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Walther White in New Orleans

Wie in »Breaking Bad« spielt Bryan Cranston in der Sky-Serie »Your Honor« einen Spießer auf Abwegen

Jan Freitag

Das Fernsehen war einst ein wuchtiges Möbelstück voller Schubladen, Eiche rustikal, schwer zu verrücken. Wer den Mörder spielte, spielte den Mörder. Punkt. Und weil fürs Gute, Süße, Lustige gleiches galt, durften Helden, Kinder, Witzbolde in der Regel nicht gemein, erwachsen, ernst sein. Lange her. Heute sind Deutschlands Wohnstuben offener, heller, gelüftet. Selbst Bjarne Mädel kauft das Publikum humorlose Dramen ab. Dr. Kleist gibt schon mal glaubhaft den Göring.

Nur Drogendealer Walther White (Bryan Cranston) muss wieder böse werden - auch, wenn es in der Showtime-Serie »Your Honor« länger dauert als bei »Breaking Bad«. Zu Beginn des zweiten Teils aber bricht die kriminelle Energie aus Bryan Cranstons kreuzbravem Richter Michael Desiato hervor. Aber am Ende des ersten Teils hatte ihm der brutale Mafia-Boss Jimmy Baxter auch vorgemacht, was es heißt, richtig böse zu sein. »Du wirst gefunden«, sagt er mit diabolischem Gesichtsausdruck in die Fernsehkameras, und Desiato ist klar, wen der rachsüchtige Gangster meint.

Keine 60 Minuten zuvor nämlich hatte Desiatos Sohn Adam (Hunter Doohan) ausgerechnet am Todestag seiner Mutter einen Unfall verursacht und das getan, was auf Englisch »Hit & Run« heißt: Fahrerflucht. Dummerweise ist ein Motorradfahrer, der ihm im verwahrlosten Schwarzen-Ghetto von New Orleans vor die Kühlerhaube gefahren war, Baxters Jüngster. Und das wird Adams rechtschaffendem Vater just in dem Moment bewusst, als er dessen (vermeintlich) tödlichen Unfall anzeigen will. Da der Jurist aus eigener Erfahrung weiß, wie nachtragend Baxter ist, beginnt er die Tat also generalstabsmäßig zu vertuschen - und legt so die Lunte an ein Pulverfass, das nicht nur Desiatos Existenz in den Abgrund reißt: New Orleans ist, neben dem filmpreisgemästeten Bryan Cranston und Michael Stuhlbargs diabolischem Racheengel, unzweideutig die Hauptfigur der zehnteiligen Abwärtsspirale. Sie setzt sich damit fort, dass der (weiße) Desiato einen (schwarzen) Handlanger beauftragt, den Unfallwagen zu beseitigen, wobei der (schwarze) Fahrer darin erwischt wird, von (weißen) Cops zum Geständnis gezwungen und von einem (weißen) Richter für Adams Tat verurteilt.

Der scharfe Hautfarbenkontrast aller Beteiligten macht deutlich, worum es »Your Honor« abseits zweier Familientragödien geht: Amerika im Würgegriff einer zerstrittenen, rassistischen, argwöhnischen, waffenstarrenden, populistisch aufgeheizten Gesellschaft, die im Süden noch tiefer gespalten ist als beiderseits der mittelwestlichen Trump-Zone. Wenn Jimmy Baxter aus Wut über das unschuldig inhaftierte Ghettokind Kofi (Lamar Johnson) ankündigt, die Stadt endlich aufzuräumen, bleibt also kein Zweifel, wie gewalttätig das werden dürfte.

Genau an dieser Stelle jedoch ist es Edward Berges Regie nach dem fabelhaften Drehbuch von Showrunner Peter Moffat zu verdanken, dass die Hollywood-Fassung der israelischen Serie »Kvodo« nicht zum blutrünstigen Actionsplatter eskaliert. Selten zuvor hat ein Gangthriller so intensiv mit Pausen gearbeitet. Selten herrschte im Steigerungsmodus krimineller Energien mehr Stille. Und während die Nervenkostüme der beiden Desiatos dünner werden, zersägt sie der sirrende Soundtrack des deutschen Komponisten Volker Bertelmann, alias Hauschka, auch noch zusätzlich.

Wann immer der moralische Pragmatismus seinen Vater Michael innerlich zu zersetzen droht, hält die Kamera dabei auf irritierende Art Distanz zu Bryan Cranstons verkarstetem Gesicht, das die amerikanische Kluft zwischen Wahrheit und Lüge, Ethik und Egoismus in jeder einzelnen Falte spiegelt. Der frühere Comedian Cranston steckt also nur scheinbar in der Schublade des gefallenen Spießers mit Mittelklassewagen fest. Schließlich brilliert er hier als Ebenbild einer zerrütteten Nation, die ihre prinzipientreuesten Mitglieder an den Rand der Selbstverleugnung bringt. Und das ist zumindest in den ersten vier Folgen nicht nur schlüssig, sondern bei aller Langsamkeit aufregend.

Your Honour, ab 18. Januar auf Sky

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