In der Abenddämmerung Europas

Kristine von Soden hat die Schicksale jüdischer Flüchtlinge dokumentiert

  • Lesedauer: 9 Min.

Krieg!

Durch die Straßen der Niemandslande und der Niemandsmeere gejagt

»Das jüdische Schicksal hat seine Klimax erreicht. Es geht kaum mehr weiter, kaum noch kann auf den Gipfel des Elends noch neues Elend getürmt werden«, mutmaßt der Aufbau am 1. April 1939 in einem Bericht über Bilder aus aktuellen Wochenschauen …

»Judenschiffe - Totenschiffe - sie fuhren schon einmal, als Spanien seine Juden vertrieb. Aber damals gab es noch freundliche Küsten, Holland, die Türkei. (…) In der Abenddämmerung des untergehenden Europa gibt es keine Küsten mehr.«

Spätestens seit der Konferenz vom Juli 1938 im französischen Evian am Genfer See, wo Delegierte aus zweiunddreißig Nationen anderthalb Wochen über die dramatisch anschwellende jüdische Auswanderung aus dem nationalsozialistischen Machtbereich debattieren, um anschließend ihre Grenzen um so fester zu verriegeln, verspricht ein Fluchtort tatsächlich vorübergehende Rettung und Sicherheit: Shanghai - die Stadt am schlammigen Meer, verrucht, exotisch, brodelnd, reich geworden durch Opium und Schmuggel, wimmelnd von Menschen aller Religionen, von rasenden Rikschas und in den Gassen der Geruch der Garküchen, wie es Vicky Baum in Hotel Shanghai (1939), entstanden in ihrem Exil in Los Angeles und zunächst als Fortsetzungsroman in der Cosmopolitan veröffentlicht, bildhaft vor Augen führt: »Zehntausend Wichtigmacher laufen zwischen der westlichen und östlichen Kultur hin und her und versuchen zu vermitteln, zu erklären. Zehntausend Gestrandete klammern sich an den Rand der Gesellschaft, bevor sie untergehen. Zehntausend Erfolgreiche geben ihnen den letzten, mörderischen Stoß. Zehntausend andere kämpfen sich hinauf, Schritt für Schritt, in winzigen Vorteilen, mit schmalen Erfolgen, mit Ameisenzähigkeit und ohne Rücksicht. Viele sind gekommen und wieder verschwunden. Viele haben Wurzeln geschlagen im fremden Boden, sie haben Familien gegründet und Heime aufgebaut, und sie können keine andere Luft mehr atmen als die heiße, feuchte, schwere Luft von Shanghai …«

Rund achtzehntausend Verzweifelte machen sich bis zum Sommer 1939 in die Kapitale am Wang Poo auf, denn hier braucht man weder ein Affidavit noch ein Visum, auch kein Vorzeigegeld. Und das ist einzigartig auf der Welt. Eine Schiffspassage dauert mindestens vier Wochen, oft auch sechs, auch neun, je nachdem, wo und wie lange auf der Route angelegt wird und ob es Zwischenfälle gibt, die den Zeitplan blockieren: durch den Suez-Kanal und den Golf von Aden ins Arabische Meer und den Indischen Ozean, weiter durch die Meerenge von Malakka zwischen Malaysia und Sumatra ins Südchinesische Meer mit Kurs auf Hongkong und dann ans Ziel. Noch kein Jahr ist es her, dass japanische Bomber Teile Shanghais unbewohnbar gemacht haben. Aus den von japanischen Truppen besetzten Bezirken und Vierteln fluten seither Massen verelendeter chinesischer Flüchtlinge in die »offene Stadt«, schon bei der Annäherung auf die Silhouette erkennbar: gezeichnet von Ruinen, Verwahrlosung und Bergen von Schutt. Wer von den aus Deutschland Flüchtenden weiß davon? Wer von jenen aus Österreich? Viele, die ihr letztes Geld für eine Schiffskarte zusammengekratzt haben, versuchen ihr Glück - mit 10 RM als zugelassener »Freigrenze« im Handgepäck - ab Italien auf der Conte Rosso,Conte Verde, Conte Biancamano. Auch die Potsdam des Norddeutschen Lloyd fräst sich Seemeile für Seemeile durch die Wogen nach Fernost.

Niemand entscheidet sich aus freien Stücken für Shanghai. Doch wohin? Weltweite Einwanderungsbeschränkungen lassen kaum noch Silberstreifen am Horizont erkennen. »Nicht selten meldet die Chronik von Schiffen, die in den Häfen, für welche sie bestimmt sind, nicht landen können, weil sie als Fracht jüdische Wanderer führen«, so Mitte Juni das Jüdische Nachrichtenblatt. Außerdem: »Überseeländer, die in homöopathischen Dosen Juden zugelassen haben, verschließen von einem Tage zum anderen ihre Grenzen, ohne zu bedenken, dass eine größere Anzahl jüdischer Wanderer im Vertrauen auf die bis dahin in Kraft gewesenen Bestimmungen ihre Ausreise bereits völlig vorbereitet haben.« Schon seit Monaten illustrieren Anzeigen das notwendige Umdisponieren und die Angespanntheit: »Wer tauscht Schiffskarte ab Genua 27. April in 29. März?« - »Passagen für Chile gesucht: 2 Personen via Peru per März bis Mai« - »Brasilien: Wer betreut achtjährigen Jungen auf Überfahrt?«

Im August 1939 ist auch mit den Shanghai-Passagen Schluss. China nimmt nur noch vereinzelt Flüchtlinge auf. »Es ist unmöglich zu erfahren, wann ungefähr wir nach USA können, und ohne diesen Nachweis bekommen wir das Permit für England nicht. Überall wirft man uns Steine in den Weg«, notiert Hertha Nathorff zum Jahresauftakt 1939 in ihr Tagebuch. Mitte Januar teilt ihr der Hilfsverein der Juden in Deutschland mit, dass die Einreiseerlaubnis für August vorliegen wird. Vier Wochen später: »Das Permit für England ist da! Der Aufenthalt für ein halbes Jahr genehmigt!« Heinz sitzt im Zug auf die britische Insel, vorausgeschickt mit einem Kindertransport. »Früh um 6 Uhr haben wir den Jungen zum Schlesischen Bahnhof gebracht. (…) Wie erschütternd das war!«, schreibt Hertha Nathorff am 2. März. Nun steht die Haushaltsauflösung an. Bis ins letzte Detail muss das »Umzugsgut für Auswanderer« in mehreren Vordrucken aufgelistet und termingerecht angemeldet werden. Nicht, was gefällt, darf in die Lifts. Erlaubt sind ausschließlich »Gegenstände, die zum persönlichen Gebrauch notwendig« sind. Was darunter zu verstehen ist, bestimmt ein wieder neuer NS-Imperativ: Unterm Strich ein fast Nichts. Denn alles »Hoch wertige«, was »zum Wiederverkauf« geeignet erscheint, hat im Hitlerreich zu bleiben, von der Kamera über das Violoncello bis zum Kristallspiegel. Desgleichen alles, was von »besonderer geschichtlicher, künstlerischer oder kultureller Bedeutung« ist. In genehmigten Ausnahmefällen sind die betreffenden Anschaffungswerte in Form einer Abgabe an die Deutsche Golddiskontbank zu zahlen. Sämtliche im jüdischen Besitz befindlichen »Gegenstände aus Gold, Platin und Silber sowie Edelsteine und Perlen« mussten bereits im März in Pfandleihanstalten abgeliefert werden. Auch Hertha Nathorff erfüllte ihre Pflicht. Die Brillantbrosche von ihrer Mutter, ein Ring von Erichs Großvater, die Halskette, die sie zur Geburt von Heinz geschenkt bekam - alles weg. Lediglich Trauringe und silberne Armbanduhren dürfen behalten werden sowie pro Person ein Tafelsilber-Essbesteck, darüber hinaus »sonstige Silbersachen bis zum Gewicht von 40g je Stück bis zu einem Gesamtgewicht von 200g je Person«. Die Kosten für die Prüfung des Umzugsgutes gehen zu Lasten der Geprüften. Quittiert mit Reichsadler und Hakenkreuz.

Am 27. April 1939 stehen die Koffer der Nathorffs vor der Tür, das Arztehepaar hat keinen Hausschlüssel mehr. »Es ist vorbei. Um Mitternacht sind wir fortgefahren«, lautet Hertha Nathorffs vorletzter Tagebucheintrag. Und ihr letzter, am 28. April: »Auf der ›Bremen‹! (…) Das Schiff ist wie ein Gespensterschiff. Kein Passagier, niemand von der Besatzung, niemand ist zu sehen, nur ich gehe suchend durch die Gänge. (…) Ich will mir eine neue Heimat verdienen!«

Seit ihrer Emigration nach England, Ostern 1934, ließ Tisa von der Schulenburg vorschriftgemäß Jahr für Jahr ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängern. Nun, Ostern 1939, steht der Termin wieder an. Doch hat sich inzwischen Einschneidendes getan. Fritz Hess und sie sind auseinandergegangen. Im Guten, sehr Guten sogar, was die Scheidung nicht einfacher gemacht hat. Für den Distrikt Durham soll Tisa 1939 als Kunstberaterin tätig sein. »Zog mich das Bergwerk so an, weil ich mich in der Finsternis befand? Im Dunkeln tappte? In mir war Unruhe, in meinem Leben Unordnung«, schreibt sie in ihren Erinnerungen. Das Sommerhaus in Walberswick hatte Fritz ihr geschenkt. Aber Tisa kann es nicht halten, muss es schon bald veräußern. »Ich zeichnete Stürzende, Fallende«. Ihre Mutter erlitt mehrere Schlaganfälle, ihr seit langem schwer kranker Vater wird in einem Lungensanatorium in St. Blasien im Schwarzwald gepflegt. Es drängt sie zu einem Besuch in Deutschland. Ihr neuer Pass ist aber noch nicht da, der Pass mit ihrem Mädchennamen. Ohne ihn gibt es keine Aufenthaltsverlängerung. Kriegsangst sitzt Tisa im Nacken. Und der Konflikt mit ihren Eltern. Auf einer Wanderung entlang der hohen, felsigen Klippen von Cornwall in wilder Einsamkeit kreist ihr durch den Kopf: »Wozu lebte ich? Wo war der Sinn?«

Zurück in London, kann sie ihren Pass in der deutschen Botschaft abholen. Sechs Monate dauerte die Bearbeitung. Am nächsten Morgen trifft ein Telegramm ihrer Brüder ein: Der Vater liegt im Sterben. Mittags sitzt Tisa im Flugzeug nach Köln. Aufwühlende Tage stehen ihr bevor, eingeholt von Gefühlen, die sie in die Schächte der Vergangenheit katapultieren. In Berlin trifft sie Fritzi, ihren Lieblingsbruder. Nach einer halben Ewigkeit. Er vertraut ihr an, dass er mit Gleichgesinnten ein Attentat auf Hitler vorbereitet. Nach dem Begräbnis des Vaters in Tressow, das nicht mehr das Tressow ihrer Träume ist, fliegt Tisa nach London zurück. Im Grenz-Office verwehrt man ihr die Wiedereinreise und beordert sie dorthin zurück, woher sie vor wenigen Stunden gekommen ist. Noch am selben Tag, den 2. Juni 1939. Im August stirbt Tisas Mutter nach einem weiteren Schlaganfall. Für Tisa ein Zeichen des nahenden Krieges. »Der Totentanz begann …«

Die jüdische Auswanderung wird immer unübersichtlicher, immer waghalsiger und mehr und mehr zum Geschäft. Denn nun profitieren zunehmend auch international agierende Schlepperbanden davon, die »sichere« Passagen zu horrenden Preisen verkaufen, meist auf seeuntüchtigen Trajekten, überfüllten Booten und abgewrackten Frachtern, weil jene, die in die Fänge obskurer Mittelsmänner geraten, nur einen Wunsch haben: Raus aus dem SS-Staat, egal wie! Am 1. Juli 1939 schockiert das Exilmagazin Das neue Tagebuch aus Amsterdam und Paris mit einem Report Die durch die Meere irren: »Zehntausend wandernde Juden ohne Visa und ohne Geld werden heute, wie Tiere, durch die Straßen der Niemandslande und der Niemandsmeere gejagt. Ohne Heim kampieren sie zwischen den Grenzen Deutschlands und seiner Nachbarn.« Achtzehn Ozeandampfer mit über fünftausendsechshundert jüdischen Männern, Frauen und Kindern kamen dem Report zufolge in den zurückliegenden drei Monaten nie an ihrem Zielort an. Etliche Levante-Schiffe wie die Agios Nicolaos, Astir und Marmora starteten in griechischen Häfen auf dem Weg nach Palästina. Ohne Erfolg. Die Abgewiesenen werden auf »Einöd-Inseln« ausgesetzt oder in »verborgene Höhlen der weinbeschatteten ägäischen Küste« verbracht. Eine der Hauptursachen der verheerenden Zustände sind die stark herabgesenkten Einwanderungskontingente auf der Basis des britischen Weißbuchs vom Mai 1939, deren Verlautbarungen zufolge die Einwanderungen nach Palästina bis 1944 auf jährlich zehntausend sowie einmalig fünfundzwanzigtausend Flüchtlinge begrenzt werden sollen. Danach sind keine jüdischen Einwanderungen mehr vorgesehen, »es sei denn, die Araber Palästinas wären hierzu bereit«, wie es in einem der entscheidenden Punkte heißt. In einem weiteren bekundet die »Regierung Seiner Majestät« ihre Entschlossenheit, »die illegale Einwanderung zu verhindern«, was diese aber umso gnadenloser ankurbelt. Den arabischen Zorn bewusst aufstachelnd, hat die Gestapo bei ungezählten illegalen Passagen ihre Finger im Spiel, organisiert über die im Januar 1939 vom Reichsinnenministerium konstituierte Reichszentrale für die jüdische Auswanderung, einem Organ der Geheimen Staatspolizei nach dem Muster der ähnlich lautenden Zentralstelle für die jüdische Auswanderung in Wien unter Adolf Eichmann.

Kristine von Soden:
»Und draußen weht ein fremder Wind ...« Über die Meere ins Exil
AvivA-Verlag
240 S., geb., 20,00 €

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