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Historiker: Keine gesellschaftliche Wende durch Corona

Frühere Epidemien hätten eher eine nostalgische Rückwendung befördert

  • Lesedauer: 3 Min.
Seuchenmasken, wie man sie im Mittelalter gegen die Pest trug
Seuchenmasken, wie man sie im Mittelalter gegen die Pest trug

Frankfurt am Main. Die Coronakrise und ihre Folgen werden nach Ansicht des Historikers Volker Reinhardt nicht zu einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel führen. Voraussagen des weiteren Verlaufs der Krise seien zwar gewagt, sagte Reinhardt dem Evangelischen Pressedienst (epd). Historische Vergleiche zu Pest-Epidemien zeigten aber, dass die Mentalitäten der Menschen sich nach einer überstandenen Epidemie konservativer einfärbten. »Es gibt eine nostalgische Rückwendung zu einer vermeintlich besseren Zeit. Man sucht nach verlorener Geborgenheit«, sagte Reinhardt, dessen Buch über die Große Pest zwischen 1347 und 1353 am Mittwoch erschienen ist.

Wenn man etwas aus der Geschichte der großen Seuchen für die Zeit der Corona-Pandemie und ihre Folgen lernen könne, dann, dass noch keine Epidemie jemals eine neue »Epoche« eingeläutet habe, wie manche nun eine ökonomische und ökologische Wende voraussagen, sagte Reinhardt. Als zweites Phänomen habe die Pest-Epidemie eine Skepsis gegenüber ökonomischen, geistlichen und politischen Eliten befördert, sagte der Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit in Fribourg (Schweiz). Diese hätte im 14. Jahrhundert auch mit etwas zeitlicher Verzögerung zu Unruhen geführt, etwa in Venedig oder Florenz. Sie seien als direkte Reaktion auf das Scheitern der Obrigkeit zu verstehen, die es vielerorts nicht geschafft habe, die Pest einzudämmen. Während der Pest-Epidemie im 14. Jahrhundert starb Schätzungen zufolge gebietsweise in Europa ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung.

Die Pest-Epidemie habe eine Konfliktstimmung in der Gesellschaft erzeugt. In Deutschland mündete diese Katastrophenstimmung in einigen Städten wie Würzburg und Frankfurt in Pogrome gegen Juden. Man habe nach Schuldigen für die Pestkatastrophe gesucht und in Deutschland sei der Verdacht häufig fatalerweise auf die jüdischen Gemeinden gefallen. Papst Clemens VI. habe in seiner Pest-Bulle die Juden zwar explizit vor Verdächtigungen in Schutz genommen. Für die einfachen Leute sei das aber eine abgehobene Elitenmeinung gewesen.

Es habe eine tiefe Kluft zwischen Elitenkultur und Volkskultur gegeben, sagte Reinhardt. »Ich sehe darin auch Parallelen zu der Pandemie des 21. Jahrhunderts«, sagte Reinhardt. »Wir haben diesen Konflikt zwischen Eliten- und Volkskultur noch heute, und das Böse muss für viele Menschen immer ein Gesicht haben.«

Vergleichbar sei auch der alarmistische Tonfall der Pestberichte, die die Situation stark übertrieben und die soziale Auflösung der Gesellschaft beschrieben hätten, obwohl dies nicht der Fall gewesen sei. Die heutigen Schreckensszenarien seien zwar wissenschaftlich seriös, aber die Adressaten dieser Botschaften könnten das nicht wissenschaftlich überprüfen. Ohne Not schürten sie Angst.

»Politik sollte sich auf Fakten stützen und muss sicherlich auch mögliche Gefährdungen berücksichtigen.« Aber nach seiner Ansicht gehe man in der an sich wissenschaftlich legitimen Ausmalung der Worst-Case-Situationen manchmal zu weit. epd/nd

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