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In weiter Ferne - und doch so nah

Vor 150 Jahren wurde im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich ausgerufen

  • Von Achim Engelberg
  • Lesedauer: 6 Min.
Stimmungen von oben wie von unten zu berücksichtigen (Bismarck), ist Kern jeder Politik. Aber was daraus machen?
Stimmungen von oben wie von unten zu berücksichtigen (Bismarck), ist Kern jeder Politik. Aber was daraus machen?

Auf den ersten Blick erscheint die deutsche Reichsgründung mit ordensgeschmückten Uniformierten und pathetisch erhobenen Flaggen verstaubt. Aber die langen Linien, die vom Bismarck’schen Nationalstaat in die Katastrophe führten, werden wieder brennend aktuell.

Am 18. Januar 1871 versammelten sich Generäle und Fürsten im Spiegelsaal des Versailler Schlosses, um Wilhelm I. zum Kaiser auszurufen und mit diesem Akt die erste staatliche Einheit Deutschlands symbolisch zu vollziehen. Ort und Zeit waren wohlüberlegt, denn just an diesem Tag im Jahre 1701 hatte sich Friedrich I. in Königsberg zum preußischen König krönen lassen. In dieser Zeremonie zeigt sich der Doppelcharakter der damaligen deutschen Einigung: Die nationalstaatlichen Forderungen der 1848er Revolutionäre wurden erfüllt und gleichzeitig die Konterrevolution bewahrt. Nach der militärischen Niederlage Frankreichs im von Preußen angezettelten Krieg von 1870 demütigte man die Verlierer im Prachtsaal des französischen Absolutismus. Frankreich wiederum revanchierte sich ein halbes Jahrhundert später, 1919, mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags. Nun mussten deutsche Vertreter im Spiegelsaal die Alleinschuld des dort gegründeten Kaiserreichs für den Großen Krieg unterzeichnen.

Zweimal Hybris, zweimal Dummheit der Sieger. Schon Zeitgenossen erkannten das Problem: Friedrich Engels schrieb, dass die preußische Grundlage das Reich in Lebensgefahr bringe. Und selbst der Architekt der ersten deutschen Einheit, Otto von Bismarck, war 1871 nicht in Champagnerlaune. Das nach Thomas Mann einzige politische Genie, das Deutschland hervorgebracht hat, versuchte bis zuletzt, den seinerzeitigen drakonischen Friedensvertrag zu entschärfen - vergeblich. Schweren Herzens schrieb er, dass mehr erreicht sei, »als ich für meine persönliche politische Berechnung für nützlich halte. Aber ich muss nach oben und nach unten Stimmungen berücksichtigen, die eben nicht rechnen.« Zweifellos bestehen gravierende Unterschiede zwischen Gestern und Heute, zwischen Monarchie und parlamentarischer Demokratie. Allerdings tauchen - so mehr man die damalige Umbruchszeit betrachtet - vielfältige Ähnlichkeiten auf. Paradoxerweise rückt das Kaiserreich mit wachsender Ferne näher.

Nur gut zwei Jahre nach der Reichsgründung, am 9. Mai 1873, begann in der Wiener Börse eine Finanzkrise, die bald alle kapitalistisch wirtschaftenden Teile des Planeten umfassen sollte. Das kontrastierte völlig mit der gleichzeitig in der Donaumetropole stattfindenden Weltausstellung als dem symbolischen Ausdruck einer gelingenden Globalisierung. Wie immer hatten Spekulanten unzählige in ihre Geschäfte hineingezogen, von Groß- bis zu Kleinanlegern. »Panik ergriff dann die Spekulanten; Geldjäger sahen sich plötzlich in ein für sie unverständliches Unglück oder gar in die Schande des Bankrotts gestürzt, nicht selten kam allerlei Betrug ans Licht. Schuld erheischte Sühne!«, so die dramatische Beschreibung von Ernst Engelberg 1990. »Viele Gründer, die vor Ausbruch des Banken- und Börsenkrachs jegliche Regierungsintervention entrüstet zurückgewiesen hätten, riefen nun nach Staatshilfe ... Doch vorerst konnten nur ›notleidende Institute‹ unterstützt werden. Als die ganze Flut der Bankzusammenbrüche kam, war es der Preußischen Bank nicht mehr möglich, für alle Bedrohten und Betroffenen Stützdämme zu bauen, weder materiell noch moralisch-politisch. Mit Recht sah die öffentliche Meinung in den zahlungsunfähigen Bankiers nicht Notleidende, sondern Spekulanten, die keine Staatshilfe verdienten.«

Während der »letzten« oder besser: wohl höchstens vorletzten Finanzkrise von 2008 avancierte der Begriff der »Notleidenden Banken« zum Unwort des Jahres. Als ich etwas später damit begann, die oft um Bismarck und das lange 19. Jahrhundert kreisenden Texte meines damals 100-jährigen Vaters neu oder erstmals herauszugeben, glaubten einige, ich hätte hier aktualisiert. Doch dem war nicht so, sondern es zeigten sich wiederkehrende Muster. Die Krise von 1873 gehört neben denen von 1929 und 2007/08 für den Jahrhunderthistoriker Eric Hobsbawm zu den drei großen Krisen des kapitalistischen Weltsystems. Freilich wuchsen auch die Unterschiede - des Finanzvolumens, der Geschwindigkeit und der Vielzahl der Geschäfte - seitdem ins Monumentale. Das gilt auch auf anderen Feldern: Die ersten Proteste, die ernst genommen wurden, waren damals die von Berliner Mietern beim Aufstieg der deutschen Hauptstadt zur Metropole. Als Wohnungsnot betrat die soziale Frage die Bühne. Bereits 1872 hatte Friedrich Engels die Lage aktuell klingend kommentiert: »Diese Wohnungsnot macht nur so viel von sich reden, weil sie sich nicht auf die Arbeiterklasse beschränkt, sondern auch das Kleinbürgertum mit betroffen hat.« Allerdings sind die Wirkmöglichkeiten heute größer, da die Demokratisierung erheblich vorangeschritten ist. Diese Gestaltungsmöglichkeiten legten die Herrschenden der Bevölkerung allerdings nicht auf den Gabentisch, sondern sie wurde von soziale Bewegungen, nicht zuletzt von Arbeitern, erkämpft. 1875, drei Jahre nach den ersten großen Wohnungsprotesten, vereinigten sich die linken Kräfte zur SPD als der ältesten bis heute existierenden deutschen Partei.

Wie die staatliche Einheit Deutschland 1990 war die von 1871 tief eingebettet in internationale Prozesse. Als Preußen-Deutschland seine Kriege führte, gab es auch anderswo Schlachten um nationalstaatliche Einigung. In Italien, das seit dem Mittelalter eng verflochten war mit Deutschland (das »Heilige Römische Reich« bestand bis 1806), waren sie sogar so blutig, dass ein Schweizer Humanist aufgrund des leichenübersäten Schlachtfelds von Solferino (1859) im Jahre 1863 das Rote Kreuz gründete, mit der farblich umgekehrten Nationalfahne der Schweiz. Das Jahr 1871 markierte eine Epoche, in der sich in Zentraleuropa die staatliche Einigung der großen Nationen, mit Ausnahme Polens, vollendete. Und kein einziger dieser Nationalstaaten entstand ohne Gewalt.

Der Strom der Geschichte spülte damals Mächte nach oben, die in dieser weltgeschichtlichen Minute Europas die Welt kolonial aufteilten. Damals begann das erste weltumspannende Zeitalter, wie man es in Fontanes Epochenbuch »Der Stechlin« lesen kann. »Hinter dem Berge wohnen auch Leute«, heißt es dort leitmotivisch. Diese häufige Formulierung borgte sich Fontane von Lothar Bucher, einem Revolutionär von 1848, der aus dem Exil zurückkehrte, um ein enger Mitarbeiter von Bismarck zu werden. An der wachsenden Zahl der Auslandskorrespondenten erkannten Fontane und Bucher die geostrategische Schwerpunktverlagerung in Regionen jenseits des »alten Europas«.

Nach Bismarcks Sturz, der nach der kriegerisch hergestellten Reichseinigung außenpolitisch eine wohldurchdachte, virtuose Gleichgewichtspolitik betrieben hatte, begann ab 1890 das eigentliche imperiale Zeitalter der »Weltpolitik«. In der Rückschau erkennt man, so die bittere Ironie, dass unabhängig voneinander die beiden Antipoden Otto von Bismarck und Friedrich Engels gleichermaßen bei Beibehaltung der Wilhelminischen Politik der Selbstüberschätzung einen großen Krieg kommen sahen - mit Millionen Toten und mit zusammenbrechenden Imperien. Der Rest ist Geschichte.

Da das heutige Konzert der Großmächte ein planetarisches ist, sind die Gefahren erheblich gewachsen. Christopher Clark, der mit »Die Schlafwandler« ein viel diskutiertes Werk über den Beginn des Ersten Weltkriegs vorlegte, erkennt »eine starke Rückkehr der Muster des 19. und frühen 20. Jahrhunderts«. Und der schillernde US-Politiker Henry Kissinger, selbst für etliche Kriege als Schreibtischstratege verantwortlich, warnt heute wie einst Otto von Bismarck, den er in seiner berühmten Formulierung als »weißen Revolutionär« charakterisierte: »Die Welt darf nicht in eine Situation wie vor dem Ersten Weltkrieg geraten; damals hätte keines der Länder, die den Krieg 1914 begonnen hatten, dies getan, hätten sie gewusst, wie die Welt im Jahr 1918 aussehen würde ... Wir können es uns einfach nicht erlauben, immer tiefer in diese Eskalationsspirale zu geraten.«

Noch ist nicht entschieden, ob wir die neue, die zweite Chance der deutschen Einheit nutzen können - weder national, noch europäisch, noch global. Die EU und damit auch Deutschland als Macht in der Mitte des Kontinents wird diesmal nicht durch die preußische, sondern durch ihre neoliberale Grundlage in Lebensgefahr gebracht. Gerade wer den Gang der Dinge von 1871 bis heute betrachtet, erkennt: Zwischen dem Fortschreiten ereignen sich oft Katastrophen.

Achim Engelberg ist Coautor von Ernst Engelberg bei »Die Bismarcks. Eine preußische Familiensaga vom Mittelalter bis heute« sowie Herausgeber von Schriften und Briefen seines Vaters.

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