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Halb zog er sie, halb sanken sie hin

So problematisch der Anführer Trump, so verstörend seine Wähler? Ganz so einfach ist es nicht

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 6 Min.

Auf den Artikel »Reif für die Strafbank« (nd vom 9.1.), der kurz nach dem Sturm aufs Kapitol erschien, machte »nd«-Leser Dr. S. aus Berlin einen Vorbehalt geltend. S., DDR-sozialisiert, äußerte, zu viel werde bei solchen Ablösungen »an den Symptomen gedoktert, zu wenig an den Ursachen«. Auf Donald Trump, dessen Einzigartigkeit sich auch darin zeigt, dass er der erste US-Präsident ist, gegen den zum zweiten Mal ein Amtsenthebungsverfahren angestrengt wurde, auf den werde nun »wie in der Bibel alle Schuld geladen, der Sündenbock hinaus gejagt - und weitergemacht wie zuvor. So war es auch bei uns: Für alle Probleme hat Chruschtschow Stalin und Honecker Ulbricht verantwortlich gemacht. Auch bei Putin wird es wieder so sein...«

Tatsächlich bleiben bei der Bewertung Trumps, die USA als ein Imperium in innerem wie äußerem Niedergang, oft unterbelichtet. Und obwohl es sich hier förmlich aufdrängte, wurde auch nach dem gelenkten Wutlauf auf das von Sklaven mitgebaute »Monument der Freiheit« die Beziehung zwischen Verführer und Masse eher wenig thematisiert. Offenbar bot jede der beiden Seiten Erregungsstoff genug: Hier, Jacob Anthony C. aus Arizona, in Fellmütze und Stierhörnern, mit langem Speer und aufgepflanztem Sternenbanner als das unvergessliche Gesicht der Randale. Dort, der Staatschef als Ideengeber des Staatsstreichversuchs. Und über allem die Frage: Was ist vor dem Amtsantritt Joe Bidens eigentlich schlimmer: der Politiker Trump oder seine 74 Millionen Wählern?

Die Frage berührt das Verhältnis von Masse und Führer. Schon in der Antike, für die kommunistische Utopie, die faschistische Barbarei, die realsozialistische Bastelei und für die kapitalistisch beschränkte Demokratie - stets war sie wichtig. Plato notierte, besonderes Risiko für Tyrannen sei, zuletzt nur von Ermöglichern und Ja-Sagern umgeben zu sein. Aristoteles sorgte sich, dass ein reicher und begabter Demagoge in einer Demokratie allzu leicht die Gehirne des Volkes verführen kann. Und der französische Arzt, Psychologe und Soziologe Gustave Le Bon schrieb 1895 in seiner »Psychologie der Massen«: »Bei allen Beeinflussten drängt die fixe Idee danach, sich in eine Tat umzuformen. Ob es sich darum handelt, einen Palast in Brand zu stecken oder sich zu opfern, die Masse ist mit der gleichen Leichtigkeit dazu bereit.«

Wer einige Motive der Kapitol-Stürmern (»Ich lebe für Trump und sterbe für ihn, genau wie mein fünfjähriger Sohn«) hörte, merkte schnell: Trump, so beispiellos sein Ego, so schamlos sein Wille zum Regelbruch und so unübertroffen seine Lügenleistung als Herrschaftsmittel; er ist nicht das einzige Problem, vor dem die USA, ihr neuer Präsident und jeder Lösungsversuch stehen. Ohne den Resonanzboden seiner zuletzt 74 Millionen Wählern in Schwingung zu versetzen, bliebe auch Trump bloß ein mäßig erfolgreicher, sichtlich gestörter Kopf.

Doch als selbst erklärter Interessenvertreter perspektivloser Gruppen älterer, weniger gebildeter, seit Jahren und Jahrzehnten schlecht bezahlter, nie wirklich beachteter, vor allem weißer Lohn- und Gehaltsempfängern, für die der amerikanische Traum nur noch für andere, dunkelhäutige Eingewanderte aus entlegenen Erdteilen gilt, gegenüber dieser vor Frust und Wut bebenden Millionenarmee, war es dem Demagogen gelungen, die Mandantschaft zu holen. Selbst nach dem Sturm aufs Kapitol ist viel über das Spektakel und seine Akteure, aber eher wenig über die Tiefenkrise der USA geschrieben worden. Dass Trump sein Make-America-Great-Again auslebte und sich von großmannssüchtigem Unilateralismus und weltvergessenem Isolationismus leiten ließ, war jedoch nicht Ausdruck gesunder Stärke, sondern fortschreitender Schwächung. »Unser eigenes Land«, sagte der gallige Schriftsteller Gore Vidal vor bald 20 Jahren im Interview, »löst sich auf. Jeden Tag stürzt eine Brücke in Amerika ein, und es gibt kein Geld, eine neue zu bauen. Eines Tages werden wir keine Brücken mehr haben, aber sehr viele Soldaten in anderen Ländern.«

