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Fortgesetzte Repressalien

In Sri Lanka verschlechtert sich die Lage der Minderheiten weiter

  • Von Susheela Mahendran
  • Lesedauer: 3 Min.

Das neue Jahr begann in Sri Lanka mit neuen Akten der Unterdrückung: Am 8. Januar ließ die ultranationalistische buddhistisch-singhalesische Regierung unter Präsident Gotabaya Rajapaksa das von Studierenden errichtete Mullivaikkal-Denkmal an der Universität Jaffna in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abreißen. Die Skulptur erinnerte an den Genozid an der tamilischen Bevölkerung, insbesondere an das Mullivaikkal-Massaker, bei dem zum Ende des Bürgerkriegs 2009 im Norden Sri Lankas Zehntausende Tamil*innen von Regierungstruppen ermordet wurden.

Student*innen und Anwohner*innen, die sich spontan versammelten, um den Abriss zu verhindern, wurden vom Militär bereits am Rande des Campus aufgehalten, mindestens zwei Demonstranten wurden verhaftet. Einen Tag später traten einige Studierende in den Hungerstreik. Sie protestierten damit gegen die Militärpräsenz und für den Wiederaufbau des Denkmals. Die Skulptur, die im Februar 2019 anlässlich des zehnten Jahrestages des Genozids errichtet worden war, bildete einen Erdhügel ab, aus dem Arme herausragten. Nach Berichten des Nachrichtensenders Al Jazeera hatte die Regierung das Denkmal als »Ehrenmal für Terroristen« verurteilt. Der Rektor der Universität von Jaffna sprach von Druck aus Militär- und Geheimdienststrukturen, das Denkmal zu entfernen.

Nachdem als Reaktion auf den Abriss insbesondere im Norden und Osten des Landes ein Generalstreik drohte - am 11. Januar schlossen dort fast alle Läden, kommerzielle Aktivitäten und privater Transport wurden stillgelegt - sicherte der Vizekanzler der Universität Sivakolundu Srisatkunarajah den Student*innen zu, das Denkmal in neuer Form wieder aufbauen zu lassen. Doch in der Studierendenschaft gibt es Bedenken, dass das geplante »Friedensdenkmal« ihrem Anliegen nicht gerecht wird.

Seit Jahrzehnten versucht die buddhistisch-singhalesische Regierung durch die Zerstörung tamilischer Gedenkstätten, die Erinnerung an ihre Kriegsverbrechen während des von 1983 bis 2009 währenden Bürgerkrieges zu vertuschen und errichtet stattdessen singhalesische triumphierende Kriegsdenkmäler. Damit betreibt sie nicht nur Geschichtsklitterung. Der tamilischen Community sollen so auch ihre eigene Symbolik, Erinnerung und Trauerorte genommen.

Ähnlich repressiv agiert der Staat mittlerweile gegenüber der muslimischen Minderheit, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht. Das zeigt sich insbesondere im Zwang zur Feuerbestattung, der seit Beginn der Pandemie für alle an Covid-19 verstorbene Menschen gilt. Die Feuerbestattung ist die gängige Praxis im Buddhismus und Hinduismus, im Islam jedoch verboten. Auch manche Christ*innen lehnen diese ab. Obwohl die Leichen von Covid-19-Toten laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gefahrlos in Gräbern bestattet werden können, behaupten sri-lankische Gesundheitsbehörden, dass das Grundwasser bei einem Begräbnis mit dem Virus kontaminiert werden könnte. Mittlerweile wurden in mindestens 19 Fällen die sterblichen Überreste von Muslim*innen gegen den Wunsch ihrer Familien und unter Missachtung der im Islam vorgeschriebenen Bestattungsriten verbrannt. Die Familien müssen die Kosten der Kremierung selbst tragen, in einer für viele ohnehin finanziell schwierigen Zeit.

Bereits Ende Dezember 2020 hatten Mitglieder der muslimischen Gruppe Sri Lanka Thawheed Jamaath in der Hauptstadt Colombo nahe des Regierungssitzes gegen die Zwangseinäscherungen protestiert. Auch im Nordosten des Landes protestierten in mehreren Orten Menschen gegen diese staatliche Maßnahme. In den sozialen Medien gingen Fotos viral, auf denen Protestierende zu sehen sind, die weiße Bänder an die Tore eines Krematoriums gebunden hatten.

Bei den Demonstrationen wird auch kritisiert, dass eine Überprüfung der Vorschrift ins Leere gelaufen ist. Im vergangenen November ließ die Regierung ein Expertenkomitee die Frage der Zwangskremierung neu bewerten. Dieses kam zu dem Schluss, dass diese Praxis fortgeführt werden kann. Gründe wurden nicht genannt. Eine Petition muslimischer und christlicher Gruppen, die forderten, das Recht auf rituelle Bestattung als Grundrecht zu bewerten, wurde vom Obersten Gerichtshof abgewiesen.

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