gehen. Vorher mussten sie dafür in einem Pflegeheim zusammenzukommen. Aber das wirkte leider schon ein bisschen so, als sei ein Pflegeheim bei Demenz unumgänglich.

Ungefähr 67 000 Brandenburger leiden an Demenz. Im Jahr 2009 waren nur rund 43 000 Einwohner des Bundeslandes betroffen, aber im Jahr 2030 sollen es einer Prognose zufolge mehr als 87 000 sein. Diese Erwartung hat mit dem demografischen Wandel zu tun.

Ältere Menschen sind häufiger von Demenz betroffen als jüngere. So trifft es in der Altersgruppe der 65- bis 69-Jährigen etwa 1,6 Prozent der Menschen, in der Altersgruppe der über 90-Jährigen sind es rund 40 Prozent. Auch jüngere Menschen können an Alzheimer erkranken, aber bei ihnen ist es selten. Man schätzt, dass in der gesamten Bundesrepublik nur etwa 20 000 demente Personen leben, die jünger als 65 Jahre alt sind.

»Wir reden oft über Menschen mit Demenz, aber wir kommen an einen Punkt, auch mit den Betroffenen selbst sprechen zu wollen«, sagte Sabine Köpf, die mit einem kleinen Team - alle sind Frauen - im Kompetenzzentrum arbeitet.

Im Gesundheitsausschuss konnte Köpf natürlich wieder nur über Menschen mit Demenz reden und nicht mit ihnen. Landtagsabgeordnete wie Björn Lüttmann (SPD), Carla Kniestedt (Grüne), Roswitha Schier (CDU) und Bettina Fortunato (Linke) hatten Fragen. Sie wollten zum Beispiel wissen, inwieweit Schulen einbezogen sind in die Aufklärungsarbeit. Der Stützpunkt der Alzheimer-Gesellschaft in Strausberg stehe in Kontakt mit Schulen, erläuterte Sabine Köpf. Aber beim Kompetenzzentrum stehen Schüler eher nicht im Mittelpunkt, wenngleich die jungen Leute demente Groß- oder Urgroßeltern haben könnten.

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