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Ein langes Beschweigen

Die Gewerkschaft GEW arbeitet ihre NS-Vergangenheit auf.

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 3 Min.

Wie fast alle deutschen Institutionen hat auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft dunkle Flecken in ihrer Geschichte. Das unrühmliche Kapitel der Unvereinbarkeitsbeschlüsse in der Zeit des Radikalenerlasses von 1972, der fast ausschließlich politisch links stehenden Lehrkräften Berufsverbote bescherte, ist nur eines davon. Im Zuge von dessen Aufarbeitung hätten viele Aktive darauf gedrängt, dass sich die Gewerkschaft auch mit ihrem NS-Erbe auseinandersetzt, sagte GEW-Sprecher Ulf Roedde am Freitag in Frankfurt am Main. Deshalb habe man die Leipziger Historiker Jörn-Michael Goll und Detlev Brunner mit einer Studie zum Thema beauftragt. Deren Ergebnisse stellten Goll, Brunner und GEW-Chefin Marlis Tepe am Freitag auf einer Videopressekonferenz vor.

Die Autoren und Tepe betonten, es gehe um das Einordnen des Handelns der Gründerväter und -mütter »im historischen Kontext« und nicht um eine Beurteilung »nur mit heutigen moralischen Maßstäben«. Das bedeute aber nicht, dieses »zu rechtfertigen oder zu verteidigen«.

Die GEW berief sich zwar bei ihrer Gründung 1948 auf eine Vielzahl von Vorgängerorganisationen, doch in der Zeit des Hitlerregimes waren mit 97 Prozent nahezu alle Pädagogen Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund, dem alle vorher existenten Pädagogenverbände 1933 beigetreten waren. Dennoch hätten die Lehrer »in ihrer Gesamtheit keine besondere Nähe zum NS« entwickelt, sagt Studienautor Goll. Gleichwohl hätten die meisten die »verbrecherischen Maßnahmen des Regimes akzeptiert« und, wo dies von ihnen erwartet wurde, auch umgesetzt.

Die ersten Jahre der GEW waren davon geprägt, dass sich die Organisation »nahezu vorbehaltlos hinter ihre Mitglieder stellte«. Sie wirkte intensiv daran mit, dass auch »offensichtlich schwer belastete Mitglieder« entlastet wurden, so Goll. Die Anfang der 1950er abgeschlossenen Entnazifizierungsverfahren seien so fast immer zugunsten der Überprüften ausgegangen. Ohne diesen Ansatz, glaubten die GEW-Gründer, wäre der Wiederaufbau einer einflussreichen Interessenvertretung nicht möglich gewesen.

Auch Sozialisten wie Heinrich Rodenstein (GEW-Vorsitzender 1960 bis 1968) erkauften sich nach Einschätzung von Goll den Zusammenhalt im Verband durch Verschweigen und Verdrängen. Der erste GEW-Vorsitzende Max Traeger war hingegen bis zu dessen Auflösung sogar Mitglied im NS-Lehrerbund (NSLB). 1933 hatte er die Hamburger »Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungwesens« in den NSLB überführt. Über seine Biografie wird unter Mitgliedern gestritten, insbesondere junge Aktive fordern seit Jahren die Umbenennung der nach Traeger benannten Stiftung der GEW. Der Streit dürfte weitergehen, zumal Goll die Auseinandersetzung in der Studie lediglich referiert und auch die große Wertschätzung von Weggefährten für ihn und seine Verdienste hervorhebt.

Nach Angaben des Historikers hat in der GEW generell erst ab Ende der 1970er Jahre mit einer neuen Mitgliedergeneration die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Organisation begonnen. Durch den schnellen Aufbau von internationalen Beziehungen zu Schwesterorganisationen, so zur israelischen Lehrergewerkschaft Histadrut, und durch das Bekenntnis zu Menschenrechten und zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung habe sich die GEW zugleich erstaunlich schnell einen »tadellosen Ruf« erarbeitet, so Goll.

Der Autor mahnte, die Diskussion um das NS-Erbe müsse fortgesetzt werden. Die Studie könne dafür eine solide Basis sein. So sieht es auch GEW-Chefin Tepe. Der Geschäftsführer der Gewerkschaft, Jürgen Schmidt, benannte auf nd-Nachfrage zahlreiche Aufarbeitungsinitiativen auf Bundes- und regionaler Ebene. Zur Studie hatte die Gewerkschaft vor der Corona-Pandemie eine Veranstaltungsreihe geplant. Diese soll nachgeholt werden, wenn wieder echte Treffen möglich sind, die einen ungefilterten Austausch der Teilnehmenden ermöglichen. Tepe bekräftigte, die GEW werde sich diesem Erbe weiter offen und öffentlich stellen.

Jörn-Michael Goll: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und das NS-Erbe. Mit einem Vorwort von Marlis Tepe. Beltz Juventa, Weinheim und Basel 2021, 420 S., 39,95 Euro.

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