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»Ich kann kein Mathe!«

Sechs nd-Redakteure und Redakteurinnen erzählen, wie ihnen und ihren Kindern das Homeschooling gelingt

  • Lesedauer: 17 Min.
Homeschooling: »Ich kann kein Mathe!«

Milchreis geht immer - Schulanfang in der Pandemie

Das erste Schuljahr und dann gleich mit Coronapandemie? »Die armen Kinder«, sagen die Großeltern. »Ist es sehr schwer?« Wenn die wüssten. Mal ehrlich: Für Schulanfänger*innen ist es doch erst mal viel übersichtlicher, wenn sie sich nicht gleich durch die Massen von »Großen« durchboxen müssen. Immer Platz zum Spielen auf dem Schulhof, immer ein Platz beim Mittagessen. Masken tragen im Schulhaus, Händewaschen – klappt alles soweit. Schulanfang in der Pandemie: In unserem Fall zum Glück kein Drama. Eine Herausforderung. Aber die ist es vor allem für die Eltern: Was läuft da in der Schule? Wie sieht der Klassenraum aus? Stehen die Fenster ständig offen? Muss man das Kind wärmer anziehen? Selbiges interessieren diese Fragen natürlich eher wenig. Das überlegt, in wen es gerade verknallt ist und ob es die heimlich von Mitschüler*innen verteilte Caprisonne nun mag oder nicht. Die Kinder sind eben schlauer als wir. Dazu passt auch: »Mama, wenn du mich hochbringst, musst du dir eine Maske aufsetzen!« – Genervte Ansage, während ich, halb in der Tür zum Schulgebäude, noch in der Jackentasche nestele. Die Horterzieher*innen bei ihrer Pausenzigarette, die Einwegmaske lässig unterm Kinn, grinsen.

Homeschooling: »Ich kann kein Mathe!«

Als Mitte Dezember die Schulschließung kam, waren wir vor allem eins: unvorbereitet. Nach drei Wochen Mix aus Notbetreuung und Homeschooling mit mindestens zwei, manchmal vier Erstklässler*innen ist mein Respekt für die Lehrkräfte wieder gewachsen. Der berühmte Sack Flöhe, so sieht er also aus. Und das ist nur ein Bruchteil der 21 Kids in der ersten Klasse der Neuköllner Grundschule. Es ist also anstrengend, und ich muss manchmal strenger sein, als ich eigentlich will. Zum Glück gibt es zum Wohle aller Pfannkuchen und Nudeln, auch Milchreis geht eigentlich immer.

Arbeiten kann ich dabei nicht, mal ein kurzes Telefonat, eine E-Mail schreiben, das ja. Aber schon bei der Sitzung per Videokonferenz steige ich aus. Das war mein Lerneffekt aus dem Frühjahrs-Lockdown, als das Kind sieben Wochen zu Hause blieb, weil die Kita geschlossen und mein Beruf noch nicht »systemrelevant« war. Dass wir die Absprachen in der Kleinfamilie in der Zeit noch managen konnten, ohne uns ständig anzuschreien, war damals schon überraschend. Ich denke, uns war schnell klar, dass es nur so gehen kann, und so fuhren wir die Eskalationskapazitäten herunter. Es klappt jetzt auch noch recht gut, da sich eine Gruppe Eltern regelmäßig per Zoom trifft, um zu klären, wo man Betreuungsengpässe abfedern kann. Auch die kinderlosen Freund*innen versuchen was. Die mit Kindern sind gestresster als wir. Wenn man sich bloß nicht die ganze Zeit im Kreis der Kleinfamilie drehte. Für das Homeoffice gibt es zum Glück noch einen Ausweichraum.

Ich war vor allem überrascht, was das Kind alles schon kann. Da es keine Elterngespräche gab seit der Einschulung, war mir, abgesehen vom Blick in die Schulhefter, weitestgehend unklar, wie der Wissensstand ist, und ob das Kind in der Lage ist, die Aufgaben selbstständig auszuführen. Das ist es. Nicht immer mit größter Begeisterung und manchmal abgelenkt. Aber doch mit Spaß. Erkenntnisgewinn: Eine knappe halbe Stunde reicht die Konzentration, dann muss eine Pause her. Beim Rechnen am besten die Aufgaben aufschreiben lassen, das übt die Zahlen. Auf dem alten Pad einer guten Freundin tippt es sich durch die Aufgaben in der Lern-App schneller, als ich gucken kann. Zum Glück ist aber auch hier nach einer halben Stunde die Luft raus.

Von den Lehrer*innen kommen die Mitteilungen nur spärlich, mal ein Anruf, mal ein Hinweis auf die Aufgaben, die auf der Plattform zu finden sind. Das Prinzip Lernbrücke sieht vor, dass die Klassenlehrerin alle Kinder in Kleinstgruppen regelmäßig zum Präsenzunterricht in der Schule trifft. Das finde ich gut und gerecht. Ich erkläre mir die dünne Informationslage damit, dass sie zusätzlich noch zu allen Eltern Kontakt halten muss. Wir versuchen derweil, ein paar Kinder pandemiegerecht zusammenzuhalten, denn wichtiger als die Abgabe von Lösungen erfüllter Aufgaben scheint mir der soziale Kontakt. Dass Kinder, die nur mit ihren Eltern sind, die Aushandlungsprozesse untereinander verlernen, macht mir mehr Sorgen, als dass sie die Lernziele nicht erreichen könnten. Claudia Krieg

Nicht schon wieder! Als die Schule wieder geschlossen wurde, bekamen wir richtig schlechte Laune

Der Stundenplan von Malil hängt am Kühlschrank. Eigentlich beginnt montags die Woche mit zwei Stunden Sport und endet freitags mit Mathe bei seiner Klassenlehrerin Frau Carstensen. Aber fast kommt mir das vor wie aus einer anderen Zeit. Jetzt macht er schon wieder seit Wochen seine Aufgaben zu Hause. Dutzende Arbeitsblätter hat er bereits vollgeschrieben und fristgerecht abgegeben. Schule hat für den Zehnjährigen wieder den Charakter von Hausaufgaben machen. Oft sitzt er dafür an seinem Lieblingsplatz vor dem Ofen; manchmal geht er auch in die Notbetreuung. Viel los ist da nicht. Gestern waren sieben Kinder in seiner Gruppe, erzählte Malil. Dann füllt er halt dort seine Zettel aus. Nur für Englisch und Sachunterricht arbeitet er inzwischen am Computer, was auch nicht viel interessanter ist. Immerhin ist in der Notbetreuung seine Klassenlehrerin da, die er Carsti nennen darf. Manchmal scheint es mir, als bräuchte er ihre Anwesenheit, um lernen zu können.

Als ich ihm Anfang Januar erzählte, dass er nach den Ferien wieder Homeschooling machen muss, war er niedergeschlagen. »Ich lerne da doch sowieso nichts«, meinte er. Ich widersprach ihm nicht, weil ich das auch dachte. An den Tagen danach waren wir beide frustriert und gereizt. Die Gedanken an den ersten Lockdown kamen wieder hoch, der sich im Nachhinein wie eine Leidenszeit anfühlt.

Homeschooling: »Ich kann kein Mathe!«

Oft dachte ich, alle anderen Eltern können ihre Kinder beim Homeschooling besser begleiten als ich. Jeden Tag musste sich Malil durch die lose Blättersammlung wursteln, löste Hunderte von Matheaufgaben und schrieb Dutzende Nonsenssätze für Deutsch auf, hinkte aber trotzdem hinterher und hatte das Gefühl, es nicht zu schaffen. Ich konnte ihn dabei kaum unterstützen. Irgendwann habe ich dann aufgehört, ihn anzuspornen. Innerlich haben wir wohl beide das Halbjahr gecancelt. Wenn seine jüngere Schwester zu Hause war, dann war an Schulaufgaben sowieso nicht mehr zu denken, weil Norina meine volle Aufmerksamkeit verlangte. Wir berichteten im »nd« oft davon, dass den Kindern in vielen Familien der ruhige Platz fürs Homeschooling fehle. So war es auch bei uns.

Vormittags war die Vierjährige meistens bei mir, ihr Kindergarten hatte ja auch geschlossen. Ich diskutierte dann im Chat mit der Redaktion die Themen des Tages, und nicht selten saß Norina auf meinem Schoß. Dass Kinderbetreuung und Homeoffice nicht gleichzeitig klappen, davon sprachen alle. Den Beweis dafür hatte ich schon nach wenigen Tagen, als ein voller Kaffeebecher auf die Tastatur des Dienstlaptops kippte und das Gerät schrottete. Ich trug es mit Fassung.

Jetzt ist die Situation mit der im Frühjahr allerdings nicht zu vergleichen. In Hessen gibt es zwar eindringliche Appelle, die jüngeren Kinder zu Hause zu lassen; aber auch Eltern, die nicht in »systemrelevanten« Berufen arbeiten, dürfen ihre Kinder in die Notbetreuung bringen. Das entlastet sie natürlich, und emotionale Schieflagen zu Hause können eher vermieden werden.

Norina bringe ich fast immer in die Kita, wo nur wenige Kinder sind. Endlich haben die Erzieherinnen genügend Zeit für alle anwesenden Kinder. Das ist sonst selten. Die Pandemie ist zwar ganz nah, aber trotzdem weit weg von den Kleinen in der Wurzelgruppe. Am Dienstag hat Norina dort ihren Geburtstag gefeiert. Zu Hause konnte sie das noch nicht. Wegen Corona. Aber die Party mit ihren Freundinnen Lotte, Lia und Mathilda werden wir nachholen, sagte ich ihr. Irgendwann einmal. Stefan Otto

Der tägliche Wahnsinn: Ein Papa zwischen Prozentrechnung und Textredigat

»Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.« Dieser Satz wird dem Physiker Albert Einstein zugeschrieben – er beschreibt die Situation an den Berliner Schulen zur Zeit gut. Die hat zwar weniger mit Einstein, dafür aber viel mit Wahnsinn zu tun.

Als mein Sohn im Frühjahr 2020 erstmals zu Hause »unterrichtet« wurde, ist den Lehrern einer örtlichen Grundschule im Bezirk Pankow nichts Besseres eingefallen, als ihn mit Aufgabenzetteln praktisch zuzuschmeißen. Der Elfjährige war überfordert, kam mit dem Stoff nur schwer hinterher – verständlicherweise, denn Kinder in seinem Alter können sich Arbeit kaum richtig einteilen. Nachmittags Fußballspielen mit den Freunden ging übrigens auch nicht, weil Spielplätze und Sportstätten gesperrt waren. Trotz schönem Wetter waren Playstation und TikTok seine besten Freunde.

Homeschooling: »Ich kann kein Mathe!«

Inzwischen ist der Sohn zwölf Jahre alt und geht in die 7. Klasse einer weiterführenden Schule für Sport. Auch jetzt kämpft der angehende Teenager mal mehr, mal weniger mit einem Haufen Aufgaben. Dieses Mal aber sind es nicht gefühlt 10 000 Arbeitsblätter; die Aufgaben werden ihm digital übermittelt. Via Internetplattform gibt es regelmäßig ein Feedback zu den abgelieferten Aufgaben – so fortschrittlich ist die Bundeshauptstadt Anfang 2021 schon. Pädagogische Anleitung? Alle paar Tage trifft sich seine Klasse in einem Chatraum mit dem Klassen- oder einem der Fachlehrer. Viel mehr ist nicht. Hinzu kommt das tägliche Training: Treppenläufe, Kraftübungen, Joggen. Zweimal in der Woche ist Hallentraining.

Dieses Mal allerdings sitzt sein Papa ihm gegenüber oder ein Stockwerk tiefer am Esstisch – wenn er nicht in der Redaktion gebraucht wird. Mama schiebt weiter 40 Stunden pro Woche Dienst in einer Kita in Mitte. Zwischen redaktioneller Arbeit immer wieder die Frage: »Papa, ich kapier’ das nicht. Papa, was soll das heißen? Kannst du mal kommen.« Das bringt auch den nervenstärksten Redakteur irgendwann aus der Fassung, zumal der zwischen Mittagessen machen und Textbeiträge redigieren auch noch darauf achten muss, dass die Prozentrechnung hinhaut.

Zum Glück ist die fünfjährige Tochter in der »Notbetreuung« bis 16 Uhr (Corona-Öffnungszeiten!) in der Kita untergebracht. Sie braucht viel Aufmerksamkeit – normal für das Alter. Somit ist es Papa nur eingeschränkt möglich, nach der Arbeit mit dem Sohn zusammenzukommen und Schulaufgaben zu machen. Zumal es nach einem Arbeitstag auch irgendwann mit der Konzentration Essig ist. Christian Klemm

Selbst ist der Schüler. Ein Vater hält sich raus

Es gibt Eltern und Kinder, die darunter leiden, dass die Schulen geschlossen sind. Das ist mir bekannt. Aber ich weiß es nicht aus eigener Erfahrung, sondern weil ich einige Lehrerinnen und auch Väter und Mütter kenne. Manche Eltern von Erst- oder Zweitklässlern wünschen sich offensichtlich, sie könnten ihre Kinder einfach vor einen Computerbildschirm setzen, und den Rest erledigt die Lehrerin. So geht das bei kleinen Kindern aber nicht.

