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Immer mit Orchester

Er erfand den »Wall of Sound«: Phil Spector ist gestorben

  • Von Thomas Grossman
  • Lesedauer: 3 Min.

Für Lennon war er der »größte Plattenproduzent ever«. Und für Brian Wilson war er »die größte Inspiration in meinem Leben«. Am Sonnabend ist Phil Spector im Alter von 81 Jahren in einem Hospital in San Joaquin (Kalifornien) gestorben.

Eigentlich saß er seit 2009 im Gefängnis, denn er hatte 2003 in seinem Haus im Alkoholrausch die Schauspielerin Lana Clarkson erschossen. Da bei Spector vor vier Wochen Covid-19 diagnostiziert worden war, hatte man ihn in ein Hospital verlegt.

Vor sehr langer Zeit war er der angesagteste Musikproduzent der USA. Zwischen 1961 und 1965 produzierte er 24 Hits, die allesamt in die Top 40 gelangten. Spector ist der Erfinder des »Wall of Sound«: Im Aufnahmestudio versah er Gesangs- und Instrumenten-Spuren mit Hall, schichtete sie übereinander und legte die Musik eines Orchesters darunter. »Wie Wagner-Opern«, so Spector einmal. Mit ihm wurde der Musikproduzent eine kreative Kraft, mindestens so wichtig wie der Künstler selber. Spector wusste das und soll sich im Studio aufgeführt haben wie ein Maniac und Diktator. Sein »Wall of Sound« hat andere Produzenten beeinflusst, in den 90er Jahren benannte sich danach ein wichtiges Trip-Hop-Label.

Harvey Phillip Spector wurde am 26. Dezember 1939 in New York geboren. Sein Vater - Sohn jüdischer Einwanderer aus Russland - war Eisenarbeiter, der 1947 wegen der vielen Schulden der Familie Selbstmord beging. Vier Jahre später ging die Mutter, die erst als Schneiderin, dann als Buchhalterin arbeitete, mit der Familie nach Los Angeles. Ihr Sohn Phil war äußerst musikalisch und lernte gleich mehrere Instrumente zu spielen. Auf der Schule in der Oberstufe gründete er mit Freunden die Band Teddy Bears. Diese landeten 1958 mit dem Spector-Song »To Know Him is to Love Him« eine Nummer 1 in den USA. Die Idee zu diesem Titel hatte Spector vom Grabstein seines Vaters: Darauf war dieser Spruch zu lesen.

Als erfolgreicher Jungstar kehrte er nach New York zurück und arbeitete in der berühmten Songschmiede »Brill Building« mit den Star-Komponisten Jerry Leiber und Mike Stoller zusammen, von denen legendäre Songs wie »Hound Dog« oder »Jailhouse Rock« stammen: die Knaller des frühen, wilden Elvis Presley.

Spector wurde Produzent, schrieb aber auch mit am Hit »Spanish Harlem« von Ben E. King oder spielte die Gitarre auf »On Broadway« von den Drifters. In den frühen 60ern landete er Hit auf Hit, viele davon inzwischen Klassiker: »He’s a Rebel« und »Da Doo Ron Ron« von den Crystals oder »Be My Baby« von den Ronettes. Der Nummer-1-Song »You’ve Lost That Lovin’ Feeling« von den Righteous Brothers wurde - einschließlich der vielen Cover-Versionen - der im Radio und Fernsehen meistgespielte Song des 20. Jahrhunderts.

1966 produzierte Spector mit Tina Turner den Song »River Deep, Mountain High«. 21 Musiker und noch einmal so viele Begleitsänger wirkten daran mit. Der Song kletterte hoch in die englischen Charts, aber nicht in die US-amerikanischen, weshalb sich Spector zwei Jahre lang zurückzog. 1969 produzierte er »Let it Be«, das letzte Album der Beatles. John Lennon war damit zufrieden, für Paul McCartney hatte es zu viele Streicher, vor allem bei »The Long and Winding Road« (2003 wurde das Album noch mal ohne Orchester veröffentlicht). Spector produzierte auch die ersten Solo-Platten von John Lennon und George Harrison. Mitte der 70er sagte er dem Musikgeschäft Adieu. Nur noch ab und an arbeitete er an Platten wie an Leonard Cohens Album »Death of a Ladies’ Man« oder an »End of the Century« von The Ramones.

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