Werbung

Willkommen in der Literatenhölle

Eine angenehm respektlose Hommage an die Weltliteratur: Beka Adamaschwilis »In diesem Buch stirbt jeder«

  • Von Norma Schneider
  • Lesedauer: 3 Min.

In der »Literatenhölle« bekommen alle Schriftsteller*innen ihre ganz persönliche Strafe aufgebrummt: Hemingway darf nur noch Sätze mit höchstens fünf Wörtern sagen, James Joyce schreibt Anmerkungen zu seinen Anmerkungen und Dostojewski betreibt eine »Idealfigurenschmiede« und muss am Fließband perfekte Romanfiguren erschaffen.

Für den georgischen Autor Beka Adamaschwili ist die Literaturgeschichte ein Spielplatz. Sein aktueller Roman »In diesem Buch stirbt jeder« ist vollgepackt mit Anspielungen auf Bücher, Autor*innen, Stile und Genres. Mit Tempo zieht er die Leser*innen in eine Geschichte mit so vielen Brüchen und Ebenen, dass man kaum noch hinterherkommt. Die Hauptfigur ist Memento Mori, der »eines Morgens aus unruhigen Träumen erwacht« und herausfindet, »dass er eine Romanfigur ist«. Im Prolog seines Romans wird ein Mord angekündigt. Den will Memento Mori verhindern und beschließt, sich gegen sein Schicksal und den Autor des Romans aufzulehnen. Mit einer Art Zeitmaschine begibt er sich also auf eine halsbrecherische Reise durch verschiedene Werke der Weltliteratur.

Ihn begleiten weitere Figuren: Ein frustrierter Professor (»das Bedeutsamste, was er entdeckt hatte, war, dass alles Bedeutsame schon entdeckt worden war«) und eine junge Frau, deren Hinweise auf Sexismus in der Literatur leider ein bloßer Running Gag des Romans sind. Aber »In diesem Buch stirbt jeder« ist auch nicht der richtige Roman für ernsthafte Auseinandersetzungen, egal mit welchem Thema. Es will vor allem Spaß machen. Adamaschwili greift verschiedene Schauplätze und Stile auf, nimmt einen mit in Märchenlandschaften oder in ein kurzes Drama, halb Shakespeare, halb Beckett. Auch fremde Planeten und sogar ein Kapitel in Comic-Form dürfen nicht fehlen.

Die Literatenhölle ist die letzte Station des Romans. Wie die Geschichte dann ausgeht, können die Leser*innen sich selbst aussuchen: Es werden mehrere Enden angeboten - und wenn man sich für eines entschieden hat, kann man die überzähligen Seiten einfach heraustrennen.

Das Buch ist liebevoll gestaltet, mit vielen Illustrationen und typographischen Feinheiten. Witzige Fußnoten und besonders gekennzeichnete »Spoiler-Alerts« ziehen sich durch den Text. Auf dem Cover lassen sich diese Spoiler auch wie bei einem Rubbellos freirubbeln. Insgesamt ist »In diesem Buch stirbt jeder« ein großer Spaß, eine angenehm respektlose Hommage an die Weltliteratur.

Die Romanerzählung selbst hat allerdings keinen großen literarischen Anspruch oder Tiefe, aber das ist ja auch nicht immer notwendig. Leider verliert sich die Geschichte aber ein wenig hinter den vielen Anspielungen. Die sind zwar durchweg gut gewählt, aber die Witzedichte ist so hoch, dass es stellenweise zum bloßen Namedropping wird.

Beka Adamaschwili: In diesem Buch stirbt jeder. Aus dem Georgischen von Sybilla Heinze. Voland & Quist, 208 S., geb., 25 €

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung