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Israel impft, Palästina wartet

Westjordanland und Gaza ohne Corona-Impfstoff und ohne Hilfe durch Besatzer

  • Von Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 3 Min.

In Israel läuft die Impfkampagne gegen das Coronavirus auf Hochtouren. Die Medien sind voll mit Jubelmeldungen, Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ließ sich im Dezember vor Kameras die Nadel in den Arm stechen. Das Land ist inzwischen weltweiter Spitzenreiter: Drei Wochen nach Beginn der Impfkampagne seien in Israel laut dpa bereits 20 Prozent der Bürger gegen das Coronavirus geimpft worden. Das war auch notwendig, denn zuletzt infizierten sich täglich über 9000 Menschen mit dem Virus.

Nur die Palästinenser haben davon nichts. Die israelischen Araber, die alle ein Anrecht auf Impfung haben (inklusive der besetzten Golan-Höhen und Ost-Jerusalem), wurden von der Impfkampagne offenbar nur gestreift. So berichtet das französische Auslandsradio RFI von einer unprofessionellen Aufklärungskampagne: »Am Anfang waren die Impfaufklärungskampagnen auf Hebräisch und richteten sich nicht unbedingt an die arabische Gemeinschaft«, sagte Lungenfacharzt Dr. Nael Elias. Er leitet das Saint Vincent de Paul Krankenhaus. Dazu sei die Impfung in den arabischen Städten Israels noch nicht so weit verbreitet wie im Rest des Landes. »Dies wurde jedoch schnell korrigiert«, schließt Dr. Elias.

Das größere Problem, die palästinensischen Araber in Israel zu erreichen, sind offenbar die Verschwörungstheorien, die sich rund um das Virus entwickelt haben. »Es gibt eine Menge Fake News in den sozialen Netzwerken, und als Araber sind wir Fehlinformationen ausgesetzt, die aus den Nachbarländern kommen. Im Libanon zum Beispiel sind die Menschen sehr impfgegnerisch«, so Lungenfacharzt Dr. Nael Elias in RFI.

Dr. Helga Baumgarten, Professorin an der Universität Birzeit im Westjordanland, lebt selbst in Ost-Jerusalem und berichtet »nd« von einem Gerücht, das in der palästinensischen Bevölkerung umgehe. Und das gehe so: »Wenn du dich impfen lässt, dann passiert was mit deinem Körper, sodass die Israelis dich verfolgen können.« Es gebe die irrationalsten Verschwörungstheorien, winkt sie ab.

Die Bevölkerung im besetzten Westjordanland und im Gaza-Streifen ist in jedem Fall bislang ohne Impfschutz und damit dem Coronavirus ausgeliefert. Noch verfügt die Palästinensische Autonomiebehörde über keinerlei Impfstoff. Laut der israelischen Tageszeitung »Haaretz« verzeichnet das Westjordanland derzeit rund 6800 aktive Fälle und knapp 1350 Todesfälle bei einer Bevölkerung von geschätzt 2,5 Millionen Menschen; im Gazastreifen seien es 7000 aktive Fälle und etwa 460 Todesfälle bei rund zwei Millionen Einwohnern. Im Vergleich dazu wartet Israel mit weitaus höheren Infektionszahlen auf, wenn man die Bevölkerungszahl von 9,2 Millionen Menschen zugrunde legt: »Haaretz« gibt derzeit über 79 000 aktive Covid-Fälle an (Stand: 15.01.2021); fast 3900 Menschen seien bislang gestorben. Zirka 1,9 Millionen Menschen haben die erste Dosis des Impfstoffs erhalten.

Dennoch brauchen die Palästinenser Hilfe bei der Bekämpfung des Coronavirus. Laut den Osloer-Verträgen mit Israel liegt die Verantwortung für den Gesundheitsbereich bei der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA). Laut Medienberichten sei Israel jedoch als Besatzungsmacht in der Pflicht zu helfen. Die Palästinenser berufen sich dabei unter anderem auf die Genfer Konventionen. Sie weisen auch darauf hin, dass in den Verträgen eine Zusammenarbeit bei der Epidemiebekämpfung festgeschrieben wurde.

Palästinensische Gesundheitsbeamte gaben am Wochenende bekannt, dass sie einen Vertrag mit dem Pharmaunternehmen AstraZeneca unterzeichnet haben und die Ankunft der ersten großen Impfstofflieferung bis Ende Februar erwarten, berichtet die englischsprachige Online-Zeitung »The Times of Israel«. Auch das russische Präparat Sputnik V wird im Februar erwartet.

Israel habe der Palästinensischen Autonomiebehörde unterdessen Impfstoffe gegen das Coronavirus zur Verfügung gestellt, sagte die Regierung am Dienstag laut »Haaretz« entgegen früheren Behauptungen. Die Regierung erklärte gegenüber dem Obersten Gerichtshof, dass eine Lieferung von 100 Impfdosen auf Anfrage der Palästinenser zur Verfügung gestellt worden und eine weitere Lieferung unterwegs sei . Dazu meint Helga Baumgarten, man müsse die Frage stellen, nach welchen Kriterien diese 100 Impfdosen eingesetzt wurden, sollte die Meldung aus der israelischen Presse korrekt sein.

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