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  • Sport in der Coronakrise

Handball in der Hochsicherheitszone

Das Konzept der ägyptischen WM-Veranstalter ist extrem aufwendig, scheint aber zu funktionieren

  • Von Michael Wilkening, Kairo
  • Lesedauer: 4 Min.

Wie groß die Diskrepanz zwischen dem lebhaften Treiben auf den Straßen Kairos und der Weltmeisterschaft in dieser Stadt ist, wird während der Fahrt von der Hassan-Moustafa-Halle zurück in eines von vier »Bubble«-Hotels klar. Die Menschen haben sich für den Start in den Feierabend hübsch gemacht, das Geschäft in den Cafés brummt. Es wirkt für Europäer befremdlich, das Treiben in den Straßen am Nil zu beobachten, das nichts mit der aktuellen Lebenswirklichkeit in Berlin, Paris oder London zu tun hat. Es gibt Personen, die eine Maske tragen, aber sie sind in der Unterzahl, obwohl es in Ägypten eine Verpflichtung zum Tragen einer Mund-Nasen-Abdeckung gibt. Die Polizei versucht, die Anordnung durchzusetzen, ist gegen die Mehrheit der knapp zehn Millionen Einwohner der Kapitale jedoch chancenlos.

Das ist innerhalb der Handballblase anders. Vor dem Start der WM in Ägypten gab es Vorbehalte, dieses Turnier durchzuführen, während in der Welt eine Pandemie wütet. 32 Mannschaften aus vier Kontinenten sind inzwischen in Ägypten, hinzu kommen mehrere hundert Offizielle, Medienvertreter und WM-Helfer, um die herum ein imaginärer Schutzzaun gezogen wurde. Vor dem Eintritt ins Innere gab es einige Coronafälle, bei den Teams der USA und Tschechiens dermaßen viele, dass sie kurz vor dem WM-Auftakt ausgetauscht wurden. Vereinzelte Infektionen tauchten auch nach dem Start auf, bis Montagabend war die WM-Blase nun ohne weiteren Fall. Das Gefühl der Sicherheit steigt, der Glaube an ein Funktionieren der Vorsichtsmaßnahmen wächst.

»In der Straßenbahn in Mannheim sieht man mehr Menschen, die die Maske nicht korrekt tragen«, berichtet Uwe Gensheimer von seinen Beobachtungen. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft fühlt sich inzwischen wie seine Teamkollegen in der Blase sicher und ist beeindruckt von der Lernfähigkeit der Organisatoren vor Ort. Bei der Anreise hatte die deutsche Delegation einzelne Dinge in ihrem Hotel in Sichtweite der Pyramiden von Gizeh kritisiert, innerhalb kurzer Zeit wurde den Verbesserungswünschen entsprochen. Zu Beginn des Turniers waren nicht alle Abläufe perfektioniert, um die Durchführung der Weltmeisterschaft so sicher wie eben möglich zu machen, doch die Ägypter lernen in großer Geschwindigkeit hinzu.

Einige Eckpunkte gelten aber seit dem ersten Tag. Die vier riesigen Hotels, in denen alle 32 Mannschaften, die Medienvertreter, Offizielle des Weltverbandes und Helfer untergebracht sind, dürfen nur für Fahrten zu den Hallen verlassen werden. Ein Großaufgebot an Sicherheitspersonal, Polizei und Militär sichert die Unterkünfte sowie die Spielorte ab. Niemand kommt ungesehen rein, niemand darf ohne Erlaubnis heraus. Es dauert bis zu einer halben Stunde, bis ein Shuttlebus die Hotelanlage verlassen darf, erst müssen mehrere Institutionen grünes Licht für den Transfer geben. Die Hotelanlagen sind groß, in ihnen sind viele Menschen auf engem Raum zusammen, was nach den Erfahrungen in Deutschland in den zurückliegenden Monaten befremdlich wirkt. Aber es werden alle Sicherheitsmaßnahmen ein- und Abstand gehalten. Um die Blase herum ist eine Hochsicherheitszone aufgebaut worden.

Der Aufwand, der bei dieser Weltmeisterschaft betrieben wird, um das Coronavirus außerhalb der Blase zu halten, ist enorm. Das Konzept, das in den Monaten vor dem WM-Auftakt unter Mitwirken der großen europäischen Handballnationen mit Deutschland an der Spitze immer weiter verfeinert wurde, greift in vielen Punkten. Alle Turnierteilnehmer sind von der Außenwelt abgeschottet, ein direkter Kontakt nach draußen ist nicht möglich. Das Großaufgebot an Sicherheitspersonal wäre bei einer ähnlichen Veranstaltung in Deutschland nicht denkbar. Die personellen Ressourcen, die der Veranstalter und die Behörden in Ägypten zur Verfügung stellen, sind beeindruckend - der Wille spürbar, den Rest der Welt von den eigenen Fähigkeiten zu überzeugen.

Yara Abdallah ist auch motiviert. Sie hat vor ein paar Tagen Besuch bekommen, zumindest eine Art von Besuch. Die 29-Jährige stand auf dem Balkon im sechsten Stock ihres Hotels im Zentrum von Kairo und schaute auf die Straße hinunter, wo ihr zwei Frauen aus einem schwarzen Auto zuwinkten. »Das sind meine Mutter und meine Tante«, erzählt die junge Frau. Wenige Sekunden später war das kurze Familienglück vorbei, die Sicherheitskräfte vor dem schweren Tor in der Einfahrt des Hotels forderten zur Weiterfahrt auf.

Yara Abdallah muss noch zwei Wochen warten, bis sie ihre Familie aus der Nähe sehen kann, denn sie ist eine von vielen Hundert Helfern bei der Weltmeisterschaft. Wie alle Beteiligten des Turniers im Großraum Kairo ist sie für den Zeitraum der Partien von der Außenwelt abgeschirmt. »Wir wussten, was auf uns alle zukommt«, sagt Abdallah. Am 9. Januar bezog sie ihr Zimmer im sechsten Stock, wurde erstmals und fortan mindestens alle 72 Stunden auf den Covid-19-Erreger getestet und begab sich in die WM-Blase. Ein paar Tage danach folgte ihr die Handballwelt.

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