Alle gegen Merz

Unter #WirFrauenGegenMerz wird gegen den Kandidaten für den CDU-Vorsitz mobilisiert. Ein Gegen-Hashtag offenbart viel fragile Männlichkeit

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 4 Min.

An diesem Wochenende entscheidet sich, wer neuer Vorsitzender der CDU wird: Ist es Kandidat 1, der Regierungschef in Nordrhein-Westfalen, der sich als pragmatischer Macher präsentiert und seit einer Weile Best Buddy mit Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder ist? Ist es Kandidat 2, dessen Kandidatur viele überraschte und der als flatterhaft gilt, seit er 2012 sowohl Landtagswahl als auch Umweltminister-Posten verlor? Oder ist es Kandidat 3, der 1997 gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe stimmte und im Kampf gegen Rechtsradikalismus meint, selbst weiter nach rechts rücken zu müssen?

Abwarten. Vielen – vor allem Frauen – ist zumindest klar, welcher der drei Männer aus NRW es auf keinen Fall sein sollte: Friedrich Merz. Unter #WirFrauenGegenMerz wird deswegen bereits seit Tagen auf Twitter auf dessen Frauenbild, politische Fehltritte und obsolete Wert- und Weltvorstellungen aufmerksam gemacht. »Ich vergesse nie, dass Herr Merz gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe gestimmt hat«, kommentiert eine Userin einen Tweet vom Twitter-Team des Politikers. Darin zeigt Merz sich »dankbar für die große Unterstützung, die ich von Frauen innerhalb und außerhalb der CDU erfahre. Auf Facebook gibt es sogar die von mir nicht beeinflusste Initiative ›Wir Frauen für Friedrich Merz‹, darüber freue ich mich besonders.«

»Gruselig, gruseliger, #FrauenfuerMerz. Der Mensch hat gegen ein Verbot der Vergewaltigung in der Ehe gestimmt - WTF was macht ihr?« fragt die Bloggerin Rollifräulein. Und SPD-Politikerin Derya Türk-Nachbaur erklärt, sie sei »eine von vielen Frauen außerhalb der CDU und möchte nicht, dass Frauenpolitik der 50er Jahre wieder salonfähig wird.« Das scheint selbst die Frauen-Union ähnlich zu sehen. Sie erklärte kürzlich ihre »klare Präferenz für Armin Laschet und Norbert Röttgen für den Parteivorsitz«.

»Ich bin überhaupt nicht gegen Friedrich Merz. Ich bin nur für Toleranz, Solidarität und Wertschätzung unabhängig von Einkommen und Kontostand – gegen das Recht des Stärkeren, eine Ellbogengesellschaft und ›jede*r hätte es ja schaffen können‹. Okay, ich bin gegen Friedrich Merz«, twittert »Kaffeecup« und schafft es damit auch auf den Kanal des Blogs »Volksverpetzer«. Der hat zudem auf change.org die Petition #MerzVerhindern gestartet, mit der sie die Delegierten des anstehenden CDU-Parteitags »höflichst darum bitten« wollen, »bei der Vorstandswahl nicht für Friedrich Merz zu stimmen.« Mehr als 15.000 Unterschriften wurden bereits gesammelt.

Klar ist: Nicht nur Frauen haben ein Problem mit dem Chauvinisten Merz. Die Rapperin Lady Bitch Ray fragt also zurecht, »wieso sollen eigentlich nur Frauen gegen Merz sein?« Merz würde mit seiner Art von obsoleter Politik nicht nur Frauen, sondern auch Männern, queeren, nonbinären Menschen und der ganzen Menschheit schaden. Also nicht nur: #WirFrauenGegenMerz, besser: #AlleGegenMerz. Vielleicht auch, weil das mit dem »mitgemeint« noch nie richtig funktioniert hat, können unter etlichen weiteren Anti-Merz-Hashtags also auch alle anderen Geschlechter Position beziehen. Volles Rohr gegen den Mann mit vier Vornamen: Joachim-Friedrich Martin Josef Merz.

Bei so viel Aktion kam die Antwort erzürnter User*innen wenig überraschend. Sie gaben prompt mit #WirMaennergegenBaerbock Kontra. Warum ausgerechnet Grünen-Politikerin Annalena Baerbock, die bereits Bundesvorsitzende ihrer Partei ist, bleibt unklar. »Nichts verkörpert fragile Männlichkeit so sehr, als der Hashtag #WirMaennergegenBaerbock. Weinerliche Lappen!«, findet die Autorin Jasmina Kuhnke, die im Netz unter dem Namen Quattromilf bekannt ist. Und Userin Julia schreibt: »Ist mir völlig unbekannt, dass Annalena Baerbock im Bundestag gegen Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe gestimmt hat. Oder gegen welche Männerrechte hat sie abgestimmt?« Den Hashtag findet sie »lächerlich, armselig, peinlich«.

Am treffendsten fasste jedoch Linkenpolitiker Fabio De Masio die Causa Merz zusammen, als er Anfang Januar twitterte: »Friedrich Merz auf einem Bierdeckel. 1997 votierte er gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung, wenn sie in der Ehe stattfindet. 2000 fordert er Rente ab 70, 2004 Abschaffung des Kündigungsschutzes und 2006 klagt er gegen die Veröffentlichung von Nebeneinkünften von Abgeordneten. Noch Fragen?«

Bleibt zu hoffen, dass die CDU-Delegierten sich für das richtige »Herzblatt« entscheiden.

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