»Es geht um unsere Identität«

Kultur muss durch die Verfassung geschützt werden, findet Tino Eisbrenner

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 8 Min.

Nachdem Anfang November Konzerte und andere Kulturveranstaltungen wieder verboten worden sind, gab es, anders als im ersten Corona-bedingten Lockdown, mehr Finanzhilfen für Künstler. Konnten Sie die sogenannten November- und Dezemberhilfen erfolgreich beantragen?

Das hat am Ende nach erheblichen technischen Problemen funktioniert. Für mich jedenfalls. Das Problem ist aber, dass man nicht mehr als 15 Prozent der Gewinne gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres erzielt haben darf, um als bedürftig zu gelten. Bei 15,5 oder 16 Prozent wäre ich schon raus gewesen. Also die, die dann doch noch irgendwo nen kleinen Appel und ’n Ei verdient haben, gelten alle als nicht bedürftig. Bei mir war es insofern »günstig«, als ich als Bühnenkünstler null verdient habe. Aber es gibt natürlich Leute, die zum Beispiel Musikunterricht gegeben oder etwas im Technikbereich gemacht haben. Diejenigen, die im Umfeld von Musikern und Künstlern arbeiten, also zum Beispiel Tontechnikfirmen, sind besonders schlecht dran.

Insgesamt kamen die Hilfen viel zu spät. Denn schließlich konnte man ja mehr als ein Dreivierteljahr nicht spielen - oder nur vor sehr kleinem Publikum. Und die Unterstützung, die es für zwei Monate gab, soll ja nun auch schon wieder enden, obwohl ein Ende des Lockdowns nicht abzusehen ist.

Im ersten Lockdown im Frühjahr gab es für Künstler und Soloselbstständige nur Beihilfen für laufende Betriebskosten. Für die Lebenshaltungskosten wurden sie auf Hartz IV verwiesen. Was hat das für Sie bedeutet?

Als Musiker hat man das Problem, dass man Betriebskosten nur hat, wenn man unterwegs ist. Abgesehen von den Leasingraten für den Bus, den ich brauche, wenn ich unterwegs bin. In der Überbrückungshilfe I waren die noch enthalten als Betriebskosten. Bei der zweiten Runde hat man sie rausgenommen. Mein Steuerberater riet mir darum von einem Antrag ab. Dann gab es ja ein paar Monate, in denen man irgendwie doch noch arbeiten konnte. Aber in Konzertsälen durfte immer nur maximal ein Viertel der Plätze besetzt werden. Insofern hatte man zwar das gute Gefühl, mal wieder vor Leuten zu spielen, aber man musste froh sein, wenn man nicht mehr ausgegeben als eingenommen hatte.

Haben Sie zwischenzeitlich Hartz IV beantragt?

Nein, meine Frau ist berufstätig, deshalb konnte ich das nicht machen. Ihr Einkommen wäre angerechnet worden, also war ich da raus. Ich weiß, dass um mich herum eigentlich kein Künstler das beantragt hat. Viele haben Kredite aufgenommen, ich auch. Es gab aber auch große Solidarität aus dem Fankreis.

Sie hatten eine spezielle Idee zur Finanzierung Ihres neuen Albums …

Ja, ich habe am 1. Mai 2020 den »Songland Club« gegründet. Das ist etwas zwischen Crowdfunding, Lions-Club und Fanclub. Normalerweise finanziere ich ein Album mit Verlagen und Plattenfirmen, aber zum großen Teil aus dem, was ich durch Liveauftritte verdiene. Ich war 2020 in meinem 40. Bühnenjahr und wollte nun trotz der fehlenden Auftritte mein Album »Indigo« aufnehmen. Also habe ich gesagt: 100 Leute brauchen wir, um auf eine Summe zu kommen, mit der ich das Album finanzieren kann. Die kamen auch schnell zusammen. Sie bekommen dafür monatlich Post von mir mit »Spezialitäten«, die eben nur Clubmitglieder kriegen, zum Beispiel Bootlegs von Livemitschnitten, die wir extra herstellen, Videoraritäten und so weiter.

