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Liebhaber marokkanischer Fliesen

In »Ruhe! Hier stirbt Lothar« gibt Jens Harzer einen totgesagten Eigenbrötler im Wiederauferstehungsmodus

Lothars bester Freund ist Bosco, ein struppiger Köter, mit dem der Endvierziger spricht, spielt und knuddelt. Menschen gegenüber geizt Lothar Kellermann (Jens Harzer) dagegen mit Worten. Zwar kann er den Kunden in seinem Geschäft fachkundig von den marokkanischen Zementfliesen in seinem Sortiment vorschwärmen. Doch seine beiden Angestellten bedenkt er lediglich mit »Guten Morgen« und »Tschüs«. Moment, Sekretärin Elisabeth darf sich von ihm noch abfällige Bemerkungen über ihre Blusen anhören. Denn Einfühlungsvermögen ist Lothars Sache nicht. Und da er Probleme mit Emotionen hat, möchte er auf die der anderen auch nicht eingehen.

Eines Tages wird der bieder gekleidete Geschäftsmann mit einer niederschmetternden Diagnose konfrontiert: Krebs im Endstadium. Also verkauft Lothar sein Haus, lässt den Hund im Tierheim und vermacht dieser Einrichtung sein gesamtes Vermögen, bevor er ins Sterbehospiz zieht. Denn funktionieren tut Lothar, das hat er sein ganzes Leben lang getan. Jedenfalls bis jetzt.

Im Hospiz mit dem eher unpassenden Namen »Olivenhain« überkommt ihn schon mal die Verzweiflung. Doch in der attraktiven, wenn auch ebenfalls todkranken, Rosa (Corinna Harfouch) findet er eine herausfordernde Leidensgenossin. Rosa gönnt sich jeden Tag einen Zigarillo auf einer Bank im Park des Hospizes. Sie hat viel Empathie, aber wenig Respekt vor wehleidigen selbstgerechten Männern. Mit ihrer direkten und spöttischen Art zieht sie Lothar auf - und an. Bald empfindet er tiefe Gefühle für sie. In seinem Ex-Geschäft klaut er ihr sogar marokkanische Fliesen, damit sie in ihrem restlichen Leben noch etwas Schönes sieht.

Auch Lothars Leidensweg wird sich fortsetzen, aber nicht im Hospiz, sondern in dem für ihn unergründlichen Diesseits. Der Krebs hat sich nämlich als Fehldiagnose entpuppt. Nun muss er lernen, sich dem Leben zu stellen, sich auf Menschen einzulassen, einen tollpatschigen Schwiegersohn in spe zu akzeptieren und die Welt auch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Denn der WDR-Fernsehfilm »Ruhe! Hier stirbt Lothar« erzählt eine Art Wiedergeburt, ist auf eine mal berührende, mal humorvolle Weise moralisch und passt zudem trefflich in die Corona-Ära.

Während Menschen in Zeiten von beschränkter Mobilität, von Sorge um Familienmitglieder und von zum Teil radikal veränderten Arbeitsbedingungen ihren bisherigen Lebensstil hinterfragen, muss auch der nun mittellose Lothar sich wohl oder übel neu erfinden. Offenbar sind nicht immer nur die anderen schuld - für ihn eine revolutionäre Erkenntnis. Natürlich wird sie als Prozess geschildert, ebenso wie sein vorsichtiges Herantasten an seine neue Existenz. Gänzlich überraschend für die Zuschauer gestaltet sich die Läuterung des Misanthropen nicht. Das bringen Genre und Erzählton mit sich.

Dennoch ist der Film weder Rührstück noch Lehrstück, entwirft etliche glaubhafte Figuren und geriert sich auch nicht so konfliktscheu wie sein verdruckster Held. Der großartige Jens Harzer trägt den Film mit eindrucksvollem Charisma. Er schafft es, aus einem »Arschloch« (O-Ton Rosa) mit hängenden Schultern und großen Augen hinter der Nerd-Brille doch noch einen irgendwie liebenswerten Typen zu machen. Sein weiblicher Gegenpart, die nicht minder grandiose Corinna Harfouch, die vor Kurzem in der Spionage-Serie »Deutschland ’89« noch mit verschlagener Eleganz punktete, gibt gänzlich uneitel und anrührend eine Sterbende mit großem Mundwerk.

Dass ihre Figur dem mit sich und der Welt hadernden Eigenbrötler auch den Anstoß gibt, das Leben wertzuschätzen und aus sich herauszugehen, beschert uns schließlich eine herzzerreißende Karaoke-Version von Phil Collins’ Power-Kitsch-Ballade »One More Night«.

Und womöglich weist dieses von Regisseurin Hermine Huntgeburth (»Lindenberg! Mach dein Ding«) gewohnt souverän inszenierte Werk ja auch Wechselwirkungen zu unserer derzeitigen Lebenssituation auf. Es wurde unter strengen Corona-Sicherheitsauflagen gedreht und handelt von Distanz und deren allmählicher Auflösung. Möge diese Entwicklung auch für uns bald Wirklichkeit werden.

»Ruhe! Hier stirbt Lothar«, 27.1. , 20.15 Uhr ARD (und anschließend in der ARD-Mediathek)

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