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»Emma« spaltet weiter

In der Frauenzeitschrift hat eine Autorin einen Text gegen den »grassierenden Anti-Rassismus« geschrieben, der die Konfliktlinien in der feministischen Bewegung aufzeigt

  • Von Vanessa Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.
Alice Schwarzer, Herausgeberin der
Alice Schwarzer, Herausgeberin der "Emma"

»Rassistisch – Na und?« Was klingt, wie ein AfD-Wahlspruch, ist der Titel eines Beitrags in der aktuellen Ausgabe der Frauenzeitschrift »Emma«. Darin fordert die Französin Caroline Fourest, linke Feministinnen sollten sich als »rassistisch« und »islamophob« diffamieren lassen. Es ist ein Pamphlet gegen »politische Korrektheit« und den »grassierenden Anti-Rassismus«, den die Autorin ausdrücklich kritisiert.

Natürlich war die »Emma« noch nie für ihre anti-rassistischen Perspektiven bekannt: Herausgeberin Alice Schwarzer macht seit Jahren gegen den »politischen Islam« mobil und die Berichterstattung ihres Magazins zur Silvesternacht 2015 in Köln strotzte nur so vor Stereotypisierungen: Geflüchtete cis-Männer wurden als Angstfigur stilisiert, als übergriffige Angreifer und unkontrollierbare Gefahr für alle Frauen im Land. Als ob Sexismus und Patriarchat erst in besagter Nacht durch eben jene Geflüchtete in ein ansonsten super-feministisches Deutschland importiert worden wären. Die Artikel kamen damals jedenfalls auch bei Rechtspopulisten gut an.

Und dennoch: Schwarzer und die »Emma«-Redaktion hatten sich bisher meist vehement gegen den Vorwurf des Rassismus gewehrt. Bisher. Natürlich wird auch Fourest sich selbst nicht für besonders rassistisch halten. Ihr Aufruf, sich dennoch ungeniert als »rassistisch« bezeichnen zu lassen, wirkt deshalb eher wie eine perfide Taktik, die der Kritik an dieser Form des Feminismus künftig den Wind aus den Segeln nehmen soll.

Der Streit zieht sich seit geraumer Zeit durch die feministische Bewegung. Er wird zwischen meist älteren Feministinnen wie Schwarzer und einer jüngeren Generation geführt. Während Erstere die gesellschaftliche Ungleichheit von Frauen und Männern problematisieren, will die zweite Gruppe auch andere Ungleichheiten in ihrem Feminismus berücksichtigen: Rassismus, Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit, Armut oder Transfeindlichkeit zum Beispiel.

Kaum verwunderlich ist es da, wen Fourest in ihrem Artikel als Feind identifiziert: eine »identitäre Linke« – bestehend aus gelangweilten Millenials – die, so die Autorin, »die Rassentrennung, die Apartheid oder den Nazismus nie kennengelernt« haben und angeblich den Feminismus spalten: Ihr Einfluss auf Gewerkschaften, Fakultäten und politische Parteien werde immer größer, warnt Fourest. Und nun würden sie auch noch »die Oberhand über die Welt der Kultur« gewinnen.

Cancel-Culture, kulturelle Aneignung und politische Korrektheit – die Schlagworte sind altbekannt, die Argumente sind es auch: Es ist das ewig leidige Thema der Spaltung, das auch Fourest anbringt, wenn sie behauptet: Statt Vielfalt und Mischung anzustreben, bringe die »identitäre Linke« Identitäten gegeneinander auf und setzte schließlich die Minderheiten in Konkurrenz zueinander.

Das ist ein riesiges Missverständnis. Denn auf Ungleichheiten aufmerksam zu machen, ist nicht gleichbedeutend damit, sie zu schaffen: Rassismus, Antisemitismus, Transfeindlichkeit etc. werden nicht von gelangweilten Millenials einer »identitären Linken« kreiert – sie existieren schon längst in unserer Gesellschaft. Dass es sich bei Fourests Text dahingehend wohl nicht um bloßes Unwissen handelt, sondern dass dahinter auch eine gewisse Doppelmoral steckt, wird gegen Ende des Artikels deutlich, als sie einräumt: Eine »Nicht-Mischung« sei nachvollziehbar, wenn es etwa darum gehe, die Besucherinnen eines lesbischen Filmfestivals vor Spannern und Perversen zu schützen.

Identitästpolitik und darauf gründende Safe-Spaces sind in bestimmten Fällen also doch okay? Hat Fourest noch einige Zeilen zuvor vor einer »Rassentrennung an der Universität« gewarnt und damit etwa Schwarzen Studierenden genau diese sicheren Orte abgesprochen, fordert sie diese nun selbst. Damit entlarvt sich die Autorin nicht nur, sondern sie zeigt auch, worum es Feministinnen wie ihr eigentlich geht: um einen Feminismus für weiße cis-Feministinnen. Einen Feminismus, der nur eine Realität kennt und viele andere auf der Strecke lässt. Und das ist die eigentliche Spalterei.

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