Klingt ziemlich aufwendig …

So ist es, man muss da auch investieren, besonders eben Arbeit. Das Album »Indigo« ist dann im November auch tatsächlich herausgekommen. Und ich habe die Clubmitglieder wirklich am gesamten Produktionsprozess teilhaben lassen, mit vielen Extras, die sie zum Beispiel auf USB-Sticks bekamen. Wegen des Aufwands, der mit der Herstellung von all dem verbunden ist, habe ich die Mitgliederzahl auf 100 begrenzt, denn sonst hätte ich mein Versprechen, sie mit Bonusmaterial zu beliefern, nicht einlösen können. Viele haben mir schon jetzt geschrieben, sie bleiben auf jeden Fall auch ein zweites Jahr dabei. Das heißt, das Album, das wir jetzt aufnehmen wollen, ein Weihnachtsalbum, werden wir wieder über den Club finanzieren.

Die Lage bleibt trotzdem prekär. Denkt man da manchmal daran, den Beruf zu wechseln?

Ausgeschlossen. Aber es ist schon eine Belastung, wenn man signalisiert bekommt: »Die Künstler haben es gut, die können zu Hause bleiben und kriegen trotzdem Geld, so ein Leben möchte ich auch mal haben.« Viele haben dann die großen Stars vor Augen und ahnen nicht, dass das Gros der Künstler finanziell eben nicht klarkommt.

Die Leute denken natürlich auch: Wenn ich arbeitslos werden würde, müsste ich auch einen anderen Job annehmen, egal, ob der mir gefällt …

Was viele nicht verstehen: Man folgt einer Berufung, einem sehr selbstbestimmten Lebensplan, irgendwie am Rande jedweden Systems - mit allen Schwierigkeiten, die das mit sich bringt. Ich sage immer, es ist ein Dasein in Sinuskurven, mit Durststrecken, die man mit Einnahmen aus den besseren Phasen überbrücken muss. Wenn diese Arbeit, dieses Dasein plötzlich nicht mehr erlaubt ist, geht eine große Depression los. Das ist eine Not, die Leute mit einem »richtigen« Beruf oft nicht nachvollziehen können. Ich habe das ja schon mal erlebt, als 1990 etablierten DDR-Künstlern plötzlich der Stecker gezogen wurde. Danach war man nichts mehr und musste von vorn anfangen. Damals haben Leute in meinem Umfeld auch gesagt: Mach doch was ganz Anderes! Du könntest doch eine Imbissbude eröffnen oder so. Genau das ist für Künstler undenkbar. Die meisten haben für das, was sie tun, studiert - und eben keinen Facharbeiterberuf, in den sie mal eben zurückkehren können. Und sie würden seelisch verkümmern.

Es geht für uns Künstler eben derzeit auch um unsere Identität. Ich komme da immer mit einem Beispiel aus der indianischen Geschichte: Geronimo, der letzte Häuptling, der mit ein paar Leuten einen aussichtslosen Kampf gegen die US-Armee geführt hatte, wurde nach seiner Kapitulation in Gefangenschaft von seinem Biografen gefragt, warum er sich das jahrelang angetan hat. Er antwortete: Solange ich jeden Tag rausging und kämpfte, war ich immer noch Geronimo. Und wer bin ich jetzt?

Eine Initiative, die auch aus der Not in der Corona-Krise geboren ist, ist mit »Kultur ins Grundgesetz« überschrieben …

Ja, wir, die wir im Dezember eine Petition mit diesem Titel gestartet haben, denken, dass grundsätzlich dafür gesorgt werden muss, dass überhaupt ein Verständnis für die Bedeutung von Kunst und Kultur in einer Gesellschaft existiert und damit auch ein Verständnis für die Leistungen derer, die sie schaffen. Ich habe in den letzten Monaten Sätze gehört wie: Also Kultur brauche ich gerade gar nicht. Da sage ich: Dann mach mal das Radio aus. Es ist höchste Zeit für mehr bewusste Wertschätzung, finde ich. Die Regierung hat zwar ein paar Verbesserungen bei den Unterstützungsleistungen vorgenommen, aber grundsätzlich wird Kunst und Kultur weiter als etwas nicht »Systemrelevantes« behandelt. Und das, obwohl durchgehend Hygieneregeln wie Abstandhalten und Maskenpflicht eingehalten worden waren. Was hieß, nicht kostendeckend arbeiten zu können, aber immerhin noch präsent zu sein - wichtig für Künstler und Publikum.