Mein Sohn ist allerdings groß in jeder Beziehung, misst 1,91 Meter und ist 17 Jahre alt, besucht die 12. Klasse eines Gymnasiums. Da klappt es mit dem Videounterricht ziemlich reibungslos, soweit ich das beurteilen kann. Zu tun habe ich damit nichts. Ich höre nur ab und zu, der für den Videounterricht vorgesehene Lernraum Berlin funktioniert wieder mal nicht, und der Kurs weicht auf einen kommerziellen Anbieter von Videokonferenzen aus.

Neulich sollte ich für eine Lehrerin eine Bestätigung unterschreiben, dass diese mit den Schülern mit einer bestimmten App arbeiten darf. Da ging es um Bedenken wegen des Datenschutzes. Ich habe mir das aber nicht genau durchgelesen. Mein Sohn hatte es selbst geprüft und entschieden, bevor er mir das Blatt zur Unterschrift vorlegte. Ich verlasse mich da ganz auf ihn. Er ist bereits als Grundschüler sehr selbstständig gewesen. Hausaufgaben habe ich nie kontrolliert. Nur an zwei Ausnahmen kann ich mich erinnern: In der 4. und 5. Klasse habe ich mal testweise seine Buchvorstellungen angehört, und zu Beginn der 7. Klasse habe ich Französisch-Vokabeln abgehört, obwohl ich gar kein Französisch beherrsche. Erst seit damals kann ich auf Französisch sagen, wie ich heiße.

Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 gab es anfangs Probleme mit dem Wlan, und auf dem Computer meines Sohns war die Tonqualität beim Videounterricht schlecht, sodass er manchmal meinen Laptop ausborgte, den ich für die Arbeit eigentlich selbst benötigte. Inzwischen sind alle Rechner verkabelt, und er hat sich von seinem Geld einen eigenen Laptop gekauft. Seitdem gibt es keine technischen Probleme mehr. Sowieso sind die Zeugnisse meines Sohnes hervorragend. Da muss ich mir also keinerlei Sorgen machen.

Deutschland hat ein mangelhaftes, ungerechtes Bildungssystem. Aber das entbindet Eltern und Schüler nicht von ihrer Verantwortung, mit eigenen Anstrengungen das Beste daraus zu machen. Auch in Staaten mit besserem Bildungswesen muss am Ende der Schüler lernen wollen. Selbst ist der Mann, lautet eine Redewendung aus der Heimwerkersprache. Hier gilt: Selbst ist der Schüler. Das habe ich versucht, meinem Sohn von klein auf einzuschärfen. So hat das bereits mein Vater mit mir getan. Der hatte übrigens kein Abitur und sagte mir und meinem Bruder immer: »Ich kann euch den Stoff nicht erklären. Ihr müsst in der Schule aufpassen.« Das hat sich ausgezahlt – nun auch in der nächsten Generation. Vielleicht hatte ich aber auch einfach nur Glück mit meinem begabten Sohn. Ich weiß es nicht.

Eine mir bekannte Lehrerin unterrichtet jetzt eine kleine Gruppe benachteiligter Kinder, die weiter in die Schule kommen dürfen. Bei einer solchen intensiven Förderung machen diese Kinder gute Fortschritte. Neulich wollten sie nicht einmal Pause machen, weil ihnen das Lernen so viel Freude bereitete. Bei gewöhnlichem Unterricht in der Klasse wäre dies so nicht möglich. Für diese Kinder wäre es vermutlich gut, wenn der Lockdown noch lange anhält. Andreas Fritsche

Zwischen Heulorgie und Wutanfall - Wie Homeschooling unsolidarisch macht

Seit neuestem heißt es nicht mehr Homeschooling, sondern »Schulisch angeleitetes Lernen zu Hause« – kurz saLzH. Nach drei Wochen salzH im neuen Jahr fällt mir dazu nur Zynismus ein: Schulische Anleitung in der Klasse meiner Tochter bedeutet im Kern: eine Videokonferenz am Montag – da wird der Wochenplan vorgestellt – und eine am Donnerstag, da wird ein Teil der Ergebnisse abgefragt. Das sind pro Woche immerhin zwei direkte Lehrerinnenkontakte mehr als im Frühjahr. Am Hauptproblem ändert das nichts: Alles dazwischen, die Betreuung des Lernprozesses, bleibt an uns Eltern hängen.

