Jenseits der Kommando-Brücke

Arbeit und Hierarchie im Universum: Die neue Serie »Star Trek: Lower Decks«

  • Von Florian Schmid
  • Lesedauer: 7 Min.

In Sachen »Star Trek« herrscht beim US-amerikanischen Fernsehsender CBS nach wie vor Goldgräberstimmung. In den vergangenen 55 Jahren hat der Konzern, der mittlerweile auch sein eigenes Streaming-Portal betreibt, zehn Star-Trek-Serien produziert und ist über die Rechte auch an allen 13 Kinofilmen dieser erfolgreichen popkulturellen Produktlinie beteiligt. Mit »Strange New Worlds«, »Prodigy« und einem noch nicht betitelten Spin-off von »Star Trek: Discovery« über die ominöse Geheimdienstabteilung »Section 31« sind gerade drei neue Serien konkret in Planung. Für die jüngsten Formate »Picard« und »Star Trek: Discovery« wurden neue Staffeln geordert, und CBS ist heftig am Verhandeln mit weiteren Streamingdiensten, um die »Star Trek«-Produkte weltweit gewinnbringend und flächendeckend zu verkaufen.

Die globale Vermarktung von »Star Trek« war schon von jeher ein wichtiger Aspekt. Die Originalserie der 1960er, die nach zwei Staffeln abgesetzt wurde, verkaufte CBS vergleichsweise günstig an Fernsehsender weltweit, was unter anderem für den globalen Erfolg der Serie verantwortlich ist. Das neueste Produkt »Star Trek: Lower Decks« ist nun auch in Deutschland auf Amazon Prime zu sehen. Es ist die zweite Animationsserie aus dem »Star Trek«-Universum, wobei die erste Zeichentrickserie (1973-74) lediglich die Original-Enterprise-Serie der 1960er formal wie inhaltlich fortführte, inklusive der Schauspieler als Sprecher (und auch der deutschen Synchronisationsstimmen).

Dagegen bietet die explizit für ein erwachsenes Publikum produzierte Animationsserie »Star Trek: Lower Decks« eine ganz eigenständige Geschichte. Im Zentrum der zehnteiligen Satire steht das Raumschiff »Cerritos«, benannt nach einem unbedeutenden Ort im Großraum Los Angeles. Die »Cerritos« ist für die sogenannten Zweitkontakte zuständig. Also nachdem bedeutende Vertreter von Sternenflotte und Föderation den sagenumwobenen Erstkontakt zu irgendwelchen Alien-Welten hergestellt haben, tritt die »Cerritos« quasi als bürokratische Nachhut auf den Plan, bringt Verträge zur Unterzeichnung vorbei oder liefert technologisches Equipment. Die zentralen Hauptfiguren der Serie sind vier junge, in Ausbildung befindliche Fähnriche, die auf der »Cerritos« auf den Titel gebenden »Lower Decks« arbeiten, also weit entfernt von der Kommando-Brücke oder dem Maschinenraum mit seinem Warp-Kern, wo sich Offiziere und andere wichtige Personen herumtreiben, die sonst im Fokus aller »Star Trek«-Produktionen stehen. Neben dem Streber Boimler, der vom Orion stammenden und die Föderation anhimmelnden D’Vna ist da noch der mit Implantaten ausgestattete Technik-Nerd Rutherford und die jede Regel brechende Mariner.

»Star Trek: Lower Decks« hat das, was die oft moralinsauer daherkommenden anderen Produktionen des »Star Trek«-Universums stets vermissen lassen: Selbstironie. Die Folgen leben vor allem davon, bekannte Charaktere und erzählerische Elemente aus den bisherigen Filmen und Serien gekonnt zu karikieren. Das beginnt schon bei der Raumaufteilung in den »Lower Decks«. Denn statt geräumiger Quartiere, in denen Data klassische Musik hört oder Jena-Luc Picard zu einer stimmungsvollen Rumba herumtänzelt, wohnen die Fähnriche in Sammelunterkünften, die fast an Hühnerställe erinnern. Dort wird in einem fort über die Vorgesetzten hergezogen und fleißig Alien-Hartalkohol gesoffen. Auch die sonst sakrosankte »Oberste Direktive«, sich nicht in die innere und natürliche Entwicklung fremder Zivilisationen einzumischen, wird in »Star Trek: Lower Decks« munter gebrochen - vor allem von der jungen Mariner, die, ohne dass es jemand auf dem Schiff weiß, die Tochter der Schwarzen Kapitänin Freeman ist.

Die »Cerritos« stolpert dabei von einem absurden Abenteuer ins nächste, wo auch mal (wohlgemerkt animiert) splattermäßig das Blut spritzt oder Alien-Zombies das Schiff entern. Das allmächtige Wesen »Q« hat ebenso einen Gastauftritt wie der mit Deanna Troi schleimig herumschäkernde Riker von der Enterprise. Der Fokus bleibt aber klar auf den vier Anti-Helden aus den unteren Decks, die unter anderem das Holo-Deck schrubben müssen oder stundenlang stupide Programmchips auswechseln. Nicht selten wird die Technik sabotiert, um sich die Arbeit zu erleichtern, oft wird aber einfach nur alles falsch gemacht. Mit den sonst so strebsamen Fähnrichen, die in anderen »Star Trek«-Serien oder -Filmen zu sehen sind, haben diese vier Chaoten nichts gemein.