Wer steckt hinter der Petition?

Wir waren insgesamt neun Personen. Als Musiker Hans-Eckardt Wenzel, Felix Meyer und ich, ansonsten Leute aus dem Theaterbereich. Die Idee ist im Theater Adlershof entstanden, seine Chefin Kathrin Schülein war eine der Initiatorinnen. Am Ende unserer Überlegungen standen die drei Forderungen der Petition: erstens den Schutz von Kunst und Kultur als Grundrecht im Grundgesetz zu verankern. Die Freiheit der Kunst ist ja darin verbrieft. Aber wenn Künstler plötzlich gar nicht mehr arbeiten dürfen, ist es ja mit der Freiheit der Kunst nicht mehr weit her. Zweitens finden wir, dass das Recht auf unbeschränkte Teilhabe aller Menschen an Kunst und Kultur in der Verfassung verankert werden muss, und drittens müssen langfristige Sicherungsinstrumente für Kulturschaffende etabliert werden, um sie vor unverschuldeten Verdienstausfällen zu schützen.

Unbeschränkte Teilhabe heißt für mich zum Beispiel, dass es sich auch Bauer Lindemann leisten kann, mit seiner ganzen Familie mal in die Staatsoper zu gehen. Ich komme aus einem Land, wo das möglich war und wo solche Sachen auch in der Verfassung verankert waren. Warum sollte das in der Bundesrepublik nicht möglich sein?

Damit die unbeschränkte Teilhabe wirklich möglich wird, müsste wohl schon im Bildungssystem angesetzt werden …

Genau. Meiner Meinung nach sollte es in der Schule nicht möglich sein, Kunst und Musik abzuwählen. Sie sollten doch jedem nahegebracht werden, damit auch bei Leuten, die zu Hause nicht damit aufwachsen, ein Bewusstsein für und Bedürfnis nach Kunst und Kultur entstehen kann, auch nach der sogenannten Hochkultur. Die ist doch heute vor allem etwas für bestimmte Eliten.

Damit der Petitionsausschuss des Bundestages sich mit Ihren Forderungen befassen muss, brauchen Sie mindestens 50 000 Unterschriften. Wie lange haben Sie noch Zeit, die zu sammeln?

Ursprünglich sollte sie bis zum 30. Januar laufen, aber jetzt konnten wir erreichen, dass die Zeichnungsfrist auf der Plattform Open Petition bis Mitte Juni verlängert wird.

Wie wollen Sie trotz Lockdown mehr Unterstützer gewinnen?

Unsere große Chance ist, dass viele verstehen, dass das wirklich jeden angeht. Dass jeder Mensch mit Kunst und Kultur zu tun hat. Wir sind ständig umgeben von Musik, von Filmen, Büchern. Auch das Design unserer Möbel und Kleider musste erst einmal von einem Künstler entworfen werden. Das versuchen wir ein bisschen ins Bewusstsein zu bringen. Gerade in den letzten Tagen hat sich schon eine Dynamik entwickelt, die Zahl der Unterzeichner stieg, auch nach einem Interview von Kathrin Schülein im rbb-Kulturradio, innerhalb weniger Tage von 10 000 auf über 19 000.

Das Aktionsbündnis der Kulturveranstalter, »Alarmstufe rot«, hat jetzt signalisiert, uns zu unterstützen. Das wäre ein großer Schritt. Da scheint jetzt, im neuen Jahr, etwas in Bewegung zu kommen, und das stimmt uns optimistisch. Kulturvolles Miteinander existiert nur in einer Gesellschaft voller Kultur.

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