Gut hundert Jahre nach Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg und dem Beginn des sogenannten Amerikanischen Jahrhunderts ist die Supermacht politisch, wirtschaftlich, moralisch - und deshalb auch psychologisch - im Niedergang. Im Inneren eine tief verunsicherte, teils deklassierte Mittelschicht und eine immer groteskere Geldherrschaft einer immer kleineren Gruppe zu Lasten von immer mehr. Draußen entgleitet dem einstigen Hegemon der Griff: Chinas Aufstieg lässt sich durch Trumps Bremsversuche nicht aufhalten. Im Nahen und Mittleren Osten hat Washington, statt Al-Qaida auszuschalten, den Terror des IS bekommen. Iran und Nordkorea mit ihren abschreckenden Binnenordnungen bleiben nuklear bedrohlich. Und dass die USA militärisch weiter Übermacht sind, macht die Dinge nicht wirklich besser. Es wirft umso größere Schatten auf die Defizite in Amerikas Zivilsektor.

Wenige Politiker haben so beseelt von sich den Part des Autokraten ausgefüllt wie Trump. Dass er, mit deren Billigung, die Republikanische Partei kaperte, war wesentlicher Grund für seinen Erfolg. Und wichtiger Grund, weshalb die Republikaner am Ende von Trumps Zeit so schuldig dastehen wie - je nach Standpunkt - ihr Messias oder Sündenbock.

Die Verführbarkeit der Wählermasse in den USA bewegt sich auf hohem Niveau. Der Historiker Timothy Snyder zog nach dem Knall am Kapitol im »New York Times Magazine« sogar Verbindungen zwischen Trumps Stil und den Nazis. Mit Bezug auf dessen Lügen schrieb er: »Post-Wahrheit ist Prä-Faschismus, und Donald Trump ist unser Post-Wahrheit-Präsident.« So wie Faschistenführer in der Geschichte habe sich Trump als einzige Wahrheitsquelle inszeniert. »Sein Gebrauch des Begriffes ›fake news‹ wiederholte die Nazi-Verunglimpfung ›Lügenpresse‹; wie die Nazis nannte er Reporter ›Volksfeinde‹. (...) Dank technologischer Chancen und persönlichem Talent log Donald Trump in einer Geschwindigkeit wie vielleicht kein anderer Führer in der Geschichte (...) Er konnte sogar mit einem einzigen Tweet einen geschätzten Berater in einen verlogenen Bastard verwandeln.«

Die Liste solcher Trump-Opfer ist lang, und sein Talent auf diesem Gebiet begünstigte es, dass sich die Masse und ihr Dompteur auf gleicher Wellenlänge bewegen. Goethes »Halb zog sie ihn, halb sank er hin« bekam in diesem Bund eine Umkehr und eigene Bedeutung. »Die Massen«, bemerkt Le Bon, »kennen nur einfache und übertriebene Gefühle. Meinungen, Ideen, Glaubenssätze, die man ihnen einflößt, werden daher nur in Bausch und Bogen von ihnen angenommen oder verworfen und als unbedingte Wahrheiten oder ebenso unbedingte Irrtümer betrachtet.«

Dem »großen Mann« ist auf solchem Hintergrund ebenso zu misstrauen wie der behaupteten Weisheit der Masse. Wie undifferenziert etwa wurde in der Theorie die »Arbeiterklasse« geheiligt - um eine undemokratische, ineffiziente und mitunter terroristische Alleinherrschaft eines kleinen politischen Büros oder eines »unfehlbaren« Solisten umso ungestörter auszuüben. Auch da ging es um die Beziehung Führer - Masse. So wie sie eine Rolle spielt, wenn sich nach dem Trauerspiel im Kapitol manch Führer die autokratischen Hände rieb. Was letztere indes ausblenden: Anders als sie - und Trump - wissen Demokratien, dass Wahlen mit Siegen und Niederlagen einhergehen. Demokratien mit ihrem Stückwerk, Missbrauch und Blendwerk garantieren keine Wiederwahl, Amtszeiten für Dekaden oder lebenslang, wie manchenorts üblich. Auch die These des US-Theologen Reinhold Niebuhr bedenkt das spannende, oft verhängnisvolle Verhältnis von Führer und Masse: »Des Menschen Sinn für Gerechtigkeit macht Demokratie möglich, seine Neigung zur Ungerechtigkeit macht Demokratie notwendig.«

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