Inspiriert wurde die Serie, für die sich mit Mike McMahan auch einer der Köpfe der Netflix-Animationsserie »Rick and Morty« verantwortlich zeichnet, durch eine Folge von »Star Trek - Die nächste Generation« (1987-1994). In einer Episode der siebten und letzten Staffel von 1994, im englischen Original ebenfalls »Lower Decks« betitelt, wird die Geschichte von vier Fähnrichen erzählt, die um ihre »Beförderung« bangen, wie der deutsche Titel der Folge heißt. Erzählt wird aus Sicht der Fähnriche, die sich eher hilflos an den steilen Hierarchien der Enterprise abarbeiten, wobei am Ende das freundschaftliche Verhältnis von Vorgesetzten zu Untergebenen als sinnstiftendes und einheitsförderndes Element steht. Die Folge könnte auch gut in einem Management-Seminar für Führungskräfte zur Illustration einer persönlich gestalteten Beziehung vom Chef zum Angestellten im Sinne zeitgemäßer Hierarchien eingesetzt werden. Überhaupt stellt sich in einer ideologiekritischen Lese des »Star Trek«-Universums, das vielen vor allem im akademischen Betrieb (aber bei weitem nicht allen) als quasi-sozialistische Utopie gilt, die Frage, wie Arbeit und Hierarchien verhandelt werden.

Denn die kapitalismuskritische Lesart von »Star Trek« bezieht sich zumeist auf eine Szene aus dem Film »Der erste Kontakt« (1996), in der Jean-Luc Picard nach einem Zeitsprung einer Person aus dem 21. Jahrhundert erklärt, es gebe in seiner Zeit - im 24. Jahrhundert - kein Geld mehr. Gearbeitet werde nur, um sich selbst zu verwirklichen oder zu vervollkommnen. Konkreter wurde es in Sachen Antikapitalismus im Laufe der 55 Jahre, seit es »Star Trek« gibt, im Grunde nicht. Eine Ausnahme bildet da noch eine erst jüngst erstmals versendete Folge von »Star Trek: Discovery«, in der ein weiblicher Bösewicht vom Orion dem Föderationsoberhaupt bei Verhandlungen arg zusetzt, doch endlich zuzugeben, dass es kapitalistische Wertschöpfung gebe und die Föderation damit kein Problem habe, was dann auch nicht verneint wird. In allen Serien ist klar, dass die unter Umständen quasi-sozialistische Föderation immer mit einem kapitalistischen Außen konfrontiert wird. Vom harmlosen Tribble-Händler in der Original-Serie der 1960er über die Ferengi in der Serie »Deep Space Nine« bis hin zum Ausverkauf eines ganzen Planeten im Kinofilm »Der Aufstand«, ganz zu schweigen von Captain Janeway, die in der Serie »Voyager« mit ihrem Raumschiff wie mit einem Krämerladen durch den Delta-Quadranten fliegt und geschäftstüchtig Teile davon im Tausch gegen Energie und Wegzoll veräußert.

Insofern lässt sich anhand dessen, wie Arbeit und Hierarchien - zentrale Elemente in der »Star Trek«-Erzählung - in »Star Trek: Lower Decks« verhandelt werden, weitaus konkreter eine herrschaftskritische Analyse vornehmen. Und da scheint das »Star Trek«-Universum, vor allem die stilprägende Serie »Star Trek - Die nächste Generation« keineswegs ein herrschaftsfreier Raum geschweige denn ein emanzipatorisches Projekt zu sein. Das wird vor allem auch in den Folgen um die Person Reginald Barley deutlich, eines Crew-Mitglieds der Enterprise dessen Nicht-Funktionieren in den Arbeitshierarchien eine regelrechte Pathologisierung erlebt und ein Stück weit so aufgelöst wird, dass diese Konflikte therapierbar seien.

Das »Sich-Vervollkommnen« und »Sich-Verwirklichen« in der Arbeit kann eben auch als neoliberales Mantra gelesen werden, das aus den 1990er Jahren stammt und nicht von ungefähr damals Einzug ins »Star Trek«-Universum hielt. Die militärisch anmutenden Hierarchien haben natürlich auch etwas damit zu tun, dass die ursprüngliche »Star Trek«-Erzählung aus der Hochzeit des Fordismus und des Kalten Krieges stammt, entwickelt von einem ehemaligen Luftwaffenpiloten und Polizeibeamten. Deswegen gab es auch schon immer neben der Betonung der wissenschaftlichen Mission eine militärische Komponente, ähnlich wie bei der Dual-Use-Ausrichtung aktueller Nasa-Programme.

Eine ironische Brechung dieses oft so moralisch aufgeladene Narrativs, fehlte bisher vollkommen. »Star Trek: Lower Decks« füllt endlich eine Lücke und beschädigt bei aller popkulturell großartig inszenierten Kritik am Moralkodex von Sternenflotte und Föderation auch für begeisterte Trekkies den Kultcharakter des »Star Trek«-Universums in keinster Weise.

»Star Trek: Lower Decks« auf Amazon Prime.

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