Wenn Politik, Schulen und Kitas den dringlichen Appell an die Eltern richten, wo »irgend möglich«, die Kinder zu Hause zu lassen, dann bedeutet das bei mir: Ein Grundschulkind und ein Kitakind wollen betreut werden. Mein Partner und ich wechseln uns jede Woche ab: mal ich, mal er drei Tage Kinderdienst. Unsere Arbeitgeber haben dafür Verständnis, wenigstens müssen wir uns keine Sorgen um unsere finanzielle Lage machen. Viele Familien trifft es viel schwerer. Was das bedeutet, mag ich mir nicht ausmalen. Ich finde es schon schwer genug.

Wie sehr ich die Eltern beneide, deren Kinder ihre Aufgaben ganz allein bearbeiten! Unsere siebenjährige Tochter ist vom selbstständigen Arbeiten weit entfernt. Und eine Seite im Zahlenbuch endet schon nach den ersten fünf Minuten »Verdoppeln und Halbieren« in einer Heulorgie. »Ich kann kein Mathe!« – wo auch immer die Tochter, die noch am Anfang der ersten Klasse zu Hause begeistert nach mehr Kopfrechenaufgaben verlangt hatte, nach anderthalb Jahren Schule diese Einsicht her hat. Angebote, wir könnten ihre Lehrerin, die sie eigentlich mag, im Chat um Hilfe bitten, werden mit noch lauterem Aufheulen beantwortet.

Diese Woche mussten die Kinder selbst ausgedachte Geschichten überarbeiten. Am Ende soll daraus ein Buch werden. Doch die Tochter will nicht, dass andere ihre Geschichte lesen, erklärt sie (schon wieder unter Tränen). Auf keinen Fall wolle sie berühmt werden! Was mit Abstand vielleicht süß klingt, raubt einem in dem Moment den Nerv, auch, weil ja Kind Nummer zwei einem zeitgleich am Hemd zuppelt. Klar ist, so einen Auftritt würde sie in der Schule nie hinlegen. Aber was nützt diese Feststellung? Gerade deshalb ist es ja gut, dass ausgebildetes Personal den Job übernimmt. Wir haben der Klassenlehrerin vorgeschlagen, eine Videostandleitung zu den Kindern einzurichten. Wie im echten Unterricht könnte dann jede Frage, die auftaucht, sofort an sie adressiert werden. Doch sie hat abgelehnt.

Wir probieren einiges aus, um das Zuhauselernen zu erleichtern, ein Tandem funktioniert ganz gut. Die Tochter lernt dann mit ihrer Schulfreundin zusammen. Anders als erhofft, werden die Fragen an die Eltern dadurch auch nicht weniger, aber der Spaßfaktor ist spürbar größer. Nachteil ist das schlechte Gewissen, dass wir damit das Ansteckungsrisiko erhöhen. Und die Vierjährige wehklagt nun täglich, sie habe ihre Kita-Freunde auch schon lange nicht mehr gesehen. Seit 19. Dezember nämlich. »Wirklich ungerecht!«

Ich gestehe: Bis vor kurzem wünschte ich, die Kultusminister mögen standhaft bleiben mit ihrem Kurs, Schulen und Kitas offen zu halten. Ausgerechnet denen, die die Misere durch monatelange Untätigkeit mit verursacht haben, drückte ich die Daumen. Statt dessen ertappte ich – seit 20 Jahren Gewerkschaftsmitglied und frühere Gewerkschaftsredakteurin – mich dabei, wie mir die Gesundheitsinteressen der Lehrer und Erzieher piepegal wurden. Hauptsache die Einrichtungen bleiben offen! Die Belastung entsolidarisiert. Dabei ist unsere Grundschule bestimmt gar nicht besonders unfähig. Vielmehr ist alles, was jetzt besser läuft als im Frühjahr, im Prinzip das, was Lehrer und Eltern ehrenamtlich in einem Jahr zusammenstricken konnten. Versagt hat die Bildungsverwaltung, von der fast nichts kommt außer abstrakten Regeln. Und jede Schule bzw. jede Klasse muss sehen, wie sie die didaktisch umsetzt.

Am Ende kommen wir irgendwie klar. Wir sind privilegiert. Haben zudem noch die Sicherheit, dass unsere Mitbewohner in der WG, wenn gar nichts mehr geht, einspringen würden. Aber in Wahrheit müsste es »Elterlich angeleitetes Lernen« heißen – kurz Egel. Oder eben Homeschooling. Das trifft es doch besser. Und Homeschooling ist Mist. Ines Wallrodt

Als Lehrer eine Fehlbesetzung. Versuchen wir das Unmögliche

Dafür fehlt mir vielleicht ein Gen: Lehrer zu sein, habe ich mir nie gewünscht. Überhaupt beschränkt sich mein Interesse an schulischen Angelegenheiten auf das Notwendige, mit Elternversammlungen konnte man mich stets nur schwer locken. Diese leichte Ignoranz korrespondierte ganz gut mit dem schwachen Mitteilungsbedürfnis des mittlerweile Zwölfjährigen zu seinem Schulalltag. Wie war es heute? Ähm, schulisch. Was habt ihr Neues gelernt? Ähm, schulische Dinge. Alles Weitere musste ich meinem Sohn nach überlangen Schultagen »aus der Nase ziehen«. Dabei geht er doch gern in seine multikulturell aufgestellte Europa-Schule – zum Lernen und erst recht, um seine Freunde zu treffen. Und auch ich habe wegen der engagierten Pädagogen dort, des freundlichen Klimas und des Geistes, der an dem Haus herrscht, das einmal den Namen der Che-Mitkämpferin Tamara Bunke trug, ein gutes Gefühl. Kinder lernen dort etwas, sind gut aufgehoben.

Homeschooling: »Ich kann kein Mathe!«

Der Frühling rückte an, Corona zog herauf, und wir alle werden seitdem wie Klippschüler behandelt und beschimpfen uns gegenseitig mit viel neuem Vokabular und steiler Lernkurve. Das eigentliche Bildungswesen hingegen stürzte mit dem Lockdown ab wie ein Windows-PC im 20. Jahrhundert. Das Positive dabei vorneweg: Der Schul-Blackout war aus Sicht des Filius zunächst keine Katastrophe, sondern eher wie ein unbefristetes Hitzefrei. Coronaferien, juhu! Viel Unterricht fand dann trotz etwas Normalisierung bis zu den echten Ferien im Sommer auch nicht mehr statt. Das Leben war entschleunigt: Das frühe Aufstehen, das gehetzte Frühstück, die ganze Antreiberei, damit das verpeilte Kind in die Gänge und trotz des weiten Schulwegs und der BVG halbwegs pünktlich aufschlägt, habe auch ich nicht übermäßig vermisst.

Seit dem Herbst wehte ein anderer Wind: Per Gewaltmarsch sollte aufgeholt werden. Schließlich steht die Auslese fürs Gymnasium bevor. Das Hausaufgabenpensum wurde enorm: Lange Vorträge waren zu entwerfen, Bücher zu besprechen, Plakate zu gestalten. Die Sache wuchs sich immer mehr auch zu einer Elternbeschäftigungstherapie aus. Meine Nerven lagen bald blank. Zum Glück gibt es noch die andere Teilzeit-Alleinerziehende, mit mehr Geduld und Enthusiasmus für die großen Aufgaben gesegnet.

Immerhin habe ich mehr Glück als viele andere hierzulande. Meine Arbeit gibt es noch, und ich kann sie gut am eigenen Schreibtisch erledigen. Das Equipment, dass der zeitgemäße Betrieb der Privatschule erfordert, ist vorhanden: Drucker, Scanner, ein zweiter PC. Und mein einziger Schüler tut wirklich sein Bestes. Doch mit den neuerlichen Schulschließungen ist der Spaß echt vorbei. Während das halbe Land in Zoom-Konferenzen hockt, schleppt sich die Bildung immer noch ins Neuland Internet. Echte Stoffvermittlung fällt weitgehend aus. Zwar weiß ich mittlerweile wieder etwas besser über die menschlichen Atemwege, die alten Römer und den Winterschlaf der Tiere Bescheid – doch der Job, den ich nie wollte, ist mit einer Hand nicht zu bewältigen. Und der richtige, der vorgeht, auch nicht. Also bleibt die Tür oft zu, bekocht den kleinen Coronastreber mittags die Mikrowelle.

Vom Bildungsfiasko bekommen alle was am Kopf. Unterricht per Glotze, war das nicht vielleicht doch toll? Vielleicht setze ich meinem Sohn als Nächstes den DDR-Fernsehkurs »English for you« vor, da lernt er auch gleich noch was über Marx und Engels. Das größte Übel aber sind die seiner Generation gekappten sozialen Kontakte. Willst du lieber wieder in die Schule? Ja. Warum? Weil es langweilig wird! Peter Steiniger

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