Werbung

Ich komme mit ZeroCovid in deinen kapitalistischen Seuchenstaat

Zur Pandemiebekämpfung brauchen wir eine große solidarische Arbeitspause und niemand soll dabei zurückgelassen werden

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 3 Min.

Chinesische Behörden haben Anfang dieser Woche die Millionenmetropole Langfang abgeriegelt. Fast fünf Millionen Einwohner*innen sollen binnen weniger Tage auf das Coronavirus getestet werden. Welches monströse Pandemiegeschehen kann der Grund für eine so heftige Überreaktion des Immunsystems der chinesischen Gesellschaft sein? Es ist die Entdeckung eines (in Zahlen: 1) Falles einer Ansteckung mit Sars-CoV-2.

Am Donnerstag ist unter dem Motto »ZeroCovid« ein von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Leuten aus Pflege und Medizin sowie Aktivist*innen von sozialen Bewegungen unterschriebener Aufruf veröffentlicht worden. Die zentrale Forderung: Das Ziel in der Pandemiebekämpfung muss es sein, die Infektionen auf null zu kriegen. »Flatten the curve«, so die Unterzeichnenden, ist gescheitert. Als Werkzeug dafür bringt der Text einen solidarischen Lockdown ins Spiel, flankiert von politischen Maßnahmen, die es ermöglichen, dass alle Menschen abgesichert sind. So können wir als Gesellschaft an einem gemeinsamen Strang ziehen - wenn es nach dem Aufruf geht, europaweit.

Die Kontakte sollen dazu eben nicht nur im Privaten, sondern auch am Arbeitsplatz eingeschränkt werden, das heißt: Es gibt eine große Arbeitspause. »Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen müssen geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden«, wie es in dem Papier heißt. Niemand soll zurückgelassen werden: Um die Corona-Pandemie zu besiegen, müssen Lohnfortzahlungen und Absicherungen für Selbstständige und regulär Beschäftigte genauso wie für Illegalisierte geleistet werden. Wer in beengten Wohnverhältnissen lebt, in Sammel- oder Obdachlosenunterkünften, benötigt Unterstützung, kein »Selber schuld«.

Was in der Pandemie »solidarisch« wäre, ist freilich weiterhin umstritten. Sahra Wagenknecht hat in dieser Woche mal wieder gefordert, vor allem auf den Schutz der Menschen in Alten- und Pflegeheimen zu setzen, das sonstige öffentliche Leben aber wieder anlaufen zu lassen. Doch das ist nachweislich gescheitert. In Schweden, wo diese Idee seit Beginn verfolgt wurde, sind bis dieser Tage beinahe 10 000 Menschen am Virus verstorben. In China sind es halb so viele. Schweden hat etwa 10 Millionen Einwohner*innen, die Volksrepublik China 1,4 Milliarden. Man muss kein Mathe-Ass sein, um daraus simpelste Schlüsse zu ziehen.

Wer will, dass das wirtschaftliche Leben wieder floriert, dass Kleinstselbstständige und Kulturschaffende wieder arbeiten können, muss sich einem solidarischen Lockdown anschließen. Denn in China ist genau das der Fall: Während der Staat Millionenstädte beim kleinsten Corona-Pieps dichtmacht, gehen die Menschen dort anderswo längst wieder ausgelassen tanzen. Es war auch westliche Arroganz und Überheblichkeit, sich von Leuten, die man vor einigen Generationen noch unterm Joch des Kolonialismus gehalten hat, nichts vormachen lassen zu wollen. Lieber hat man hierzulande rassistisch reagiert und asiatisch aussehende Menschen in der Bahn angepöbelt. Währenddessen hat die hiesige Politik seit bald einem Jahr nicht nur den Imperativ kapitalistischen Wirtschaftens bis ins Absurde zugespitzt. Sie hat auch eine schöne Stange Geld dafür hingeblättert, dass das so schnell keinem auffällt.

Die Läden, Büros, Fabriken und Versandhäuser um fast jeden Preis offen zu halten, hat den Pfad für ein Abgleiten in Krise und Konkurs geöffnet. Es ist die Bewahrheitung einer alten Marx’schen Weisheit: dass der Kapitalismus eher dazu neigt, seine eigene Existenzgrundlage abzuschaffen, als auf die Idee zu kommen, nach Maßgabe der Vernunft zu wirtschaften. Anders als zu Marx’ Zeiten haben wir heute jedoch keinen Anlass mehr zu der Hoffnung, dass so ein Kollaps des kapitalistischen Wirtschaftens Platz für menschlichere Zustände macht.

Ich habe den Aufruf von ZeroCovid unterzeichnet. Sie sollten das auch tun. Denn es stimmt ja: Wir können alle individuell unser Bestes tun, um Infektionen zu vermeiden und die Moral aufrechtzuerhalten. Oder wir zwingen die Regierung, endlich zu handeln.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung